Bundesliga-Kommentar Bayern-Krise mit Ansage

Wie schon in den Jahren zuvor gönnt sich der FC Bayern München dieser Tage seine Herbst-Auszeit. Stolperspiele im Pokal, Hausmannskost auf europäischen Bühnen und fahrige Partien in der Bundesliga - wahrlich kein Grund zur Begeisterung an der Säbener Straße. Für Trainer Ottmar Hitzfeld könnte es diesmal jedoch brenzlig werden.


An Ottmar Hitzfeld ist auch an ganz normalen Tagen kein großer Humorist verloren gegangen. Aber in diesen kalten Novembertagen schaut der Trainer des FC Bayern noch ein wenig Sorgen zerfurchter aus dem Club-Jackett als sonst schon. Hitzfeld hat allen Grund zur Melancholie, nehmen sich die Münchner doch gerade ihre schon obligatorische Herbstkrise. Im Pokal beinahe gegen die zweitklassigen Nürnberger rausgeflogen, biedere Auftritte in der Champions League und in der Meisterschaft nach der Niederlage am Samstag gegen Schalke bereits sechs Punkte hinter Tabellenführer Stuttgart.

Durchhalteparolen im Konjunktiv


Sicher, sechs Punkte sind nicht die Welt und die ganz große Katastrophe ist bislang trotz bescheidener Leistungen ausgeblieben. Im letzten Jahr war der FC Bayern zu dieser Zeit bereits als Gruppenletzter aus der Champions League ausgeschieden. Aber ansonsten erinnert vieles an 2002. Heute wie damals sucht der FC Bayern nach seiner Form, stagniert die spielerische Entwicklung der Mannschaft und übt sich der Trainer in Durchhalteparolen mit vielen Konjunktiven. "Nach wie vor bin ich überzeugt, dass wir die Substanz haben, wenn wir die Nerven behalten, wenn wir Charakter zeigen, um auch in dieser Saison deutscher Meister zu werden", sagt Hitzfeld.

So ähnlich klang das auch im letzten Jahr, doch auch Hitzfeld weiß um den großen Unterschied. Vor zwölf Monaten gab es für die Krise allerlei passable Entschuldigungen. Die Leistungsträger noch von der Weltmeisterschaft ermattet, der FC Bayern mitten im nötigen Umbruch nach überaus erfolgreichen Jahren. Ausflüchte, die es im November 2003 nicht mehr gibt. Denn gerade weil sich ein Desaster wie vor Jahresfrist nicht wiederholen sollte, hatte der FC Bayern ja vor der Saison die bis dato gepflegte Zurückhaltung auf dem Transfermarkt aufgeben und sich für die Verpflichtung von Roy Makaay weit aus dem Fenster gelehnt. Und was den Umbruch angeht: gegen den FC Schalke am Samstag waren nur noch vier Spieler aus der Elf dabei, die vor zweieinhalb Jahren die Champions League gewann.

Uli Hoeneß knurrt


Dieses Jahr also ist der FC Bayern zum Erfolg verdammt. Schon weil sich die Münchner mit ihrem hochgerüsteten Kader nicht noch ein Jahr ohne die Einnahmen aus den Champions League-Finalrunden leisten können. Entsprechend nervös reagiert die Vereinsspitze auf die anhaltend mauen Darbietungen des Ensembles. Auffallend häufig meldete sich etwa Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge zu Wort, so mit dem Vorwurf an die Mannschaft, sie würde immer erst wütend, wenn sie in Rückstand gerate. Und auch Manager Uli Hoeneß forderte schon vor den beiden katastrophalen Spielen gegen Nürnberg und Schalke mehr Aggressivität, einen unbedingten Siegeswillen. Hinterher knurrte er wütend von "Selbstzufriedenheit und Laisser-faire-Einstellung".

Brüchige Bayern-Mauer: "Selbstzufriedenheit und Laisser-faire-Einstellung"
DDP

Brüchige Bayern-Mauer: "Selbstzufriedenheit und Laisser-faire-Einstellung"

Ottmar Hitzfeld wurde von Kritik aus der Führungsetage bislang verschont. Doch er ist Profi genug, zu wissen, dass das nichts bedeutet. Denn natürlich zeigt ihm die Frequenz der Wortmeldungen, dass das Vertrauen der Bayern-Führung in sein Krisenmanagement schon einmal größer war. Und er kann sich sicher noch daran erinnern, dass vor einem Jahr ziemlich schnell auch über die Frage debattiert wurde, ob der Trainer eigentlich noch seine Mannschaft erreicht. Hitzfeld hat diese Frage mit einer überzeugenden Serie in der Bundesliga beantwortet. Das wird diesmal nicht reichen, um die Kritik verstummen zu lassen. Es müssten schon glanzvolle Siege auf europäischer Bühne sein.

Kein verschworenes Ensemble mehr


Doch Zweifel sind angebracht. Die üblichen Methoden eines Trainers, um den Druck auf die Mannschaft auszuüben, sind nämlich weitgehend wirkungslos verpufft. Vor dem Pokalspiel gegen Nürnberg beispielsweise hatte Hitzfeld der Mannschaft die Leviten gelesen und an die Moral der Truppe appelliert, ohne sichtbare Konsequenz für den Einsatzwillen der Spieler. Zudem scheint auch Hitzfeld derzeit nicht wirklich zu wissen, woran es seiner Mannschaft gebricht. Nach dem Kick gegen Nürnberg warf er der Truppe "Überheblichkeit" vor, nach dem Spiel gegen Schalke verkündete er: "Wir haben Probleme. Wir können auf dem Platz die Konzentration nicht aufrechterhalten".

Eine Analyse, die zwar nach einem zerfahrenen und hektischen Spiel ganz einleuchtend klang, aber dennoch nicht erklärt, warum es dem FC Bayern derzeit trotz teilweise großer spielerischer Überlegenheit nur gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte gelingt, den Gegner über neunzig Minuten zu dominieren? Warum die taktische Disziplin, früher stets eine Kerntugend der Münchner, in nahezu jedem Spiel zu wünschen übrig lässt? Und warum die Mannschaft trotz gegenteiliger und vielstimmiger Bekundungen im Zusammenspiel auf dem Platz nicht den Eindruck macht, sie sei ein verschworenes Ensemble?

Diese Fragen muss Hitzfeld möglichst bald stellen, sich und seinen Vorgesetzten. Für die Antworten gibt es die Champions League. Am Mittwoch um 20.45 Uhr spielt der FC Bayern daheim gegen Olympique Lyon.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.