Relegations-Rückspiel gegen Wolfsburg Holstein Kiel und der Guardiola-Fußball

Trainer Markus Anfang hat Erstaunliches geleistet: Sein Offensivfußball führte Außenseiter Holstein Kiel in die Relegation. Die Gefahr: Gegen die individuell überlegenen Wolfsburger könnte dieser Ansatz zu naiv sein.
Von Tobias Escher
Stratege Markus Anfang

Stratege Markus Anfang

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Ein Klassiker der Fußball-Quizfragen: Welches Bundesland hat noch nie einen Erstligisten gestellt, weder in der Bundesliga noch in der DDR-Oberliga? Die Antwort: Schleswig-Holstein. Wenn es nach Holstein Kiel geht, darf diese Frage gerne auf dem Ablagestapel für überholte Fragen landen. Trainer Markus Anfang arbeitet mit seinem Team daran, erstmals in die Bundesliga aufzusteigen.

Das 1:3 aus dem Relegations-Hinspiel gegen den VfL Wolfsburg war ein mittelschwerer Rückschlag auf diesem Weg. Doch wer die Kieler in dieser Saison verfolgt hat, weiß: Selbst nach solch einem Ergebnis sollte man die offensivstärkste Mannschaft der zweiten Liga (71 Tore) nicht abschreiben. "Wenn wir die Überzeugung haben, bekommen wir unsere Torchancen. Dann ist alles möglich", sagte Trainer Markus Anfang vor dem Rückspiel (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; Eurosport Player).

Inspiriert durch Pep Guardiola

Der Weg, den Anfang in Kiel einschlug, ist ein ungewöhnlicher. Er will vor allem eins von seiner Mannschaft sehen: offensives Spektakel. Die Kieler spielen keinen Sicherheitsfußball, wie man ihn von einem Aufsteiger aus der dritten Liga erwarten würde.

Das fängt beim Spielaufbau an: Mit kurzen, flachen Pässen sollen die Abwehrspieler das Spiel eröffnen. Selbst wenn der Gegner zu einem aggressiven Pressing ansetzt, bleiben die Verteidiger cool und suchen eine Anspielstation in der Nähe. Sie wollen den Gegner aus der Reserve locken und die entstehenden Lücken mit flachen, präzisen Pässen bespielen.

Kieler Jubel

Kieler Jubel

Foto: Ronny Hartmann/ Bongarts/Getty Images

Ein häufig gesehener Spielzug der Kieler: Die Außenverteidiger rücken ins Mittelfeld-Zentrum. Sie bieten sich zwischen Flügel und Zentrale an, im Fußball-Sprech auch "Halbräume" genannt. Pep Guardiola hat diese Variante in die Bundesliga gebracht. Bei seinen Bayern sollten David Alaba und Philipp Lahm in die Halbräume rücken. Der Vorteil: Man erhält eine Überzahl um den Mittelkreis, zugleich können die nominellen Mittelfeldspieler weiter vorrücken.

Kaum ein deutscher Trainer kopiert diese mutige Variante im Spielaufbau. Anfang traut sich. Sein Philipp Lahm heißt Patrick Herrmann, sein David Alaba ist Johannes van den Bergh.

Pass-Klatsch, Pass-Klatsch

Haben die Kieler erst einmal den Weg in die Halbräume gefunden, geht es schnell. Mit direkten Pässen in die Spitze sollen die Stürmer eingesetzt werden. Marvin Ducksch (18 Saisontore), Kingsley Schindler (12 Saisontore) und Steven Lewerenz (8 Saisontore) tauschen immer wieder ihre Positionen und verwirren den Gegner.

Das Offensivspiel der Kieler besticht durch präzise, direkte Kombinationen, meist flach vorgetragen. Die Spieler leiten den Ball mit einem Kontakt weiter, lassen ihn immer wieder auf den nachrückenden Mittelfeldspieler Dominick Drexler (12 Saisontore) prallen. Die Kieler Angreifer sind durch ihre hohe technische Klasse und die ständigen Positionswechsel für die Defensive kaum zu greifen. Das stellten sie auch im Hinspiel unter Beweis, als sie sich in der zweiten Halbzeit mehrmals gefährlich vor das Wolfsburger Tor kombinierten.

Hält die Defensive?

Die Ausgangslage vor dem Rückspiel ist eindeutig: Kiel braucht einen Sieg mit mindestens zwei Toren Vorsprung, um in die Bundesliga aufzusteigen. Angesichts ihrer offensiven Klasse lautet die große Frage nicht, ob Holstein genügend Tore schießen kann. In zwölf ihrer siebzehn Heimspiele dieser Saison schossen sie zwei oder mehr Tore.

Die große Frage lautet, wie viele Gegentreffer die Störche zulassen. Markus Anfangs defensiver Plan ist weit weniger ausgeprägt als sein offensiver. Wenn die Kieler den Gegner früh anlaufen, rücken die Außenverteidiger weit nach vorne, um Druck aufzubauen. Im Mittelfeld spielen die Kieler Mann-gegen-Mann, der Gegner soll durch enge Deckung aus dem Spiel genommen werden.

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VfL-Sieg im Hinspiel der Relegation: Wissen, wo das Tor steht

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Im Hinspiel zeigte sich: Kiels mannorientierte Defensive stößt gegen Wolfsburg an ihre Grenzen. In den Zweikämpfen schien der individuelle Klassenunterschied durch. Häufig genügte den Wolfsburgern ein Trick, um den direkten Gegenspieler auszuspielen. Kiels Absicherung dahinter offenbarte Lücken. Gerade neben dem einzigen Sechser Dominic Peitz taten sich riesige Räume auf, Wolfsburgs Zehner Yunus Malli besetzte diese Lücken konsequent.

Dass Anfang gerade im Rückspiel der eigenen Philosophie untreu wird, ist dennoch nicht zu erwarten. Statt über die defensiven Fehler zu sprechen, lobte Anfang nach dem Hinspiel sein Team: "Wir haben keinen langen Ball gekloppt und gut kombiniert." Ob Schleswig-Holstein seinen ersten Bundesligisten erhält, bleibt fraglich. Klar ist aber: Kiel wird seinem offensiven Stil treu bleiben. Auch im wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte.