Bundesliga-Kommentar Bochums lange Geschichte des knappen Scheiterns

Es sollte eine Saison voller Leichtigkeit werden, nun scheint die Zeit wieder reif für den Abstieg. Der VfL Bochum hat in dieser Saison erst ein Spiel gewonnen - dabei fehlten oft nur Winzigkeiten. Hoffnung macht: die Konkurrenz.

Es war ein ganz finsterer Augenblick, den Stanislav Sestak da in der 83. Minute der Partie zwischen dem VfL Bochum und dem HSV erlebte. Am Ende eines wunderbaren Konters hätte der Stürmer den Ball nur noch ins leere Tor schieben müssen. Es wäre wohl der verdiente 2:1-Siegtreffer gewesen, doch Sestak traf nur den Außenpfosten. Fassungslos blieb der Slowake auf dem Rasen liegen – ein Bild, das das gesamte Bochumer Unglück der laufenden Saison enthielt.

"Der Ball fällt bei uns im Moment einfach nicht so leicht ins Tor", sagte Bochums Coach Marcel Koller. Erst ein Spiel hat der VfL gewonnen, das 1:1 gegen den HSV vom Sonntagabend war bereits das achte Unentschieden. Mit elf Punkten aus 15 Partien steht der Club nun auf dem drittletzten Tabellenplatz. Es ist eine lange Geschichte des knappen Scheiterns, die die Bochumer derzeit erzählen. Das zehrt. "Wir dürfen einfach nicht den Mut verlieren", sagte Mittelfeldakteur Oliver Schröder mit matter Stimme.

Dabei sollte es eigentlich ein Jahr voller Leichtigkeit werden für den VfL Bochum. Im Sommer formulierte Koller seine viel zitierte These vom "besten Kader", den er beim VfL jemals zur Verfügung hatte. Schließlich konnten sie mit Sestak den Helden der Vorsaison halten und mit dem Iraner Vahid Hashemian sowie dem früheren Nationalspieler Paul Freier zwei Spieler zurückholen, die den Club vor fünf Jahren einmal in den Uefa-Cup führten. Zu den meistgenannten Abstiegskandidaten zählte der VfL vor dem ersten Spieltag folglich nicht.

Aber vielleicht liegt genau darin das Problem. Man erinnere sich an die Geschichte des 1. FC Nürnberg aus dem Vorjahr, viel zu spät kam der Club im Abstiegskampf an. Überaus optimistisch beharrte auch Freier noch vor zehn Tagen auf dem "Saisonziel 45 Punkte".

Dabei ist die Zeit eigentlich wieder reif für einen Abstieg. Etwa drei Jahre ist es her, da dichteten Bochums Fans wunderbare Zeilen über ihr Schicksal. "Wir steigen auf, wir steigen ab, und zwischendurch Uefa-Cup", sangen sie sarkastisch. Seit Mitte der neunziger Jahre scheint der VfL in der Bundesliga nämlich stets einem schicksalhaften Dreijahresrhythmus zu verfallen: Die Mannschaft steigt auf, hält einmal mit großer Mühe die Klasse, übertrifft einmal alle Erwartungen, und dann steigen sie wieder ab. Derzeit befindet der Club sich wieder im fatalen dritten Jahr dieses Zyklus'.

Dann reichen auch gute Leistungen wie gegen den HSV nicht, um Spiele zu gewinnen. "Wir versuchen, das zu ignorieren", sagte Schröder am Sonntag, doch die unerfüllte Sehnsucht nach einem Sieg hinterlässt Spuren. Im Abstiegskampf der laufenden Saison könnte es auch darauf ankommen, lange Serien der Sieglosigkeit besser zu verkraften als die Konkurrenz. Es wird einfach öfter verloren, denn die Leistungskluft zu den Spitzenteams ist größer geworden.

In Bochum war der Frust zuletzt so groß, dass ein "Fan-Treffen" mit Marcel Koller einberufen wurde. Der erboste Anhang sollte sich in der Vorwoche mit dem Trainer aussprechen, denn der Schweizer polarisiert. Ein Teil der Fans ruft nach Niederlagen "Koller raus!", andere packt dann die Wut und sie versuchen ihre Kollegen von solchen destruktiven Äußerungen abzuhalten. Es gibt in diesem Herbst viele Meinungen an der Castroper Straße. Einig sind sie sich nur darin, dass man sich eigentlich mehr erhofft hat.

Bei der Aussprache wurde dem Trainer dann eine lange Liste mit Vorwürfen präsentiert: Das Spielsystem passe nicht, es werde nicht auf die Eigenheiten der unterschiedlichen Gegner reagiert, es fehlten Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die Mannschaft entwickle sich nicht weiter und defensiv wie offensiv zeigten sich Schwächen bei den Standards. Die Liste lässt sich beliebig verlängern, richtig ist paradoxerweise aber auch, dass es nur Winzigkeiten sind, die fehlen. Mal ein Sieg oder mal ein Tor für den glücklosen Freier, und die Mannschaft könnte befreit sein.

Der VfL zeigt die typischen Symptome eines Teams, das nicht vorbereitet war auf den Abstiegskampf: Hoffnungslos unterlegen waren sie selten, doch irgendwann verliert eine Mannschaft den Glauben, wenn viel Aufwand und gute Leistungen fortwährend unbelohnt bleiben. Es ist ein Mosaik der kleinen Defizite.

Hinter diesem Pech könnte sich aber auch etwas anderes verbergen: Der Verlust eines Glücksmagneten, eines Mitarbeiters, der die interne Atmosphäre in ein Gewinnerklima wenden kann. In den beiden abgelaufenen Spielzeiten erfüllte Stefan Kuntz diesen Job mit Bravour. Mittlerweile ist der Manager mit dem 1. FC Kaiserslautern an der Tabellenspitze der Zweiten Liga unterwegs.

Kuntz verließ Bochum nach einer Privatfehde mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Altegoer, aber vielleicht gewinnen sie am Ende auch ohne Kuntz das Duell der Frustrierten gegen die Konkurrenz aus Cottbus, Karlsruhe, Bielefeld, Mönchengladbach und Frankfurt. Denn dort gibt es mindestens ebenso gute Argumente für einen Abstieg wie in Bochum.

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