Bundesliga-Kommentar Chaos-Club im Leistungsrausch

Der Hamburger SV schafft in München ein Unentschieden: Was für eine Leistung angesichts des Chaos im Verein. Trainer und Spielmacher gehen nach der Saison, Nachfolger werden nervös gesucht - erstaunlich, wie konstant die Elf da ihre Leistung abruft.

Es kann nicht sein, dass von den HSV-Verantwortlichen noch niemand mit Berti geredet hat. Der so eben frisch von seiner Afrika-Expedition in Nigeria entbundene Hans-Hubert Vogts ist immerhin wieder frei, und schließlich ist jeder Fußballlehrer, der nicht schnell genug weglaufen kann und nicht Peter Neururer heißt, von den Hamburger Medien schon ins Gespräch als neuer HSV-Trainer gebracht worden. Aber wahrscheinlich ist das mit Berti auch schon längst passiert. Womöglich hat der HSV, der seit Wochen Scouts und Headhunter zum Trainerbeobachten durch die halbe Welt schickt, Verteidiger Timothee Atouba nur deswegen zum Afrika-Cup geschickt, damit er Vogts vor Ort unter die Lupe nehmen konnte. Eigentlich ist es beim Hamburger SV so ein bisschen wie in der Politik der Stadt nach der heutigen Bürgerschaftswahl: Wie es künftig weitergeht, das kann wohl keiner so ganz genau vorhersagen. Der Club steht wieder mal vor einem Umbruch. Von daher hat das Spitzenspiel beim FC Bayern den Norddeutschen denn auch das einzig logische Ergebnis beschert: Unentschieden – so ist der ganze momentane Zustand des Vereins.

Nach Assessment-Center-Methode werden beim HSV derzeit Stärken und Schwächen aller Bewerber auf den Trainerstuhl von Jürgen Klopp bis Bruno Labbadia auf dem Schreibtisch von Vereinsboss Bernd Hoffmann abgelegt. Nur kein Schnellschuss, ist die Parole, der Mann soll und muss perfekt nach Hamburg passen, lautet die Losung. Was das genau heißt – nach Hamburg passen -, ist allerdings nicht ganz klar: Wie hanseatisch darf's denn sein? Wenn Klopp nicht wüsste, wie man Labskaus zubereitet, der Hesse Labbadia ahnungslos wäre, wann die Stintsaison beginnt oder der Schweizer Christian Gross keinen Schimmer hätte, was der "Silbersack" (Kultkneipe auf St. Pauli, d.Red.) ist, dann heißt das offenbar trotzdem noch nicht, dass ihre Namen gleich von der Liste gestrichen werden.

Es geht wohl eher um die Typfrage. Soll es einer sein wie der zum Saisonende scheidende Huub Stevens, der den HSV wieder unter die Top fünf der Liga geführt hat? Also humorlos bis auf die Knochen, bei Medienkritik immer mal gerne die beleidigte Leberwurst herauskehrend, dafür aber diszipliniert bis zum Anschlag, einer wie aus dem Fußball-Proletariat der Helden von Bern: Dann könnte man Klopp vergessen, dann könnte es Gross werden, vielleicht auch Labbadia. Oder doch besser ein Volkstribun? Dann käme man an dem Mainzer nicht vorbei.

An dem einen Tag schreiben die Hamburger Zeitungen mangels genauer Kenntnis artig, es stünde fest, dass der Trainer aus dem Ausland kommt – also Klopp und Labbadia raus, Gross und der Holländer Fred Rutten wieder rein in die freie Auswahl – dann heißt es am nächsten Tag wieder, es müsse auf jeden Fall ein Deutscher sein: Moin Klopp, tschüss Rutten. Beim Konkurrenten Hannover 96 soll man sich schon nach Trainer Dieter Hecking erkundigt haben.

So geht das hin und her, und man sollte eigentlich annehmen, dass die Spieler dieses Hickhack nicht unbedingt zu Höchstleistungen antreibt. Von daher ist es den Profis hoch anzurechnen, dass sie ihre Form trotz alledem einigermaßen konstant gehalten haben und der HSV auch Ende Februar weiterhin drei Titeloptionen hält: Pokalsieger wie einst zu Manni Kaltz' Zeiten, Meister wie unter Ernst Happel oder Uefa-Cup-Sieger - das ist dem HSV bisher noch niemals gelungen. Aber genau in diesen Perspektiven liegt auch die gesamte Unwägbarkeit des Unternehmens: Zwischen Rang eins und fünf ist in der Liga alles drin, im Pokal kann schon am Mittwoch in Wolfsburg beim Team der HSV-Ikone Felix Magath alles vorbei sein, und im Uefa-Cup wartet mit Bayer Leverkusen die derzeitige Übermannschaft der Bundesliga auf das Stevens-Team. Dass der HSV am Ende der Saison komplett mit leeren Händen dasteht, ist absolut denkbar.

Ein neuer Trainer ist noch nicht gefunden, aber man ist zumindest in der Findungskommission schon relativ weit. In Sachen Van-der-Vaart-Nachfolge sieht das noch weit dürftiger aus. Wie sehr der holländische Mittelfeldregisseur das Spiel des Hamburger SV prägt, hat man auch in München wieder gesehen, wo mit einem Van der Vaart auf der Ersatzbank gute Ideen im Spiel nach vorne Mangelware waren. Redlich gekämpft und sich so ein Remis verdient – das ist schon in Ordnung, aber für ein Spitzenteam internationalen Zuschnitts wieder mal ein bisschen wenig. Der Holländer wird am Ende der Saison weg sein, wo auch immer, aber nicht mehr in Hamburg. Wer an seine Stelle treten soll? Es werden Namen gehandelt, aber keine Kerle. Ob der Züricher Yassine Chikaoui, der Monegasse Jeremy Mendez oder der Marseiller Samir Nasri – wohl alles Spieler mit hohem Potenzial. Was aber nur stets ein anderer Ausdruck dafür ist, dass die Spieler noch keine großartigen Meriten aufzuweisen haben. Einer wie Van der Vaart, der mit Anfang 20 schon Kapitän bei Ajax Amsterdam war, wächst in Europa nicht auf den Bäumen. Er wird nicht zu ersetzen sein. Und Sylvie auch nicht.

Für den Hamburger SV kann es dennoch eine fantastische Saison werden, wenn alles perfekt läuft. Zweifel sind aber erlaubt.

Noch ein Satz zum FC Bayern: Meister wird Leverkusen.

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