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21. Dezember 2015, 19:42 Uhr

Bundesliga-Hinrunde

Mehr von der alten Schule

Die beste Mannschaft, die größte Überraschung, der stärkste Spieler, der tiefste Fall: Hier zieht unser Experte Dietmar Hamann seine persönliche Bilanz der Bundesliga-Hinrunde - und feiert die Rückkehr der Bodenständigkeit.

Der Herbstmeister: Es war eine tadellose Hinrunde der Bayern, dafür gibt es eine Eins mit Sternchen. Und auch nach dem Rücktritt von Josep Guardiola entsteht für den Verein keine gefährliche Situation. Die Bayern haben genau die richtigen Spieler für eine solche Situation. Das Team will immer mehr, die Champions League ist das große Ziel. Das gilt auch für Guardiola. Aus einer erfolgreichen kann nur eine sehr erfolgreiche Zeit werden, wenn er im dritten Anlauf die Champions League gewinnen sollte. Erst dann hat er etwas Bleibendes hinterlassen. Die Art und Weise, wie sie in den vergangenen beiden Jahren jeweils im Halbfinale ausgeschieden sind, war für die Bayern unwürdig.

Überraschung der Hinrunde: Ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Pal Dardai bei Hertha BSC. Es ist erfrischend zu sehen, wie dieser Trainer der alten Schule seine Spieler erreicht. Die sogenannten Laptop-Trainer werden ja immer mehr, aber man muss sehen, dass man das Spiel nicht zu kompliziert macht. Und genau das schafft Dardai. Er ist eine absolute Bereicherung. Dardai behandelt die Spieler wie Erwachsene, sie müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Wenn man die Spiele der Berliner beobachtet, sieht man, wie hart sie arbeiten und in der Vorbereitung gearbeitet haben. Es ist einfach schön, den Hauptstadtklub so weit oben zu sehen, Berlin braucht einen erfolgreichen Verein. Trotzdem liegt noch ein weiter Weg vor den Spielern, von hinten werden Mannschaften wie Mönchengladbach, Schalke oder Wolfsburg drängen. Hertha BSC wird am Ende aber unter die ersten sechs kommen.

Enttäuschung der Hinrunde: Beim VfB Stuttgart hatten die Verantwortlichen auch nach den zwei späten Rettungen die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Alexander Zorniger mag in den Gesprächen vor der Saison überzeugt haben, aber am Ende hat sich der VfB verspekuliert. Der Trainer zeigte im Verlauf der Hinrunde keine Lerneffekte, er schien überrascht zu sein, dass auch Gegner auf dem Platz stehen. Als Konzepttrainer ist Zorniger gescheitert.

Aber immerhin haben sie in Stuttgart aus ihren Fehlern gelernt. Als klar war, dass es mit Zorniger nicht passt, hat der VfB den wichtigen Schlussstrich gezogen. Sportvorstand Robin Dutt hat sich der Verantwortung gestellt und mit Jürgen Kramny den idealen Kandidaten als Trainer installiert. Mit seiner Bodenständigkeit wird er den Erfolg zurückbringen. Der Sieg gegen Wolfsburg zum Ende der Hinrunde ist in Punkten nicht zu messen. Die Spieler werden mit breiter Brust in die Rückrunde gehen und sich auf jeden Fall retten.

Bester Spieler der Hinrunde: Bei Douglas Costa muss man vorsichtig sein, er wird in den kommenden Spielen in der Champions League erst noch zeigen müssen, ob er konstant genug ist. Er scheint sein Limit bereits erreicht zu haben. Deshalb ist Pierre-Emerick Aubameyang für mich der Spieler der Hinrunde. Er ist kein natürlicher Finisher, er hat keinen angeborenen Torinstinkt. Aubameyang hat sich das alles erarbeitet, umso herausragender war die Art und Weise, wie er die Tore für Borussia Dortmund gemacht hat. Er profitiert natürlich auch davon, dass der BVB mehr durch die Mitte spielt und er mit Marco Reus, Henrich Mchitarjan, Shinji Kagawa und Ilkay Gündogan starke Vorbereiter ins seinem Rücken hat.

Trainer der Hinrunde: Bei Darmstadt 98 sieht immer noch alles aus wie vor 23 Jahren, als wir mit der zweiten Mannschaft des FC Bayern im DFB-Pokal 2:1 gewannen. Das Stadion am Böllenfalltor, die Trainingsbedingungen, selbst die scoutenden Väter von Trainer Dirk Schuster und Co-Trainer Sascha Franz - all das ist nicht erstklassig. Und trotzdem hat es Schuster geschafft, aus einer Reihe gescheiterter Spieler eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Er ist ein bodenständiger Typ, verkauft sich gut und der Klassenerhalt ist für Darmstadt möglich. Das war vor der Saison so nicht zu erwarten, Schuster hat die vergangenen beiden Jahre mit den Aufstiegen noch mal getoppt.

Shootingstar der Hinrunde: Julian Weigl, Leroy Sané, Kingsley Coman - es gibt einige junge Spieler, die in der Hinrunde überzeugt haben. Aber der Beste war Mahmoud Dahoud von Borussia Mönchengladbach. Unter Lucien Favre hatte er es nicht ins Team geschafft und kam dann zu einem Zeitpunkt rein, als die Mannschaft am Boden lag. Dahoud ist trotzdem vorangegangen. Was er an der Seite von Granit Xhaka leistet, ist phänomenal. Er liest das Spiel, trifft immer die richtige Entscheidung, und alle Bewegungen sehen wie aus einem Guss aus. Der Junge hat eine riesige Karriere vor sich.

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