Bundesliga-Kommentar Bremens Gespür für Tore

Es war ein Bundesligawochenende der Klischees: Bayern gewinnt in letzter Minute, Schalke spielt Unentschieden (zum siebten Mal im 13. Spiel) und Werder Bremen nimmt einen Gegner auseinander - mit bezauberndem Fußball, der seinesgleichen sucht. Aber warum eigentlich?


Die Bremer haben nach dem 6:1 gegen Wolfsburg mittlerweile eine kaum fassbare Anzahl von 38 Toren erzielt, das ist seit der Saison 1984/1985 keiner Mannschaft mehr gelungen (Gladbach hatte damals 40 Treffer). Dazu liegen sie in der Tabelle erzielter Tore nach 13 Spieltagen seither auch noch auf Platz drei (Saison 2003/2004, 37 Tore) und vier (85/86, 35 Tore), was die Vermutung nahe legt, dass diese Form des Spaßfußballs tiefere Wurzeln hat in der norddeutschen Provinz, wo einst die "kontrollierte Offensive" geschaffen wurde.

Knipser Klose: Näschen für bislang 14 Saisontore
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Knipser Klose: Näschen für bislang 14 Saisontore

Selbst unter den Champions-League-Teilnehmern hat kein anderer so häufig getroffen in seiner Liga. Werder Bremen ist die Tormaschine Europas, und darf sich am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit einem anderen Großmeister des offensiven Balls messen: dem FC Barcelona, dessen 30 Tore in der laufenden Primera-Division-Saison ebenso von größter Lust am Spiel zeugen, wie der 3:0-Sieg bei Real Madrid vom Samstagabend.

Vor der Reise nach Spanien spricht Geschäftsführer Klaus Allofs nun etwas aus, was der nationalen wie internationalen Gegnerschaft eigentlich den Angstschweiß auf die Stirn treiben müsste: "Man kann erkennen, dass wir uns in den letzten Wochen weiterentwickelt haben. Wir haben auch schon vorher mit großer Euphorie nach vorn gespielt, aber jetzt machen wir das mit einer verbesserten Chancenverwertung. Und hinten lassen wir weniger zu."

Allein auf Euphorie kann der Bremer Torrausch ohnehin nicht beruhen. Denn dann würde der Schwung irgendwann abebben, vielleicht ins Gegenteil umschlagen. Die Bremer jedoch scheinen da eine Welle erwischt zu haben, die auch nach Jahren nicht auslaufen mag. Wie macht das dieser Club, der in jedem Sommer seine besten Spieler verliert, der kein High-Tech-Stadion mit all seinen Einnahmemöglichkeiten besitzt und keinen großen Namen, der sich international vermarkten ließe?

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Neben der erfolgreichen Transferpolitik des Klaus Allofs beruht das Phänomen auf dem leistungsfördernden Umfeld, das in Deutschland seinesgleichen sucht. In Bremen blühen Spieler auf, die anderswo ständig in Konflikte geraten (Ailton, Micoud), oder von denen man sich nicht vorstellen kann, dass sie anderswo ähnlich beeindruckend agieren könnten (Nelson Valdez). Hier finden Profis zu ihrer lange gesuchten Form (Frings), andere erklimmen den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit (Klose, Klasnic), oder reifen zu Stars von internationaler Klasse (Borowski).

Der Brasilianer Naldo, vor der Saison als Ersatz für den nach München abgewanderten Innenverteidiger Valerien Ismael an die Weser gewechselt, sagte vor einigen Tagen beeindruckt: "Ich hatte es mir schon schwieriger vorgestellt, aber die Eingewöhnung hier war problemlos". Es scheint, als verstehe Werder Bremen es, eine Atmosphäre zu schaffen, von der sie in Leverkusen, Dortmund oder Schalke nur träumen können. "Die Mannschaft sprüht vor Energie", bestätigt Allofs und Schaaf sagt: "Die Jungs passen aufeinander auf. Die Spieler haben Verantwortung füreinander übernommen".

Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Tatsache, dass Bremen ein bisweilen fast idyllisches Medienumfeld besitzt. Standorte wie Köln oder Hamburg wirken dagegen wie Hurrikan-Gebiete. Hinzu kommt, dass Schaaf ein unglaublich cooler Trainer ist, den so gut wie nichts aus der Fassung zu bringen scheint. Felix Magath gehört zu einem ganz ähnlichen Typus, beide bieten kaum Blößen, machen sich nicht mit irgendeiner Form von Eitelkeit angreifbar, reagieren stets mit Souveränität auf Kritik, und geraten so nicht in Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft zu verspielen.

Zur Person
Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
International hat der Club trotzdem nur wenig bewegt in den vergangenen Jahren. Seit Schaaf das Team 1999 übernahm, erreichte es einmal das Viertelfinale des Uefa-Cups, schied im vergangenen Jahr im Achtelfinale der Champions League aus und vergnügte sich sonst irgendwo im UI-Cup oder in den ersten Runden des Uefa-Pokals. Auch in den Nationalmannschaften überzeugten die Bremer Spieler selten.

Profis wie Micoud, Ismael oder Ailton spielten gar nicht oder nur sporadisch für ihre Länder und Patrick Owomoyela kann sich nur mit Mühe in Klinsmanns Kader halten. Auch Borowski konnte im Nationalteam noch nicht wirklich beweisen, dass er Michael Ballack das Wasser reichen kann, auch wenn die Entwicklung des 25-Jährigen, der gegen Wolfsburg am Samstag zwei Tore schoss, beeindruckt.

Selbst dem besten Torjäger der Bundesliga gelang 2005 kein Treffer für Deutschland, Klose macht im Nationalteam meist den Eindruck eines Stürmers in der Krise. Beim 4:3 gegen Udinese zeigte sich dann die gesamte Palette des internationalen Werder-Wahnsinns. Zunächst spielte man die Italiener an die Wand, führte 3:0, kassierte dann innerhalb von sechs Minuten drei Tore, um am Ende doch noch zu gewinnen. "Gegen Europas Top-Teams haben wir noch Nachholbedarf", hat Allofs nach der 0:2-Niederlage gegen Barcelona im Hinspiel in Bremen erkannt.

Ähnliches ließe sich aber wohl auch über den FC Barcelona sagen, dem es in der vergangenen Saison mit seinem hinreißenden Offensivspiel, an Kälte und Rationalität mangelte, als man im Achtelfinale am FC Chelsea scheiterte. Beim Sieg in Madrid am Samstagabend, machten sie aber den Eindruck, neben bezaubernder Fußballkunst auch die Techniken des kalkulierten Tempowechsels zu beherrschen.

Klose antwortete im "Aktuellen Sportstudio" auf die Frage, ob ihn Barcelonas Sieg beeindruckt habe, trotzdem: "Nein, wir haben 6:1 gewonnen." Entscheidend wird ohnehin das Spiel gegen Panathinaikos Athen im Dezember. Ein 1:0-Sieg oder ein Erfolg mit zwei Toren Unterschied gegen die Griechen reicht mit aller Wahrscheinlichkeit für den Einzug ins Achtelfinale. Der Auftritt in Nou Camp ist also eine herrliche Gelegenheit, die hohe Kunst des Bremer Spaßfußballs auch einmal international zu zelebrieren.

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