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17. Februar 2007, 20:23 Uhr

Bundesliga-Kommentar

Bremer Krise? Nur ein Irrtum!

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Schalke vor Stuttgart, vor Nürnberg und vor Hertha BSC. Eine Mannschaft vergessen? Nein. Bayern München steht am Ende der Saison vor Schalke, das sich hinter Bremen einsortiert, aber wenigstens den Rest der Liga hinter sich gelassen hat. Also so wie immer. Oder vielleicht auch nie wieder?

Hamburg - Es ist eine gute Gelegenheit, einmal über den Irrtum zu reden. Der Irrtum ist bekanntlich das Lebenselixier des Journalismus. Das ist ja das durchaus Schöne an unserem Beruf, dass wir irgendetwas frei weg behaupten können und Monate später das genaue Gegenteil davon - und wenn wir Glück haben, merkt es noch nicht einmal jemand. Von daher ist es gar nicht schwer, wenn ich gestehen muss: Ich habe mich geirrt. Gründlich.

Bremens Torjäger Klose: Engagiert, aber ohne Glück
AP

Bremens Torjäger Klose: Engagiert, aber ohne Glück

Ich hab an dieser Stelle schon mehrfach behauptet, dass natürlich und ausschließlich der FC Bayern Deutscher Meister wird. Sehr langsam beschleicht mich eine Ahnung, dass das eine vielleicht etwas zu kühne Behauptung war. Im September schrieb ich, dass Schalke-Trainer Slomka spätestens im November der ganze Laden um die Ohren fliegt. Das dürfte ungefähr der Zeitraum gewesen sein, an dem die Siegesserie der Schalker ihren Anfang nahm. Dass ich vor Jahresfrist Stuttgarts Trainer Armin Veh keine große Zukunft beim VfB eingeräumt habe, ihn gar als mehr oder weniger abgehalfterten Regionalliga-Provinzler tituliert habe, sei hier nur am Rande erwähnt.

Das Beruhigende daran ist: Ich bin in bester Gesellschaft. Noch vor vier Wochen räsonnierte die gesamte Branche wortgewaltig darüber, dass der Weg über die deutsche Meisterschaft in diesem Jahr aber nur wirklich über den SV Werder Bremen zu führen habe - jene Offensivmaschine mit dem Ober-Knipser der Nation, Miro Klose, dem eleganten Diego und dem Wolkenkratzer-Bollwerk in der Abwehr, Mertesacker und Naldo. Und war es keine zwei Tage her, dass in sämtlichen Publikationen vom Ende der Werder-Krise die Rede war - nach dem 3:0 im Uefa-Cup über Ajax Amsterdam?

Wir wissen seit diesem Wochenende also: Die Bremer Krise ist beileibe nicht vorbei, sie ist vielmehr manifestiert worden. Der Titelfavorit der Herzen dürfte es fertiggebracht haben, in drei Wochen die Meisterschaft mehr oder weniger verspielt zu haben. Und ein Sieg über Ajax Amsterdam heißt erst einmal gar nichts: HSV-Mittelfeldstar und Ur-Amsterdamer Rafael van der Vaart spielte sich im Weserstadion als Rächer von Ajax auf - und Werder fehlte jegliches Mittel dagegen. Einfallslos, glücklos.

So ist das, wenn der Erfolg einer Mannschaft im Grunde auf der individuellen Klasse nur weniger Spieler ruht. Diego, Naldo und Klose - das war Werder in der Hinrunde. Diego kämpft zurzeit mit privaten Problemen, und es erzähle mir keiner, dass ihn die Schlagzeilen aus der Heimat um seinen Vater kalt ließen. All jene, die Diego in der Winterpause siegesgewiss in ihr "Kicker"-Managerteam eingebaut haben, machen derweil schon ganz schön lange Gesichter. Auf Naldos Vorstöße haben sich die gegnerischen Deckungsformationen mittlerweile eingestellt. Und Miro Klose? Mit ihm geschieht das, was passiert, wenn Mittelstürmer eine Weile nicht treffen. Die Medien fangen lautstark an, die Minuten ohne Tor zu zählen. Das blinde Vertrauen der Mitspieler in die Abschlussqualitäten beginnt zu sinken, das eigene Selbstbewusstsein tut es auch. Klose ist auf dem Platz engagiert wie immer, gar kein Vorwurf an ihn, aber in Gedanken ist er doch möglicherweise längst nicht mehr in Bremen, sondern in weitaus schöneren Städten wie London, Turin oder Mailand.

Werder hat zu Klose keine Alternative. Klasnic ist krank, Almeida zu unbeweglich, Zidan schießt seine Tore mittlerweile woanders, Neuzugang Rosenberg fremdelt noch arg, und der zuweilen nassforsche Aaron Hunt merkt jetzt, dass ein Jungspund von Anfang 20 doch noch kein Halbgott ist. Werders Problem ist die Offensive - ausgerechnet. Die Torfabrik der Fußball-Bundesliga - sie hat auf Kurzarbeit umgestellt.

Was hilft? Die nächsten Gegner womöglich. Im Rückspiel bei Ajax sollte man zwar nicht damit rechnen, noch einmal so einen überaus gutwilligen Schiedsrichter zu bekommen wie in der ersten Partie, aber das Weiterkommen wird man mit einem 3:0 im Rücken schon irgendwie schaffen. Und dann geht es am kommenden Wochenende nach Gladbach, dem Tabellenletzten. Wer im Borussen-Park nicht gewinnt, sollte sowieso sämtliche Ambitionen auf internationale Erfolge begraben.

Es läuft derzeit also wieder auf den alten Zweikampf Werder gegen Bayern hinaus. Dabei haben die beiden Renommiervereine der Liga allerdings nicht den Titel im Auge, sondern den fast genauso wichtigen dritten Platz, der zur Champions-League-Qualifikation berechtigen würde. Schalke und der VfB Stuttgart wirken derzeit zu stark, enteilen von Spieltag zu Spieltag ein kleines Stück mehr.

Aber wahrscheinlich irre ich mich ja doch wieder. Der späte Ausgleichstreffer der Wolfsburger heute leitet eine Pleitenserie des FC Schalke ein, VfB-Torwart Hildebrand ist so frustriert darüber, dass ihn selbst in der zweiten spanischen Liga niemand so recht haben will, dass er ein paar leichte Bälle durchrutschen lässt: Lukas Podolski erscheint eine gute Fee, die ihm ermöglicht, auch mal das Tor zu treffen - und alles ist Ende April wieder offen.

Wer wird's denn nun? Mein Tipp: Na, klar. Meister wird Bayern München. Wer denn sonst?

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