Bundesliga-Kommentar Anpfiff zur Schiedsrichterhysterie

Der Verdacht wiegt schwer, dass Schiedsrichter Robert Hoyzer durch seine Entscheidungen mehrere Spiele manipuliert hat; DFB-Präsident Theo Zwanziger sprach bereits von Betrug. Die Unparteiischen stehen jetzt unter Generalverdacht in einem Geschäft, in dem ein Pfiff über Millionengewinne oder -verluste entscheiden kann.

Von Steffen Gerth


Schiedsrichter Hoyzer: Kalkulierte Fehlpfiffe?
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Schiedsrichter Hoyzer: Kalkulierte Fehlpfiffe?

Für die schönsten Momente im deutschen Fußball hat auch Wolf-Dieter Ahlenfelder gesorgt, ein Mann von kleinem Wuchs und mit einer Kugel als Bauch. Als Ahlenfelder bis in die Achtziger noch Schiedsrichter war, schrieb er Zeitgeschichte: Mimik und Gestik bargen große Komik. Wunderschön ist ein Fernsehmitschnitt, in dem er sich ins Philosophieren über die Schiedsrichterkunst ergeht. Die Augen versonnen zugekniffen, die Fäuste geballt wie ein Klassenkämpfer - und sein pastellfarbener Ballonseideanzug scheint leise mitzurascheln, um die Größe dieses Moments zu verstärken.

"Ein Schiedsrichter", spricht Ahlenfelder, "ist ein Designer des Regelwerks. Er muss flexibel sein." Regel sei Regel - aber die Wahrheit liege auf dem Platz, und die Wahrheit sei das, was der Schiedsrichter zur Wahrheit erkläre. "Er ist wie ein Dirigent, der den Wiener Philharmonikern zeigt, wie sie Wiener Walzer zu spielen haben."

Gerne möchte man hören, was Ahlenfelder zu Robert Hoyzer einfallen würde. Was er sagt über einen 25 Jahre jungen Mann, der dem Fußball im Allgemeinen und seinen Schiedsrichterkollegen im Besonderen etwas ganz Schlimmes angetan hat und noch heute in der "Bild"-Zeitung seine Unschuld beteuert.

Wie jetzt die Mannschaften reagieren, die durch Hoyzers angebliche Manipulationen um verdiente Chancen gebracht worden sind, wird von den juristischen Möglichkeiten abhängen. Was aber den Schiedsrichtern ab sofort blüht, lässt sich erahnen. Schon jetzt ist ja das Geschrei um echte oder vermeintliche Fehlpfiffe in ein Stadium getreten, das als grenzwertig zu bezeichnen ist. Der "Pfiff des Tages" im "ZDF-Sportstudio" ist das nationale Schnellgericht der Regelbesserwisser, die dann nach der x-ten Zeitlupeneinstellung zur ihrem Urteil kommen. Gottlob ist der schwäbische Oberbuchhalter Eugen Striegel nicht mehr dabei, der uns als Schiedsrichterexperte vormals staubtrocken "Räägel" für "Räägel" näherbrachte, so dass der TV-Sportler Samstagnachts nach Pils Nummer fünf so halbwegs nachvollziehen konnte, wofür der bedauernswerte Unparteiische vor Ort eine Zehntelsekunde Zeit hat.

Hoyzers Fehlpfiffe werden in Deutschland endgültig eine Schiedsrichterhysterie auslösen. Das Wort Betrug wird immer hemmungsloser über die Lippen kommen, wenn ein Unparteiischer vermeintlich oder offensichtlich daneben liegt - Fußballfans und Fußballspieler können unglaublich perfide sein, wenn sie Benachteiligungen wittern.

Bundesligaspiel Schalke - Bremen: Eigentümliche Interpretation der Regel vom passiven Abseits
AP

Bundesligaspiel Schalke - Bremen: Eigentümliche Interpretation der Regel vom passiven Abseits

Wie gut, dass Knut Kirchers Entscheidung, das 2:1 der Schalker gegen Bremen zu werten, unmittelbar nach der Winterpause zu protokollieren war, wenn noch alles etwas ruhig ist. Denn man stelle sich vor, derselbe Schiedsrichter interpretiert die Regel vom passiven Abseits so eigentümlich zum Saisonende, wenn es darum geht, die Meisterschaft zu entscheiden. Dann werden sie toben, in München, in Stuttgart oder in Schalke: Betrug, Betrug. Und im Ü-Wagen, bei Rolf Töpperwien, ist der Teufel los: Zeitlupe, Standbilder - vor, zurück. Der arme Schiedsrichter windet sich wie ein Aal, wenn er nun gar nicht mehr um das abgepresste Eingeständnis seines Fehlpfeifens kommt, dann wird ihm gönnerhaft der Tagestitel verliehen: Der, der Größe gezeigt hat.

Was für ein Geschwätz. In diesem durchgeknallten Fußballtheater, wo Eitelkeit und Wichtigtuertum pathologisch sind, in dem sich erwachsene Männer nach Schübserchen auf den Rasen fallen lassen wie von einer Pump Gun getroffen, in dem sogar ein englischer Minister verantwortlich ist, dass eine halb-staatliche Hetzjagd auf den Schweizer Urs Meier eröffnet wird, weil der bei der Europameisterschaft angeblich die Engländer verpfiffen habe, in dieser Welt soll ein Schiedsrichter noch alles im Griff haben können?

Falls Hoyzer manipuliert hat, darf man seine Beweggründe nicht billigen, kann sie aber nachvollziehen. Da ist der junge Mann umgeben von viel Geld und Ruhm, er wächst immer mehr in eine Welt, wo die Trickserei, das Übervorteilen zum State of the art wird - na, da greifen wir zu, da schneiden wir uns auch ein Stück vom Kuchen ab. Dumm nur, dass jetzt die Frage aufkommen wird: Wer noch? Gibt es weitere Hoyzers? Denn was im Zusammenhang mit Fußballwetten so passiert, kam ja erst im Dezember ansatzweise ans Tageslicht, als es im Spiel Aue gegen Oberhausen sehr sonderbar zuging und der DFB Ermittlungen wegen des Verdachts auf Schiebung ermitteln musste.

Was kann man aber nun der Schiedsrichtergilde raten, um eine Hexenjagd zu vermeiden? Der DFB hatte es vor Jahren mit einem braven Slogan versucht: "Sei fair zum 23. Mann - Ohne Schiri geht es nicht." Na ja. Gescheiter war es, Striegel als ZDF-Regelwart zurückzupfeifen um dieses Schaulaufen wenigstens von Verbandsseite zu beenden. Der DFB wird nun diese Manipulationsgeschichte in Windeseile aufklären müssen, um zu zeigen: Wir haben hier kein generelles Problem. Und der Verband muss deutlich machen, dass die mutmaßliche Manipulation nichts mit einem "normalen" Fehlpfiff auf Schalke zu tun hat.

Vielleicht sollten sich parallel auch die Schiedsrichter formieren, sozusagen zu einer Koalition der Anständigen. Schon allein aus Selbstschutz. Denn wer sagt denn, dass in einem aufgewühlten Klima einem deutschen Unparteiischen nicht ähnliche Gewalt widerfährt wie dem Schweden Anders Frisk in Rom, dem der Mob per Münzwurf eine Fleischwunde am Kopf zufügte?

Allen, die den Fall Hoyzer jetzt zum Anlass nehmen, um die Unparteiischen noch mehr zu beleuchten, zu beschimpfen, zu belehren, sei ein Spruch von Walter Eschweiler zugerufen, der rheinländischen Schiedsrichterlegende: "Die Leistung eines Schiedsrichters ist mit irdischen Gütern nicht zu bezahlen."



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