Bayerns Sieg gegen Werder Meister geht auch dreckig

Das 1:0 gegen Bremen musste sich der FC Bayern mühsam erarbeiten, der Druck im Titelrennen bleibt hoch. Eine fast vergessene Erfahrung, die dem Team Spaß zu machen scheint.

Siegtorschütze im Schwitzkasten: Niklas Süle (2.v.l.)
Ronald Wittek/EPA-EFE/REX

Siegtorschütze im Schwitzkasten: Niklas Süle (2.v.l.)

Aus München berichtet Florian Kinast


Niko Kovac ballte beide Fäuste, neben ihm vollführte Hasan Salihamidzic ungelenke, dafür äußerst leidenschaftliche Veitstänze. Thomas Müller kickte vor Begeisterung eine Trinkflasche über den trockenen Rasen der Münchner Arena.

Die Szenen nach dem späten 1:0-Siegtreffer von Niklas Süle in einem mühsamen Spiel gegen Werder Bremen verrieten viel über den selten so angespannten Gemütszustand beim FC Bayern. Eine schon fast vergessene Erfahrung, stolzierten sie doch in den vergangenen Jahren zu diesem Zeitpunkt meist im Schongang der schon längst feststehenden Meisterfeier entgegen.

Vergeblich versuchten die Beteiligten dann immer, eine erkünstelte Spannung herbeizureden, während im Hintergrund die Sponsoren schon seelenruhig an den Details der Meisterfeierlichkeiten tüftelten, etwa in welcher Auflösung die an Drei-Liter-Gläsern installierten GoPro-Kameras Livebilder der obligaten Bierduschen übertragen dürften. In diesem Jahr ist das anders. Vielleicht wissen sie bis zum letzten Spieltag nicht, ob es überhaupt Bierduschen geben wird - und genau das scheinen die Bayern gerade sehr zu genießen.

"Das sind jetzt alles Endspiele"

Bei den sechs vergangenen Meisterschaften lag der Vorsprung auf den Zweiten immer zwischen 10 und 25 Punkten. Langweilig. Aber mal Meister im Mai, mit der Brechstange auf der Zielgeraden, in einem echten Fernduell, das hatte so noch keiner der altgedienten Profis in Diensten des FC Bayern erleben dürfen. Patrik Andersson in Hamburg, der Freistoß in der Nachspielzeit, während Rudi Assauer in Schalke schon verfrüht die Meisterschaft bejubelt hatte. 2001 war das, gefühlt kurz nach Erfindung des Farbfernsehens.

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Bayerns Sieg gegen Bremen: Erzwungenes Glück

Jetzt hingegen stehen sie in jeder ausstehenden Partie mächtig unter Strom. Eine Situation, aus der sie jetzt auch Kraft ziehen. "Es ist schön, dieses Kribbeln zu spüren, diese Spannung", sagte etwa Torhüter Sven Ulreich. "Das sind jetzt alles Endspiele, da sind die Emotionen nochmal höher, geht man auch mit einem ganz anderen Fokus rein als in die letzten Spiele der letzten Jahre."

Als sich die Bayern vor fünf Jahren bei Eiseskälte mit einem 3:1 in Berlin noch im März die Schale sicherten, trugen sie Handschuhe. Nun müssen sie noch im vorsommerlichen Frühling die Ärmel hochkrempeln, damit es etwas wird mit der 29. Meisterschaft. "Dass wir nur noch Endspiele haben, das hilft uns, konzentriert zu bleiben", sagte auch Süle und ergänzte zu seinem Treffer, den von Bremens Davy Klaassen unhaltbar abgefälschten Distanzschuss: "Dann muss auch mal so ein dreckiges Tor herhalten."

Nach Werder ist vor Werder

Natürlich muss es genau in so einem Spiel auch mal ohne den großen Glanz gehen - und vielleicht auch noch in den restlichen vier Partien der Bundesligasaison. In Nürnberg und gegen Hannover, dann in Leipzig und zum Schluss in Frankfurt, Begegnungen, in denen es mutmaßlich auch für die Gegner noch um viel geht. Um den Liga-Verbleib oder um Europa. Leichtfüßige Eleganz wird man von den Bayern frühestens nächste Saison wiedersehen, jetzt geht es um Kampf, um Geduld, um gnadenloses Grasnarbengegrätsche.

Nach dem Sieg gegen Bremen gab Trainer Kovac als bekennender Katholik seiner Mannschaft für Ostersonntag noch trainingsfrei. "Es ist ein Fest, das gefeiert werden muss", sagte der Bayern-Coach. Auf eine Steigerung der festlichen Stimmung durch einen Dortmunder Ausrutscher in Freiburg am Sonntagnachmittag wagte kaum einer zu hoffen. Leon Goretzka geht davon aus, dass der BVB "das relativ souverän lösen" werde. Dann werden sie eben weiterkämpfen, im Fernduell, bis zum letzten Spieltag.

Dass der nach 87 Minuten eingewechselte Renato Sanches einmal mehr über sein Reservistendasein klagte ("Fünf Minuten sind zu wenig") und mit seinem Abschied kokettierte ("Ich muss sehen, was für mich das Beste ist, ob ich in Portugal spiele, Spanien oder England"), ist für die Bayern verschmerzbar. Ab Ostermontag geht es in die Vorbereitung auf den Pokalschlager am Mittwoch in Bremen, ein Spiel für neuerlichen Adrenalinschub.

Das Halbfinale. Das nächste Endspiel.

Bayern München - Werder Bremen 1:0 (0:0)
1:0 Süle (75.)
Bayern: Ulreich - Kimmich, Süle, Boateng, Alaba - Martínez (59. Goretzka), Thiago - Gnabry, Müller (70. Ribéry), Coman - Lewandowski
Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson - Sahin (81. Pizarro) - Möhwald (60. Langkamp), Eggestein, Klaassen - Rashica (73. Osako), Kruse
Schiedsrichter: Welz
Gelb-Rot: Veljkovic (58.)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
spon_2937981 21.04.2019
1. Enttäuschend
Mensch, Kinast, wo ist die bissige Häme geblieben??? Nur diese harmlose Spitze mit den GoPro-Kameras, das können Sie doch besser. Hab schon letzte Woche den Bayern-Schmäh-Artikel von Ihnen vermisst, und jetzt diese Belanglosigkeit- im Fußball würde man es 'Kullerball' nennen. Das nimmt mir ein wenig die Zuversicht im Meisterschaftskampf, denn: je besser und erfolgreicher die Bayern, um so hämischer der Kinast. Im Umkehrschluss lässt das befürchten, dass die Bayern gerade noch stolpern könnten.
jan07 21.04.2019
2. Gepflegte Langeweile
Also dann wieder mal die Bayern. Klar, sie sind nun mal die Besten. Aber Spannung in der Liga sieht anders aus.
thomas.kistler 21.04.2019
3. Da war überhaupt nichts dreckig!
Das war ein sehr gutes Heimspiel, nur hatten die Bremer halt einen wirklich guten Torwart! Allein der Reflex gegen Gnabry in der ersten Halbzeit - Super!
twillos 21.04.2019
4. @ jan 07
Ein Punkt Abstand und Sie reden von gepflegter Langeweile? Ab welchen Punktestand kommt denn dann Spannung auf?
NauMax 21.04.2019
5.
Zitat von jan07Also dann wieder mal die Bayern. Klar, sie sind nun mal die Besten. Aber Spannung in der Liga sieht anders aus.
Ernsthaft jetzt? Das Titelrennen ist bis zum letzten Tag offen und trotzdem ist es "langweilig", weil die Bayern um den Titel spielen?
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