Datenauswertung zur Bundesliga So verändert sich der Fußball, wenn die Fans fehlen

Seit Wochen erleben wir Fußball ohne Fans - und ohne ihren Einfluss auf Mannschaft, Gegner, Schiedsrichter. Das Spiel wird dadurch ein anderes. Es geht um die Referees und das Auftreten der Gästeteams.
Die Bundesliga seit ihrer Fortsetzung: 21 Heimsiege, 34 Auswärtssiege

Die Bundesliga seit ihrer Fortsetzung: 21 Heimsiege, 34 Auswärtssiege

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Martin Meissner/ dpa

"Richtig viel mit Bundesliga hat das nicht zu tun gehabt", sagte einer über die vergangenen Spieltage, der es wissen muss: Matthias Ginter dem Deutschlandfunk . "Wir sind alle froh, wenn wieder Zuschauer da sind", so der Abwehrspieler von Borussia Mönchengladbach.

Der Fußball ohne Fans im Stadion fühlt sich anders an als der vor der Corona-Pandemie. Wenn ihm seine Fans fehlen, kommt er leiser daher. Weniger Show, weniger Glamour. Das sind die subjektiven Eindrücke. Aber hat er sich auch faktisch verändert?

Ein Datenvergleich legt das nahe. Dafür haben wir die acht Spieltage, die seit der Ligafortsetzung absolviert worden sind, mit den 25 Spieltagen davor verglichen. Es geht um Tore und Siege, um Heim- und Auswärtsspiele, aber auch um veränderte Spielanteile. Und um die Schiedsrichter.

Der Heimvorteil ist so gut wie verschwunden

Die Resultate zeigen, dass sich im Fußball tatsächlich einiges verschoben hat. Alte Gewissheiten wie die des Vorteils der Heimmannschaft gelten nicht mehr. Die Unterschiede zwischen Heim- und Gästeteam sind geringer geworden - auch die taktischen. Die Liga ist vielleicht sogar gerechter geworden.

Die Tendenzen, die sich aus dieser Analyse ergeben, lauten so: Die Fans vor Ort tragen mit ihrer Unterstützung nicht nur die eigene Mannschaft; sie beeinflussen auch massiv die Entscheidungen der Schiedsrichter - und, wie die Gästemannschaft taktisch auftritt.

In der Liga ohne Zuschauer stehen aktuell 21 Heimsiege 34 Auswärtssiegen gegenüber. Die Zahlen wirken eindeutig: Heim-Teams erzielen ohne Fans deutlich weniger Tore, kassieren dafür umso mehr. Das logische Ergebnis: Sie punkten weniger.

Mit den Daten ist das im Fußball jedoch so eine Sache. Angesichts der wenigen Tore pro Spiel nimmt der Zufall eine viel größere Rolle ein als in den meisten anderen Sportarten. Für eine Einschätzung, wie es um den Heimvorteil steht, lohnt daher der Blick auf weitere Statistiken. Die Zahl der Torschüsse etwa, oder besser noch: die Expected Goals. Dabei wird für jeden Torabschluss mittels statistischer Auswertungen eine Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der dieser zu einem Tor führt. Die Expected Points schließlich sind eine Hochrechnung, wie viele Punkte ein Team angesichts der Qualität der Torchancen eigentlich hätte erzielen sollen (Lesen Sie hier mehr dazu).

Nimmt man den Zufall auf diese Weise etwas aus dem Spiel, ergibt sich: In den Partien vor leeren Rängen kommen die Heimmannschaften immer noch zu mehr Torabschlüssen. Bei den Expected Goals liegen Heim- und Auswärts-Teams aber nahezu gleichauf. Und bei den Expected Points zeigt sich nach wie vor ein kleiner Vorteil für die Heimmannschaften.

Dass die Auswärtsteams seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs deutlich mehr Punkte geholt haben als die Heimteams, scheint damit tatsächlich in Teilen dem Zufall geschuldet zu sein.

Ein Auswärtsvorteil wäre auch schwer zu begründen. Sehr wohl allerdings zeigt sich eine starke Abschwächung des Heimvorteils. Ohne Zuschauer, so legen es auch die Statistiken nahe, verfügt die Heimmannschaft kaum mehr über ein Plus.

Und noch etwas spielt wohl eine große Rolle bei diesen Ergebnissen: Der Gastmannschaft scheint ein Nachteil genommen worden zu sein.

Die Schiedsrichter pfeifen anders

Es gibt verschiedene Studien, die sich mit dem Heimvorteil im Fußball beschäftigen und zu dem Schluss kommen, dass er vor allem in der Beeinflussung der Schiedsrichter durch die Fans entsteht.

Das gilt für das Verteilen von Karten, für die Länge der Nachspielzeit, für strittige Entscheidungen rund um Treffer und Strafstöße. Von "Referee Bias" ist die Rede, wenn es darum geht, dass die Unparteiischen, vom Heimpublikum beeinflusst, im Zweifel zu Gunsten der Gastgeber pfeifen. Nicht bewusst oder gar böswillig, sondern wohl aufgrund des "sozialen Drucks", der von den Reaktionen der Zigtausenden Zuschauer ausgeht. Welcher Mensch möchte schon von einer solchen Masse ausgepfiffen werden?

Die aktuellen Daten bestätigen solche Studien. Es werden mehr Fouls gegen Heimteams gepfiffen, bei den Gastteams ist ein geringerer Anstieg zu verzeichnen. Es wurden erheblich mehr Gelbe Karten gegen die Heimteams gezeigt, bei den Gastteams ist die Zahl exakt gleich geblieben.

Verglichen mit Partien mit Zuschauern wurden bei den Geisterspielen Vergehen der Heimmannschaften stärker geahndet als die der Gastteams. Warum?

"Uns fällt auf, dass diese grundsätzlich unterschiedlichen taktischen Ausrichtungen in Spielen ohne Zuschauer deutlich weniger zu beobachten sind"

Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich

Eine mögliche Beeinflussung der Schiedsrichter will man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) aktuell nicht kommentieren. "Die Auswirkung der veränderten Atmosphäre auf das Verhalten der Spieler und auch auf das Entscheidungsverhalten der Schiedsrichter, das ist ein Thema, das einer genaueren Analyse oder gar Studie bedarf", sagt Lutz Michael Fröhlich auf SPIEGEL-Anfrage. Man wolle dazu nicht spekulieren, so der Sportliche Leiter der Elite-Schiedsrichter beim DFB.

Er hat für die veränderten Zahlen einen anderen Erklärungsansatz. Fouls seien "ein Ergebnis der Spielweise der Mannschaften, der Einstellung der Spieler und wie diese in die Zweikämpfe gehen", sagt Fröhlich. "In der Tradition von Spielen mit Zuschauern konnte man da häufig sehr unterschiedliche Spielweisen zwischen Heimmannschaften und Auswärtsmannschaften ausmachen, zum Beispiel auch in der grundsätzlich taktischen Ausrichtung, die sich dann auch auf das Zweikampfverhalten auswirkt."

Nun, ohne Fans im Stadion, sei eine Angleichung auszumachen: "Uns fällt auf, dass diese grundsätzlich unterschiedlichen taktischen Ausrichtungen in Spielen ohne Zuschauer deutlich weniger zu beobachten sind", sagt Fröhlich.

Hat der Wegfall des Heimvorteils also taktische Gründe?

Das neue Auswärtsspielen

Gerade was den Spielaufbau betrifft, wirken die Gästeteams tatsächlich souveräner. Sie nehmen aktiver am Geschehen teil.

Das hat verschiedene Gründe. Allgemein ist das Pressing vieler Mannschaften seit der Coronapause schwächer als davor. Das deutet schon die "Corona-Tabelle" an, in der Teams, die sich vor der Pause über Balleroberungen und Konteraktionen definierten, plötzlich unten stehen: Schalke oder Köln etwa.

Die Annahme liegt nahe, dass das Fehlen der Fans dabei eine Rolle spielt. Den pressenden Spielern fehlt das Anpeitschen von außen, die gepressten Spieler haben nicht mehr mit den Dezibel von den Tribünen zu kämpfen, sie können sich auf die Spielsituation konzentrieren und auf die Ansagen der Mitspieler. Es gibt auch keine Pfiffe, wenn sie den Ball in den eigenen Reihen halten, auf der Suche nach einer Lücke. Geduld wird nicht länger ausgebuht. Gerade für spielstarke Mannschaften ist das ein Vorteil.

Die Daten belegen den Eindruck, wonach die Auswärtsmannschaften mehr mitspielen als zu Zeiten mit Zuschauern. Die Betonung liegt dabei auf spielen. Sie versuchen pro Partie deutlich mehr Pässe und erreichen dabei auch noch eine etwas bessere Quote als zuvor. Bei den Heimteams lässt sich dagegen keine nennenswerte Veränderung feststellen.

Es scheint, als habe sich das Selbstverständnis vieler Auswärtsteams gewandelt: Statt in der Fremde bestehen zu wollen, begegnen sie dem Gegner auf Augenhöhe. Warum auch nicht? Mit dem Platz mag das Heimteam vertrauter sein, aber sonst? Hinzu kommen die Entscheidungen der Schiedsrichter.

So lange also keine Zuschauer in die Stadien dürfen, solange dürften äußere Einflüsse weiter gering bleiben. Das mag für Freunde des reinen Spiels verlockend klingen. Es könnte aber auch dazu führen, dass sich die Ungleichheit innerhalb der Liga weiter verfestigt. Dass das bessere Team noch regelmäßiger gewinnt, ob daheim oder auswärts. Keine Nervosität, die einen Verteidiger Fehler machen lassen; weniger Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die das Spiel beeinflussen. Nur die Klasse der Spieler. Sportlich fair wäre das. Aber wohl auch weniger spannend.

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