Erkenntnisse aus dem Bundesliga-Spieltag Anleitung zum Bayern-Besiegen

Hoffenheim hat den FC Bayern geschlagen - als erstes Team seit Dezember, und das deutlich. Für alle anderen Bundesliga-Mannschaften könnte die Partie zur Blaupause werden.
Gleich viermal bezwungen: Bayern-Torwart Manuel Neuer

Gleich viermal bezwungen: Bayern-Torwart Manuel Neuer

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WOLFGANG RATTAY / REUTERS

Bayern München hat erstmals nach 295 Tagen wieder ein Fußballspiel verloren. Was Barcelona, Dortmund und Paris Saint-Germain nicht gelungen ist, hat die TSG Hoffenheim vollbracht. Der Sieg fiel nicht einmal knapp aus, mehr noch, das 1:4 schmeichelte den Münchnern. Wer die Bundesliga verfolgt, rätselt nun darüber, wie das eigentlich passieren konnte. 

Es war der Hoffenheimer Weg, der die TSG zum Sieg führte. Und der von Trainer Sebastian Hoeneß. Aber: Ein paar Dinge kann sich die Bundesliga vielleicht trotzdem abschauen, sobald das eigene Spiel gegen die Bayern ansteht. Vielleicht gewinnt der Rekordmeister dann zumindest nicht immer, sondern nur an drei von vier Spieltagen. Das wäre doch schon was.

Hier sind die Erkenntnisse aus dem Hoffenheim-Spiel:

1. Erwische die Bayern, wenn sie müde sind oder nachdem sie einen Titel gewonnen haben! Am besten beides.

Die schlechte Nachricht: Genau, das liegt nicht in des Gegners Hand. Dass die Münchner drei Tage vor Hoffenheim den Supercup gewonnen hatten und in der Folge Robert Lewandowski und Leon Goretzka schonten, gehört zur Erklärung dieser Niederlage. Ganz frisch wirkten die Bayern nämlich nicht. Das gilt weniger im Hinblick auf die Ausdauer denn auf den Kopf. Benjamin Pavards Aussetzer vor dem 0:2, der von Joshua Kimmich vor einer Großchance von Munas Dabbur in der 51. Minute - solche Fehler unterlaufen Bayern-Profis üblicherweise nicht. Um einen Gegner zu besiegen, der bessere Spieler und eine gute Taktik hat, muss eben einiges zusammenkommen.

Hoffenheims Leistung aber soll das nicht schmälern. Das 1:4 mit Lewandowskis Fehlen in der Startelf zu erklären, griffe etwa zu kurz. Bayerns Problem war schließlich nicht die Chancenverwertung, sondern, dass sich das Team zu wenige Chancen erspielte - und überraschend viele zuließ. Wie das ging, lesen Sie hier:

2. Setze auf lange Bälle! Aber mach es mit einem Plan!

Lange Bälle? Ist das nicht das, was die Bayern mit ihrem hohen Anlaufen provozieren wollen? Ja, ist es. Hoffenheim praktizierte aber keine undurchdachten Befreiungsschläge, die dann bei Münchner Verteidigern landen. Die Angriffe der TSG wirkten koordiniert.

In einer ersten Phase spielte Torwart Oliver Baumann den Ball oft erst mal kurz zu einem Teamkollegen im Strafraum. Den pressenden Bayern war das ein Signal zur Attacke. Als sei das nur ein TSG-Lockmittel gewesen, kam dann der Pass zurück auf Baumann - und in der Folge der lange Ball. 31 lange Bälle schlug Baumann insgesamt laut Whoscored.com. Sämtliche TSG-Feldspieler kamen zusammengenommen auf 216 Pässe.

Entscheidend aber war, was danach folgte.

Zwei Hoffenheimer Angreifer positionierten sich sehr breit nahe der Seitenlinie. Der dritte stand oftmals nicht bei Bayerns Innenverteidigern, sondern etwas versetzt Richtung Mittelfeld. Das hatte zwei Effekte: Durch die breite Postierung wurde Bayerns Abwehrkette entzerrt, es entstanden große Schnittstellen. Und weil die zentralen Spieler ihre Positionen nur zögerlich verließen, entstanden Situationen, in denen der zentrale Hoffenheimer Stürmer mit Tempovorteil auf sie zu sprinten konnte. Oder besser: an ihnen vorbei in die Tiefe. Sofern die Hoffenheimer denn zuvor den langen Ball unter Kontrolle bekamen.

Eine zweite Variante bestand darin, dass der lange Baumann-Ball direkt mittels Kopfball in die Tiefe verlängert wurde. Auch hier waren abgestimmte Laufwege entscheidend. Fast immer ein prägendes Mittel: das Aufreißen von Lücken zwischen den vier Abwehrspielern. Das gelang, weil David Alaba oft die Nähe seines Linksverteidigers Alphonso Davies suchte, die beiden verbliebenen Bayern-Abwehrspieler aber nicht nachschoben.

Dass Hoffenheim flach nach vorne kombinierte, kam selten vor. Das Team ließ sich nicht aufs Pressing der Bayern ein, und das war ein Schlüssel zum Sieg.

3. Laufe viel! Aber laufe vor allem klug!

Hoffenheim-Trainer Hoeneß ließ seine Elf in einer 5-3-2-Formation verteidigen. Theoretisch bietet sie gerade defensiv Vorteile: Überzahl im Abwehrzentrum bei gleichzeitiger Abdeckung der Breite durch den fünften Verteidiger. Davor sind drei zentrale Mittelfeldspieler positioniert. Auf dem Papier ist dieser Abwehrwall schwer zu überwinden; in der Praxis ist das den Bayern dennoch regelmäßig gelungen. Hoeneß ist schließlich nicht der erste Coach, der den Münchnern so beizukommen versuchte.

Dass es diesmal gelang, lag an den vielen Details, die die TSG sehr gut machte. Gerade die drei Mittelfeldspieler, Dennis Geiger, Diadié Samassékou und Christoph Baumgartner, spielten stark. Geiger und Baumgartner machten weite Wege im Pressing, indem sie ihre Positionen verließen und die Bayern anliefen, Samassékou sicherte das intelligent ab. Das Trio traf sehr oft die richtige Entscheidung, wenn es darum ging, ob nun ein Gegenspieler eng gedeckt oder doch besser der Raum gesichert werden sollte.

Und die gesamte Hoffenheimer Mannschaft war flexibel. Baumgartner etwa begann im halbrechten Mittelfeld, später fand er sich plötzlich als linker Außenverteidiger wieder - er hatte erst die Seite gewechselt und dann einen freien Gegenspieler übernommen, weil die Situation es eben erfordert hatte. Allerdings: Bayerns Positionswechsel, eines der prägenden taktischen Merkmale unter Trainer Hansi Flick, war diesmal auch weniger stark ausgeprägt. Für die TSG machte das die Aufgabe etwas lösbarer.

4. Trainiere Standards! Viel! Wirklich!

In Führung gegangen zu sein, war für Hoffenheim ein Plus, fortan mussten die Bayern noch ein bisschen offensiver spielen. Und das 1:0 resultierte aus einer Eckballvariante. Die TSG-Spieler fluteten dabei den bayerischen Fünfmeterraum und brachten den Ball dann scharf in diesen hinein - mit Drall hin zum Tor. Damit war es für Manuel Neuer kaum möglich, sein Tor zu verlassen und den Ball wegzufausten. Und selbst das Wegköpfen war plötzlich gefährlich: Den Ball nicht optimal zu erwischen, hätte leicht in einem Eigentor münden können. Den Treffer besorgte dann aber Ermin Bicakcic.

Überhaupt zeigte dieser zweite Bundesliga-Spieltag, dass offenbar viele Teams einige Zeit darauf verwendet haben, Standards einzuüben. Elf der 27 Treffer resultierten aus ruhenden Bällen, das ist ein ziemlich hoher Wert. In einer Saison, die aufgrund der Pandemie spät begann und sehr lang wird, ist es keine schlechte Idee, die am wenigsten anstrengenden Situationen im Fußball zu perfektionieren.

5. Schöpfe dein Wechselkontingent aus!

Ein Grundproblem für nahezu alle Bayern-Gegner: Sie haben kaum den Ball. So müssen sie permanent verschieben, was über kurz oder lang erschöpft, die Beine und den Kopf. Die weiten Wege, die Hoffenheims Achter, Geiger und Baumgartner, immer wieder zu gehen hatten, hätten sie wohl nicht über 90 Minuten durchgehalten. Mussten sie auch nicht. Beide wurden nach etwa einer Stunde ersetzt.

Auch im Angriff ermöglichte es der frische Einwechselspieler Ihlas Bebou, den Bayern-Verteidigern in der Schlussphase mit Tiefenläufen wehzutun. Zwei Treffer bereitete Bebou vor und hatte damit nebenbei einen größeren Einfluss aufs Spiel als sämtliche Einwechselspieler der Bayern. Aber über deren Minikader ist ja bereits zur Genüge geschrieben worden.

Bonus: Stelle Samassékou auf!

Neben den augenscheinlichen Schlüsselspielern gegen die Bayern, Andrej Kramaric mit seinen beiden Treffern, oder Munas Dabbur mit seinem Traumtor zum 2:0, war Diadié Samassékou der heimliche TSG-Held.

TSG-Mittelfeldspieler Diadié Samassékou, Bayern-Star Leroy Sané: Wohin mit dem Ball?

TSG-Mittelfeldspieler Diadié Samassékou, Bayern-Star Leroy Sané: Wohin mit dem Ball?

Foto: Markus Ulmer / imago images/ULMER Pressebildagentur

Samassékou, 24, im zentralen Mittelfeld daheim, schaffte vier direkte Balleroberungen (Topwert des Spiels) und fing fünf Bälle ab (Topwert des Spiels). Und sobald er den Ball errungen hatte, spielte er ihn prompt und präzise nach vorne. Meist ist das ein sicheres Indiz dafür, dass da einer das Spiel gedanklich durchdrungen hat: In der Art der allerbesten Mittelfeldspieler scheint Samassékou selbst in hektischen Situationen eine Art Lageplan vor dem geistigen Auge zu haben, der ihn bei der Frage "Wohin mit dem Ball?" die bestmögliche Option wählen lässt.

Zugegeben, diesen Punkt zu befolgen, das könnte für die meisten Klubs kompliziert werden. Aber dass es leicht ist, den FC Bayern zu schlagen, hat niemand behauptet. 

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