Diskussion um Zuschauer im Stadion Geisterspiele ohne Ende

Die Fußball-Bundesliga drängt darauf, zur neuen Saison wieder Zuschauer in ihre Stadien zu lassen. Aber das dürfte erst einmal nichts werden.
Immerhin die Ersatzspieler dürfen wohl auch künftig im Stadion Platz nehmen (wie im Mai beim Bundesliga-Spiel 1. FC Union gegen Bayern München)

Immerhin die Ersatzspieler dürfen wohl auch künftig im Stadion Platz nehmen (wie im Mai beim Bundesliga-Spiel 1. FC Union gegen Bayern München)

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa

Die Zahlenspiele sind gemacht. Borussia Dortmund würde gern 15.000 Menschen wieder ins Stadion lassen, das eigentlich mehr als 80.000 Gäste fasst. Eintracht Frankfurt spekuliert mit 20.000 Besuchern, der 1. FC Union würde am liebsten sogar die gesamte Alte Försterei wieder füllen. Und Bayerns Ehrenvorsitzender Uli Hoeneß wünscht sich für den Herbst 20.000 bis 25.000 Zuschauer für die heimische Arena.

Es sind hehre Pläne, die die Vereine und die DFL derzeit ausarbeiten, um wieder ein bisschen Fußball-Normalität zu suggerieren. Pläne, die sich allerdings schnell als reine Luftbuchungen herausstellen könnten: Von der Politik kommen zurzeit ganz andere Signale.

Am Dienstag soll bei der Mitgliederversammlung der DFL ein Konzept beschlossen werden, nach dem peu à peu wieder Profifußball vor Publikum möglich gemacht werden soll. Die Eckpunkte des Programms sind bekannt: Es sollen keine Gästefans in die Stadien gelassen werden, um die Risiken bei der Anreise zu minimieren. Der Ausschank von Alkohol soll verboten sein, Stehplätze soll es vorerst nicht geben, um die Einhaltung von Abstandsregeln zu erleichtern. Und Tickets sollen in irgendeiner Form personalisierbar gemacht werden, um nachzuvollziehen, wer ins Stadion kommt.

Fußball fast wie in der Premier League

Das alles klingt verdächtig nach englischen Verhältnissen, in der Premier League wird auf ähnliche Weise seit Jahren der Stadionbesuch vollzogen - und entsprechend fallen bereits die Reaktionen aus. Organisierte Fans haben scharfe Kritik an dem Konzept geäußert, der Fan werde von der DFL weitgehend als Risikofaktor angesehen. Es fehle in dem Konzept der Ansatz eines Versuchs, Fankultur mit den Coronaregeln zu verbinden.

So wird der Ausschluss von Gästefans zum Beispiel vom Fanbündnis "Unsere Kurve" abgelehnt mit dem Argument: "Es darf zu keiner Ungleichbehandlung von Fans kommen, weshalb wir uns für die Zulassung von Gästefans aussprechen." Auch am Verzicht auf Stehplätze entzündet sich der Widerstand: "Man muss Stehplätze nicht grundsätzlich verbieten, sondern kann eine von allen akzeptierte Möglichkeit finden, wenn man sich mit der Fanszene ernsthaft über die Begebenheiten bei einem 'Corona-Spieltag' austauscht", so Thomas Kessen von "Unsere Kurve" in der Deutschen Welle.

Söder pulverisiert die Debatte

Konfliktpotenzial liegt also in der Luft. Allerdings kann es sein, dass sich die gesamte Debatte ohnehin im Wortsinn im leeren Raum abspielt. Denn die DFL kann nur über das "Wie" entscheiden, wenn es um Zuschauer in Stadien geht. Über das umfassendere "Ob" befindet immer noch die Politik. Und spätestens seit Sonntag scheint dort eine ganz andere Richtung eingeschlagen zu werden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat in der "Bild am Sonntag" zwei Sätze gesagt, die all die Pläne der DFL pulverisieren. "Auch als Fußballfan bin ich sehr skeptisch zum Start der Bundesliga. Geisterspiele ja, aber Stadien mit 25.000 halte ich für sehr schwer vorstellbar." Söder war in der Debatte über den Neustart der Bundesliga im Corona-Frühjahr die entscheidende Stimme, als es darum ging, der Liga den Weg freizumachen. Sein Wort hatte und hat in dieser Frage besonderes Gewicht. Wenn Söder sich gegen Zuschauer ausspricht, kann man davon ausgehen, dass dies eine repräsentative Meinung für die Stimmung in der Politik ist.

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Zuvor hatte bereits Wolfsburgs Sportdirektor Jörg Schmadtke gemutmaßt, dass angesichts wieder steigender Infektionszahlen die Diskussion um die Wiederzulassung von Zuschauern "zu einem ungünstigen Zeitpunkt aufgemacht" wird, wie er dem "Sportbuzzer" sagte.

Aus der Wissenschaft ist ebenfalls wenig Rückenwind für die DFL zu erwarten. Der Dresdner Virologe Alexander Dalpke hat sich mit diesem Statement zu Wort gemeldet: "Um Infektionen komplett auszuschließen, müsste man Spiele mit Zuschauern weiter verbieten." Der Sportmediziner und Pharmakologe Fritz Sörgel vermisst von der DFL eine Studie, inwieweit sich das Infektionsrisiko im Stadion erhöht, wenn es ab Herbst wieder kälter und nasser wird und Erkältungen zunehmen.

Insofern spricht derzeit vieles dafür, dass die DFL zwar am Dienstag ihr Konzept verabschieden wird - es aber wahrscheinlich zum Saisonstart Mitte September an der Umsetzung scheitert. Weil die Rahmenbedingungen, die die Politik setzt, es unmöglich machen. Es scheint nicht verkehrt für alle Beteiligten, sich noch eine sehr geraume Zeit auf leere Stadien einzustellen. Das gilt auch für Uli Hoeneß.

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