Fußballer mit Protesten gegen Rassismus Die Bundesliga kann mehr sein als Entertainment

Fußballer protestieren gegen Polizeigewalt in den USA - und die Bilder gehen um die Welt. Das verdeutlicht die besondere Position der Bundesliga in der Coronakrise. Fraglich ist, ob der DFB die Aktionen hinnimmt.
Eine Analyse von Jan Göbel
"Justice for George Floyd": Jadon Sancho zeigt sich solidarisch im Spiel gegen Paderborn

"Justice for George Floyd": Jadon Sancho zeigt sich solidarisch im Spiel gegen Paderborn

Foto: LARS BARON/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Im Fußball gibt es Treffer, die eine besondere Kraft entwickeln können. Ein siegbringendes Tor in der Nachspielzeit zum Beispiel, ein Treffer nach einer schönen Zusammenarbeit, ein Kunstschuss. Ein vorentscheidendes 2:0 gegen den Tabellenletzten aus Paderborn gehört - bei allem Respekt - normalerweise eher nicht zu dieser Kategorie.

Aber Borussia Dortmunds Jadon Sancho hat aus jenem 2:0 gegen Paderborn dann doch etwas gemacht, was besonders ist. Das auch ohne Schreie der Fans laut genug war, um es deutlich zu vernehmen: Bei seinem Torjubel zog der Engländer sein Trikot aus, um eine Botschaft zu zeigen, die er auf sein Unterhemd geschrieben hatte: "Justice for George Floyd" ("Gerechtigkeit für George Floyd"). Dass der 20-Jährige am Ende des Tages drei Treffer erzielt und erstmals in seiner Karriere einen Hattrick vollbracht hatte - eher Nebensache.

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Sanchos Solidarität und sein Protest gegen Rassismus dagegen haben inzwischen weltweit Aufmerksamkeit erregt . Genau wie die Aktionen des Gladbachers Marcus Thuram und des Schalkers Weston McKennie, die sich ihrerseits solidarisch mit den Protesten gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA gezeigt hatten. Auch Sanchos Mitspieler Achraf Hakimi trug ein Protest-Shirt unter dem Trikot. Das sind die Bilder aus der Bundesliga, die gerade um die Welt gehen.

Die Vorreiterrolle nutzen

Über die besondere Rolle der Bundesliga ist zuletzt viel gesprochen worden, ist sie doch die einzige größere Sportliga der Welt, die während der Coronakrise bereits den Spielbetrieb wieder aufnehmen durfte. Ein Leuchtturm der Sportwelt sei sie, hieß es häufig, und Vertreter der Liga gaben sich angesichts des Alleinstellungsmerkmals stolz. Und was soll man sagen: Die ersten vier Spieltage haben praktisch ohne Nebengeräusche stattgefunden.

Mit dem vergangenen Wochenende wurde es lauter, und mit den Protesten ist klar geworden, dass die Bundesliga in der aktuellen Phase auch weit über den Sport hinaus fähig ist, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Sie muss sich nicht allein auf ihre viel zitierte Rolle des Entertainers in Zeiten von Kontaktbeschränkungen beschränken. Sie kann vielmehr laut werden im Kampf gegen Rassismus, der nicht nur in den USA stattfindet, sondern überall auf der Welt, auch in Europa. Auch im deutschen Fußball .

Die Bundesliga kann zeigen, dass sie nicht allein in der Lage ist, sich wirtschaftlich in dieser schwierigen Zeit zu retten oder einen Meister auszuspielen. Jetzt kann sie ihre Vorreiterrolle wirklich sinnvoll nutzen.

Thuram mit dem Kniefall wie einst Kaepernick

Thuram mit dem Kniefall wie einst Kaepernick

Foto: MARTIN MEISSNER/ AFP

Sanchos T-Shirt, Thurams Kniefall, McKennies Armbinde - ihre Beiträge sind auch deswegen so wertvoll, weil sie ganz offensichtlich aus eigenem Antrieb entstanden sind. Weil die Spieler aus persönlicher Anteilnahme und Solidarität laut geworden sind. Sanchos T-Shirt sah so aus, als hätte er es selbst mit einem schwarzen Stift beschrieben. Auch die Armbinde von McKennie wirkte selbst hergestellt, etwas amateurhaft und deswegen so kraftvoll. Hier schienen jedenfalls keine PR-Agenturen im Spiel wie einst beim Kniefall von Hertha BSC in Anlehnung an den US-Footballer Colin Kaepernick.

DFB entscheidet mit über weitere Proteste

Sancho ist inzwischen international zwar ein Name, aber er ist kein Superstar. Auch Thuram und McKennie nicht. Allerdings müssen sie auch nicht zu den ganz Großen gehören, damit ihr Protest wahrgenommen wird, vor allem in der aktuellen Zeit nicht. Die Sportstars dieser Welt, Basketballspieler aus der NBA, Boxchampions oder Formel-1-Fahrer, sie alle können sich höchstens in schriftlichen Statements zu den jüngsten Vorfällen in den USA äußern.

Aber in Deutschland produziert der Sport weiter Bilder. Und wenn Sancho ein Tor schießt und sich anschließend solidarisch zeigt, bekommt das ein Millionenpublikum mit. Dann sehen das auch Menschen, die meinen, sie seien unbeteiligt und nicht betroffen. Diese Möglichkeit hat die Bundesliga gerade exklusiv. Bayerns neuer Vorstand Oliver Kahn sagte bei "Sky90", er würde sich noch mehr mündige Spieler wünschen.

Ob es so kommt, wird auch der Deutsche Fußball-Bund mitentscheiden. Laut Regelwerk des DFB  sind politische oder persönliche Botschaften im Spielbetrieb verboten. Für Sancho und Co. könnte es ein Nachspiel geben, wenn der DFB die Auffassung vertritt, die Spieler hätten aus diesen Motiven gehandelt. Oder der Verband erkennt an, dass hier ein wichtiger Beitrag für ein gesellschaftliches Miteinander geleistet wurde. Eine Bedrohung für den Fußball waren die Proteste jedenfalls nicht.

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