Bundesliga-Kommentar Der ewige Vize

Max Merkel ist der Bundesligatrainer, der seinen sportlichen Ruhm am schnellsten verspielte. Leverkusens Ex-Coach Klaus Toppmöller strengte sich zwar mächtig an, wurde aber auch diesmal nur Zweiter.


Klaus Toppmöller: Aus und vorbei
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Klaus Toppmöller: Aus und vorbei

Ein ruhmreicher Abgang sieht anders aus. Durch den Seiteneingang huschte Klaus Toppmöller am Samstag grußlos aus der BayArena und hinterließ nicht nur eine demoralisierte Truppe in höchster Abstiegsgefahr, sondern auch eine ganze Menge offener Fragen. Denn seit Max Merkel - 1968 Meister mit Nürnberg, ein Jahr später zweite Liga - ist kein Bundesligatrainer rasanter aus lichten Höhen in die Kasematten gestürzt als Toppmöller.

Vergangenes Jahr noch hatten sie ihn zum "Trainer des Jahres" gewählt, als Belohnung für den schönsten Fußball, den es seit vielen Jahren von einer deutschen Vereinsmannschaft zu sehen gab. Auch wenn es am Ende gleich dreifach nicht mit Pokalen und Meisterschaften geklappt hatte, galt Toppmöller, der einstige Sprücheklopfer, doch seit dem Champions-League-Finale in Glasgow als Großer seiner Zunft, in einer Liga mit Hitzfeld, Heynckes und Houllier.

Kein Konzept, kein Arbeitsplatz

Nur neun Monate später wirken all diese Hymnen und Lobpreisungen seltsam antiquiert. Denn Toppmöller hat den Tiefflug der Leverkusener Parademannschaft nicht verhindern können, ratlos wirkte er angesichts der rätselhaften Nervenschwäche seiner anerkannt begabten Kicker. Allzu lange entschuldigte er die miserablen Kicks seiner Mannschaft mit der Verletzunsgmisere, mit den Abgängen von Michael Ballack und Ze Roberto, mit dem Wetter und überhaupt.

Spätestens als Toppmöller am Samstag bei der 1:2-Niederlage gegen Rostock seinen vom heimischen Publikum heftig angefeindeten Kapitän Carsten Ramelow auswechselte, immerhin eine der Korsettstangen des Teams 2002, wurde auch dem letzten Besucher in der BayArena klar, dass hier einer am Ende mit seinem Latein war, ohne Konzept für eine taumelnde und stolpernde Elf.

Bayer-Geschäftsführer Reiner Calmund zog die Notbremse, eröffnete Toppmöller die wenig überraschende Kündigung und schickte dem frisch gefeuerten Coach immerhin das Lob hinterher, er sei noch immer ein erstklassiger Trainer. Das war nett vom leutseligen Funktionär, doch es drängt sich die Frage auf, was denn einen erstklassigen Trainer so ausmacht.

Zählt allein die dauerhafte Anwesenheit von Erfolg? Ein langfristiges Konzept? Die Zuneigung der Zuschauer? Ein medientauglicher Bürstenhaarschnitt? Oder ein glückliches Händchen bei Einwechselungen? Die Vereine zerbrechen sich über diese Frage seit vielen Jahren den Kopf, finden keine rechte Antwort und vertrauen sich deshalb in rasch wechselnder Folge ganz unterschiedlichen Trainertypen an.

Mal sind ausgebuffte Taktikfüchse mit Brille heiß begehrt, die im "Aktuellen Sportstudio" einem staunenden Publikum die Viererkette mit Steuermann erklären können und die Mannschaftsbesprechnung mit physikalischen Erläuterungen wie "Ball und Raum in Gegnernähe verdichten" würzen. Eine Spielzeit später werden schrotige Haudegen in Ballonseide verpflichtet, die Taktik für einen lateinischen Ablativ halten, stattdessen von der Mannschaft ordentlich Blut am Pfosten fordern und Zeitungssausschnitte mit abschätzigen Äußerungen des Gegners an die Kabinentür pinnen.

Vergebliche Suche nach dem Patentrezept

Im dritten Jahr werden dann ehemalige Spieler hoch gehandelt, in der irrigen Annahme, 245 Bundesligapartien und 15 Länderspiele ersetzten eine grundständige Ausbildung bei Gero Bisanz an der DFB-Trainerakademie. Tun sie natürlich nicht, wie überhaupt abwegig ist zu glauben, es gäbe so etwas wie ein Patentrezept für Meisterschaften, Pokalsiege und Klassenerhalte im Abonnement. Ruhm ist vergänglich, Siege von gestern interessieren schon nicht mehr.

Diese Erfahrung haben vor Toppmöller schon viele andere Trainer gemacht. Etwa Ewald Lienen, der den 1. FC Köln triumphal zurück in die Bundesliga führte und eineinhalb Jahre später vom halben Stadion zur Entlassung gebölkt wurde. Oder Otto Rehhagel, der mit den just aufgestiegenen 1. FC Kaiserslautern sensationell deutscher Meister wurde, bei den Feierlichkeiten nur knapp der Heiligsprechung durch den damaligen FCK-Boss Jürgen Friedrich entging und zwei Jahre später von eben jenem "Atze" gefeuert wurde.

Toppmöller wird ausspannen und ein gutes Buch lesen

Und selbst Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, als zweimaliger Champions-League-Sieger eigentlich über jeden fachlichen Zweifel erhaben, musste sich im Herbst eine Diskussion um seine Zukunft beim FC Bayern gefallen lassen und schaut inzwischen schon wieder so magenkrank drein wie einst bei Borussia Dortmund. Denn es ist wohl so: Jeder Erfolg hat seine Zeit und seinen Ort.

Toppmöllers Zeit war die letzte Saison, seine Orte Manchester und Glasgow. Mehr war vielleicht nicht drin für Leverkusen und seinen Trainer. Toppmöller wird nun nach Hause fahren, ausspannen, Urlaub machen, ein gutes Buch lesen und dann ungeduldig auf neue Angebote von europäischen Spitzenklubs warten. Die werden schon kommen, schließlich ist er ja ein erstklassiger Trainer. Sagt jedenfalls Reiner Calmund - und der muss es ja wissen.



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