Bundesliga-Kommentar Bayern noch nicht Meister

Tabellenführer sind sie zwar schonmal - aber marschieren die Bayern wirklich zum Titel? Wer glaubt, die Konkurrenz dürfe den Münchnern lediglich beim Zaubern zuschauen, wird sich noch wundern. Ein Blick nach Stuttgart, Schalke und Hamburg lohnt sich jedenfalls auch.

Von Rainer Schäfer


Dass der FC Bayern München schon als Deutscher Meister 2008 feststeht, darauf hatte sich Fußball-Deutschland schon verständigt, bevor der erste Spieltag der Saison 2007/2008 überhaupt angepfiffen wurde. Ein Land übrigens, das immer verrückter nach Fußball wird, in dem Begeisterung und Fachwissen mächtig angewachsen sind, wie diese Woche im Fußball-Feuilleton nachzulesen war. Wenn das nichts ist: Die Bundesligastars werden ihr Können vor dem wohl emotionalsten und fachkundigsten Publikum aller Zeiten unter Beweis stellen können.

Bayern-Stürmer Klose: Marschiert Bayern wirklich durch?
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Bayern-Stürmer Klose: Marschiert Bayern wirklich durch?

Es gilt auch als gesichert, dass der FC Bayern als Amüsierbetrieb "Zirkus Sarrasani" (Franz Beckenbauer) durch die Bundesländer tingeln wird, um Jung und Alt mit seinen Trickspielereien zu unterhalten. Der Konkurrenz kommt dabei die Aufgabe zu, staunend zuzuschauen. Kleinere Reibereien unter den Experten entstehen nur noch angesichts der Frage, ob die Bayern zum humorlosen Durchmarsch ansetzen, der - als Folge ihrer Überlegenheit - so langweilig werden könnte, wie es in 44 Jahren Bundesliga noch nicht zu erleben war.

Mario Basler, der beim größten Boulevardblatt die Rolle des Oberätzers von Max Merkel übernommen hat, behauptet: Bayern marschiert durch, wird Meister mit zehn Punkten Vorsprung. Wirklich nur zehn Punkte? Bundestrainer Joachim Löw dagegen glaubt nicht an ein Solo der Münchner Unterhaltungstruppe.

Auch weil er um die Qualitäten anderer Teams weiß, wie des aktuellen Meisters VfB Stuttgart und des FC Schalke 04, die mit einem lebhaften 2:2 die Saison eröffneten. Die wird garantiert nicht langweilig werden: Der VfB und Schalke, die mit Werder Bremen unter Anhängern der bajuwarischen Dominanztheorie als erste Anwärter auf Platz zwei gelten, können höchstes Tempo gehen und sind in der Lage, das Spiel offensiv zu gestalten. VfB-Trainer Armin Veh besetzt auch klassisch als defensiv definierte Positionen mit offensivstarken Akteuren, Roberto Hilbert etwa, nominell rechts in der Abwehrviererkette, rückt immer wieder schnell nach vorne.

Gegen Schalke, auch ohne Zugänge, ist es schwierig zu spielen, Mirko Slomkas Mannschaft hat sich gerade auswärts der Kontrolle des Spiels verschrieben, in der zweiten Halbzeit hatte er immer drei dafür zuständige Spezialisten auf dem Platz: Fabian Ernst und wechselweise Levan Kobiashvilli, Jermaine Jones und Zlatan Bajramovic. Diese sogenannten "Sechser" sind die Wachmänner im modernen Fußball, die den Ballverkehr organisieren und kontrollieren. Aber Schalke konnte auch mit Unterhaltungsqualitäten aufwarten: Torwart Manuel Neuer scheint im Sommerurlaub drollige Bewegungsabläufe einstudiert zu haben, die denen eines Pinguins gleichen, der aus dem Wasser auf Land springt.

Dass alle über die Bayern reden, kann Armin Veh und dem VfB nur recht sein, so fallen die eigenen Probleme weniger auf. Dass Mario Gomez verletzt ausfällt, Ersatzstürmer Ewerthon übergewichtig ist, Schwächen von Torwart Schäfer vom verwöhnten Publikum mit Sprechchören nach Vorgänger Timo Hildebrand geahndet werden. Oder dass Arthur Boka und Antonio da Silva in der Leistung abfallen.

Aber es sind nicht nur Stuttgart, Schalke und Bremen, die den weiteren Saisonverlauf aktiv mitbestimmen werden, auch der HSV, Dortmund und eingeschränkt Hannover sind dazu in der Lage. Wohl keinem Erstliga-Trainer aber wird so unrecht getan wie dem knorrigen Proletarier Huub Stevens beim HSV, der seit vielen Jahren unter dem Generalverdacht steht, mit einem minimalistisch erarbeiteten 1:0 hochzufrieden zu sein. Das 1:0 in Hannover war das unterhaltsame Resultat einer insgesamt überlegenen Spielanlage und beendete die grauenvolle Bilanz des HSV, der seit 19 Jahren nicht mehr bei 96 gewinnen konnte.

Huub Stevens steht in bester Tradition des niederländischen Fußballverständnisses, das mutig, auch über die mit schnellen Spielern besetzten Außenpositionen, nach vorne spielen lässt. Bei Stevens haben die Spieler alle Freiheiten in der Vorwärtsbewegung, solange sie auch nach hinten Verantwortung übernehmen. Mit Romeo Castelen und Mohamed Zidan verfügt der HSV jetzt über das Personal, das die Möglichkeiten im schnellen Spiel nach vorne verbessert. In Fußball-Neudeutsch: Das Vertikalspiel in Hochgeschwindigkeit forciert.

Überhaupt zeigen alle überdurchschnittlichen Teams häufige Positionswechsel und eine enorme Intensität über die gesamte Dauer im Aufbau- und Abwehrspiel, beim Versuch, die Offensive des anderen schon frühzeitig zu unterbinden und selbst den Plastikball möglichst schnell in die Spitze zu transportieren. Gegen diese Teams, mit einer nahezu perfekten Organisation auf dem Spielfeld, werden es auch die Bayern schwer haben.

Trotzdem: Der Tabellenführer nach den Samstagsspielen heißt Bayern München. Na und?

Hansa Rostock ist kein Spitzenteam, das wird niemand behaupten wollen. Ottmar Hitzfeld jedenfalls hatte wenig Anlass, sein sorgenvolles Hamstergesicht aufzuziehen. Drei Mal konnte Hitzfeld mit dem treuen Adlatus Michael Henke abklatschen, ein Ritual, das Bayern-Fans als Zeichen der Münchener Überlegenheit die ganze Saison sehen wollen. Die ist noch lang. Und diesmal werden alle Teams gegen die Bayern spielen.



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