Bundesliga-Kommentar Auf der Suche nach Normalität

Warum zu hoffen ist, dass die Fußball-Bundesliga sich in Friedenszeiten an den sechsten Spieltag der Saison 2001/2002 zurückerinnert.

Von Thomas Lötz


Bayern-Spieler Giovane Elber: Friedenstauben-Symbolik
OnlineSport

Bayern-Spieler Giovane Elber: Friedenstauben-Symbolik

Hätten Sie sich vorstellen können, dass bei einem Heimspiel des FC Bayern München sämtliche Werbebanden im Olympiastadion mit dem Titel des John-Lennon-Songs "Give peace a chance" beklebt sind? Was hätten Sie gedacht, wenn Ihnen jemand am letzten Wochenende noch erzählt hätte, dass der FC Bayern diese Aktion höchstselbst zu verantworten hat? Zugegeben, seit vergangenen Dienstag gibt es wenig, das einen noch wundert.

Die Bundesliga hat sich an diesem Wochenende darum bemüht, so haben es ihre Protagonisten im Vorfeld des sechsten Spieltags jedenfalls erklärt, ein Stück Normalität wiederzufinden. Nicht zuletzt weil, wie Liga-Präsident Werner Hackmann das formuliert hat, man sich dagegen zur Wehr setzen müsse, dass Terroristen einem ihr "Gesetz des Handelns" diktieren.

Interessanterweise hat sich die Liga dabei aber - sieht man mal von Spielstätten und Spielausrüstung ab - Aussagen, Symbolen und Handlungsweisen bedient, für die in der sonst so oft dumpf-polterigen Branche Fußball kaum oder gar kein Platz mehr schien.

Giovane Elbers Torjubel, bei dem er mit den Händen eine Friedenstaube zu imitieren suchte. Die Fans, die mit USA-Flaggen und solidarischen Transparenten in die Stadien zogen. Die Kommentatoren von Premiere World, die die Tore angenehm mal nicht durch Schreien ankündigten; Marcel Reif entschuldigte sich "on air" noch für die Verwendung des Begriffs "Querschläger". Und nicht zuletzt die dem allen zugrunde liegende Frage, die sich von Oliver Kahn über Ewald Lienen bis zu Werner Hackmann fast alle stellen und gestellt haben: Darf man überhaupt spielen? Eine, wie das in der Sprache des Fußballs heißt "hundertprozentige", Antwort darauf fand am Wochenende niemand.

Im Angesicht der menschlichen Katastrophe und der drohenden politisch-militärischen Eskalation hat der zur obszönen Selbstgefälligkeit und -überschätzung neigende Profisport Fußball zur Demut gefunden. Dass es dazu der vielen Toten in New York und Washington bedurfte, ist erschreckend wie so vieles an bemüht-hilfloser Gesinnung in diesen Tagen, ändert aber nichts an der Hoffnung, dass sich die Bundesliga in Friedenszeiten an dieses Wochenende des 15./16. September 2001 erinnert.

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