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11. Dezember 2018, 08:01 Uhr

Vereinspräsident Kind vs. Opposition

Der Streit um die Macht bei Hannover 96

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Martin Kind will das alleinige Sagen bei Hannover 96, Mitglieder des Klubs wollen das verhindern. Die Machtspiele um die 50+1-Regel drohen, Einfluss auf die gesamte Bundesliga zu nehmen. Was ist da eigentlich los?

Worum geht es?

Im Kern darum, wer künftig beim Fußball-Bundesligisten Hannover 96 das Sagen haben soll: die Mitglieder oder eine Investorengruppe um den Vereinspräsidenten Martin Kind? Der Hörgeräte-Hersteller, der bei der nächsten turnusmäßigen Mitgliederversammlung am 23. März 2019 als Präsident des e.V. ausscheiden und als Investor weitermachen will, ist Geschäftsführer der meisten Tochterunternehmungen des Vereins und in der Investorengruppe Sales & Service GmbH der größte Anteilseigner. Lesen Sie hier mehr zu Martin Kind.

Okay. Und was ist neu?

Im jüngsten Konflikt geht es vor allem um die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung (MV). Das Ziel: Es sollen drei Aufsichtsratsmitglieder abberufen werden, die dem Kind-Lager zugerechnet werden. Ihnen wirft die Opposition um die "Interessengemeinschaft Pro Verein 1896" (IG) vor, Deals durchgewunken zu haben, die zum Schaden von 96 seien. Dass Kind 51 Prozent der Management-GmbH zum Preis von 12.750 Euro gekauft hat, hätten die Aufsichtsräte nie genehmigen dürfen, sagt IG-Sprecher Robin Krakau: "Ein von uns in Auftrag gegebenes Gutachten hat den Wert der GmbH auf zehn Millionen Euro beziffert. Schon deshalb, weil sie den Geschäftsführer bestimmt."

Ist eine Abwahl überhaupt möglich?

In der Klubsatzung steht: "Eine außerordentliche MV ist vom Vorstand auf schriftlichen Antrag von mindestens fünf Prozent der Mitglieder innerhalb von fünf Wochen nach Eingang des Antrages einzuberufen." 1310 Unterschriften wurden gesammelt, 1145 hätten gereicht. Dennoch verweigert 96 eine außerordentliche MV. "Die drei Aufsichtsratsmitglieder haben bereits erklärt, dass sie nicht mehr kandidieren werden", heißt es in einer Stellungnahme auf der 96-Homepage. "Es gibt keinen vernünftigen Grund, nicht die ordentliche MV abzuwarten."

Wie argumentiert das Kind-Lager?

Eine entsprechende SPIEGEL-Anfrage blieb unbeantwortet. Klar ist: Das Präsidium argumentiert mit Kosten- und Verfahrensfragen. Würden die drei Räte in einer außerordentlichen MV abgewählt, dürfte eine Neuwahl nur in einer weiteren außerordentlichen MV stattfinden, so die Rechtsauffassung des Kind-Lagers. In zweieinhalb Monaten müssten also drei Mitgliederversammlungen abgehalten werden. Das koste bis zu 240.000 Euro. Die Opposition hält die Summe für zu hoch und sagte, zwei Versammlungen würden ausreichen.

Warum hat es die Opposition so eilig?

Hier kommt der 11. Dezember ins Spiel und der Kampf um den Erhalt der 50+1-Regel, die Kind lieber heute als morgen abgeschafft sähe. Am Dienstag wird das Ständige Schiedsgericht der DFL voraussichtlich entscheiden, ob Kind für 96 eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel erhält. Im Sommer hatte die DFL das noch abgelehnt. Das "Kriterium der 'erheblichen Förderung' als Voraussetzung für die Erteilung einer Ausnahme von der 50+1-Regel ist nicht erfüllt", schrieb die Liga. Kind habe nicht über 20 Jahre mindestens die durchschnittliche Höhe der Zuwendungen des jeweiligen Hauptsponsors überwiesen.

Wie stehen die Chancen?

Es wäre keine Überraschung, wenn das Schiedsgericht erneut gegen Kind entscheidet. Kind könnte dann vor ein ordentliches Gericht ziehen, um 50+1 generell zu Fall zu bringen - auch dieser Schritt wäre keine Überraschung. In den Strategiespielen, die Gegner wie Befürworter von Kind seit Jahren betreiben, könnte genau das eine zentrale Rolle gespielt haben. Denn, sollten die Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat zugunsten der Kind-Gegner kippen, könnte auch der Antrag in Frankfurt zurückgezogen werden - zu einer Klage gegen 50+1 würde es dann nicht kommen.

Der Streit in Hannover ist also ein Streit um die 50+1-Regel?

Ja. Aber es geht eben auch darum, wer nach dem angekündigten Rückzug von Kind im kommenden März Hannover 96 führen soll, und wer künftig den Geschäftsführer bestimmt. Während die Opposition diesen vom e.V. wählen lassen will, will der Vorstand um Kind, dass er von den Investoren bestimmt wird.

Die Management-GmbH, eine hundertprozentige Tochter des e.Vs., bestimmt den Geschäftsführer der KGaA, der Profigesellschaft. Dessen Befugnisse sind aber extrem beschränkt worden, weil er fast alle Entscheidungen vom Aufsichtsrat der KGaA absegnen lassen muss. In diesem Aufsichtsrat sitzen insgesamt acht Mitglieder, aber nur zwei kommen aus dem Verein und haben zudem kein Stimmrecht. So fährt Kind zusätzlich einen offenen Konfrontationskurs zur DFL. Denn dieses Vorgehen ist ein klarer Bruch der 50+1-Regel. Dass Kind die entsprechende Satzungsänderung gegenüber der DFL Anfang Oktober zunächst nicht gemeldet hat, dürfte dort ebenfalls für Ärger gesorgt haben.

Was könnte hinter der Provokation stecken?

Kritiker sagen, Kind gefährde mit seinem Kurs die Lizenz für 96 - zumindest aber einen Punktabzug. In Hannover glauben deswegen viele, dass Kind den Konflikt mit der DFL bewusst in Kauf nimmt, um in einem zweiten Schritt sein eigentliches Ziel zu erreichen: "Egal, ob es zu einem Lizenzentzug oder zunächst einer milderen Strafe kommt - gegen beides könnte er dann klagen, um so die 50+1-Regel auf den gerichtlichen Prüfstand zu bringen", sagt die IG.

Damit wäre der juristische Instanzenweg beschritten, der in einigen Jahren beim Europäischen Gerichtshof enden könnte. Wie der entscheidet, ist umstritten.

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