Bundesliga kämpft um Re-Start Plötzlich demütig

Die Deutsche Fußball Liga versucht alles, um im Mai wieder spielen zu können - sogar Zurückhaltung. Doch selbst wenn der riskante Plan Erfolg haben sollte, warten danach die großen Fragen.
Die Südtribüne im Stadion von Borussia Dortmund wird vorerst leer bleiben

Die Südtribüne im Stadion von Borussia Dortmund wird vorerst leer bleiben

Foto:

Bernd Thissen/ dpa

Nach fast sechs Wochen Bundesligapause wegen der Corona-Pandemie, nach sechs Wochen Lobbyarbeit und Krisenmanagement sind auch die Nerven von Christian Seifert angespannt. Er könne die "Missgunst und das fehlende Goodwill" seiner Branche gegenüber manchmal nicht verstehen, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) nach der dritten Krisen-Vollversammlung der Profiklubs am Donnerstag. "Da muss man sich auch fragen: Was hat der Fußball in der Vergangenheit falsch gemacht?"

Die Frage muss tatsächlich gestellt werden. Denn Fehler wurden gemacht. Das erkennt man allein daran, dass sechs Wochen ohne Spielbetrieb ausreichen, um die Hälfte der 36 Erst- und Zweitligisten an den Rand des Bankrotts zu bringen.

Im Moment wird alles versucht, um die Saison zu Ende spielen zu können. Dabei soll ein medizinisches Konzept helfen, das eine Taskforce der DFL unter Vorsitz des DFB-Arztes Tim Meyer entworfen hat. Am Donnerstag wurde es den Klubs präsentiert. Und umgehend gab es Kritik daran - vor allem wegen der geringen Testfrequenz und den Quarantäne-Überlegungen. "Das alles jetzt ist eine Gratwanderung", sagt einer, der mit den Abläufen vertraut ist, dem SPIEGEL: "Aber was wäre die Alternative gewesen?"

Ein Re-Start am 9. Mai ist unwahrscheinlich

Die DFL hat vor allem die Politik zu überzeugen versucht. Sie ist es schließlich, die den Daumen darüber hebt oder senkt, ob demnächst wieder gespielt wird. Am 30. April besprechen sich die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es wird erwartet, dass dann die Entscheidung über den Re-Start der Bundesliga fällt. Der bisher anvisierte Termin, der 9. Mai, ist wohl nicht zu halten. Etwas wahrscheinlicher ist ein Start Mitte oder Ende Mai.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei der Video-Pressekonferenz nach der Vollversammlung

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei der Video-Pressekonferenz nach der Vollversammlung

Foto: osnapix / Hirnschal/ imago images/osnapix

Seifert gab sich nach der DFL-Vollversammlung auffallend demütig. "Für uns bleibt einzig und allein entscheidend, was die Politik sagt", betonte er immer wieder. Der Eindruck, der Fußball beanspruche einen Sonderweg und setze sich über die Regeln hinweg, die in der Gesellschaft in diesen Wochen aufgestellt werden, soll vermieden werden.

Das ist schwer genug. Am Montag, als die Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen, Markus Söder und Armin Laschet, die Möglichkeit angedeutet hatten, dass ab dem 9. Mai die Bundesliga wieder starten könnte, war eine Stimmung aufgekommen, als ob jetzt schon klar sei: Es geht wieder los. Eine Stimmung, der sich die DFL nicht widersetzt hatte. Dass das in der Öffentlichkeit bei vielen nicht gut ankam, hat Seifert registriert. Auch DFL-intern gab es dazu kontroverse Debatten. Jetzt ist wieder Demut angesagt.

Der Manager vermied am Donnerstag nicht nur jeden Hinweis, wann die Liga wieder spielen könnte, er baute auch wiederholt Sicherungen ein für den Fall, dass es dann doch nichts mehr wird mit dem Re-Start. "Wenn unser Konzept die Politik nicht überzeugt, dann ist es eben so", sagte er, dann müsse man allerdings auch damit rechnen, dass "die Bundesliga wahrscheinlich mehrere Monate nicht mehr spielen wird". Ein Szenario, bei dem Vereine in wirtschaftliche Schieflage geraten würden.

Das medizinische Konzept zu entwerfen, war nur eine Aufgabe der DFL in den vergangenen Wochen. Eine andere bestand darin, die TV-Rechteinhaber wie Sky, Dazn, ARD und ZDF davon zu überzeugen, etwas zu kaufen, dass es womöglich gar nicht geben wird. "Ich konnte die Klubs darüber informieren, dass wir Vereinbarungen mit fast allen Medienpartnern erzielt haben", sagte Seifert und bestätigte damit einen Bericht des SPIEGEL und der "Bild"-Zeitung von vor einer Woche.

Portionierte Auszahlung der TV-Gelder

Die Rechteinhaber überweisen einen Großteil der vierten und letzten TV-Geld-Tranche für die aktuelle Saison. Nach SPIEGEL-Informationen liegt die Summe zwischen 270 und 280 Millionen Euro. Aber das Geld wird nicht im Mai komplett an die 36 Erst- und Zweitligaklubs nach TV-Geld-Schlüssel ausgezahlt. Die DFL hat sich entschieden, die Mittel in mehreren Tranchen bis zum 30. Juni an die Vereine weiterzureichen, damit diese sie überlegt und angemessen zur Überwindung der Krise verwenden.

Das erinnert an die elterliche Mahnung beim Auszahlen des Taschengelds an ihre Kinder: Bitte nicht alles auf einmal ausgeben!

Mit dem Fernsehgeld sind die Vereine zumindest für die nächsten zwei Monate gerettet. Allerdings nur, wenn auch wirklich gespielt wird. Das deutete Seifert an, als er sagte: "Sollte abgebrochen werden, greifen Mechanismen der Rückzahlung." Dies könnte dann erneut zu wirtschaftlichen Engpässen führen. Aus der Branche ist zu hören, dass einige Klubs die neuen TV-Gelder bereits verpfändet hätten, um liquide zu bleiben. Das dürfte bei einem tatsächlichen Abbruch der Saison zu noch größeren Problemen führen.

Die Liga braucht das schnelle Fernsehgeld, auch deswegen versammelt sie sich so hinter Seifert. Am Donnerstag soll es bei der mehrstündigen Videokonferenz aller Klubs lediglich fünf Wortmeldungen gegeben haben - und kaum Fragen. Ob es Bedenken gegeben habe, dass der Mai als Zeitpunkt zu früh für einen Neustart gewählt sei, wurde Seifert gefragt. Seine Antwort: nein.

Die Klubs setzen all ihre Hoffnung auf das medizinische Konzept. Dass es Schwächen hat, wollten Seifert und Meyer am Donnerstag gar nicht leugnen. Es gehe darum, "einen Ausgleich zwischen maximaler Sicherheit und einem vertretbaren Risiko" herzustellen, wie Meyer sagte. Maximale Sicherheit in einem Kontaktsport wie Fußball - das ist ohnehin nicht herstellbar.

Dass die Profiklubs Kapazitäten für Schnelltests beanspruchen würden, die anderweitig in der Gesellschaft benötigt werden, verneinte Seifert. 0,4 Prozent aller in Deutschland zurzeit verfügbaren Tests würden die 36 Erst- und Zweitligisten benötigen, sagte er. Nationalmannschaftsarzt Meyer sprach von einer Gesamtzahl "eher unterhalb der 20.000".

Zudem kündigte Seifert an, dass die DFL für 500.000 Euro weitere Testkapazitäten zukaufen werde, um sie der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen. "Uns ist bewusst, dass für den Fall, dass sich die Lage wieder verschärft, der Profifußball aufhören wird zu testen", sagte Seifert.

Von der Attitüde des "Hoppla, hier komme ich", die die Liga noch am Montag auch durch die ganzseitige "Jaaaaaaa"-Anzeige von Medienpartner Sky in der "Bild" suggeriert hatte, war am Donnerstag weniger zu spüren. Seifert versuchte immer wieder den Spagat zwischen Demut und Selbstbewusstsein. Die DFL befindet sich auf dünnem Eis, aber zumindest scheint sie sich dessen bewusst zu sein. Es fragt sich nur: Was ist das wahre Gesicht des deutschen Fußballs? Das von Montag oder das von Donnerstag?

Viele sagen, wenn Seifert und seine acht DFL-Präsidiumskollegen es schaffen, dass die Bundesliga allen Bedenken und Widerständen zum Trotz ihre Saison tatsächlich durchbringt, sei dies ein Meisterstück. Aber die eigentliche Mammutaufgabe warte anschließend: Die Suche nach der Antwort auf Seiferts Frage, was der Fußball in den vergangenen Jahren falsch gemacht hat, dass es so weit kommen konnte?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.