Bundesliga-Kommentar Die Macht der Fans

Wirtschaftlich gesund, sportlich auf Talfahrt: Borussia Mönchengladbach ist ein Paradoxon. Zwei Trainer und einen Sportdirektor hat der Verein in einer Saison verschlissen. Die Neuen Horst Köppel und Peter Pander sollen aber nicht nur den Absturz in die Zweite Bundesliga verhindern - sie sind auch ein Zugeständnis an die Fans.

Von Steffen Gerth


Gladbachs Präsident Königs, Trainer Köppel: Sehnsucht nach den alten Größen
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Endlich steht Borussia Mönchengladbach in der Spitzengruppe der Bundesliga. Ein Platz unter den ersten vier ist aller Ehren wert. Bevor Verwirrung aufkommt - dieses Ranking bezieht sich auf die Finanzstärke der Liga, und hier hat eine Studie des ZDF-Magazins "Frontal" die Borussia als einen der Topclubs der Liga eingestuft. Das zurückliegende Geschäftsjahr brachte dem Verein demnach einen Gewinn von 3,6 Millionen Euro vor Steuern, auch zu Zeiten des legendären Managers Helmut Grashoff war die Borussia wirtschaftlich nie gesünder als heute.

Womit wir bei einer Weissagung der Cree-Indianer wären: Geld kann man nicht essen. Oder, um mit Otto Rehhagel zu sprechen: Geld schießt keine Tore. Die Borussia tritt mit Wucht den Beweis dieser Thesen an: wirtschaftlich kerngesund, sportlich ein Pflegefall. Möglicherweise ist dieser Zustand für Mönchengladbach zwangsläufig. Die Borussia war in den siebziger Jahren Weltniveau und die coolste Mannschaft der Bundesliga. Der Fußball vom Niederrhein wurde geliebt von den Romantikern, weil hier etwa acht Stürmer antraten, weil das enge Stadion auf dem Bökelberg eine Trutzburg war, weil hier Genialität geboren wurde, etwa die von Günther Netzer, dem ersten Ferrari fahrenden Fußballprofi Deutschlands.

Ein bisschen scheint die Sehnsucht nach alten Helden wie Alan Simonsen, Kalle Del'Haye oder Berti Vogts auf den Rängen des neuen "Borussia-Parks" zu schlummern. Der Bökelberg ist ja nicht mehr, die neue Arena dafür bestens besucht - Gladbach hat den fünftbesten Zuschauerschnitt der Bundesliga - und auf der Linie des Borussia-Präsidenten Rolf Königs: Der Hersteller von Fahrzeugsitzen, einer der reichsten Männer der Stadt, hat den Verein saniert und zu einem florierenden Unternehmen gemacht.

Aber vergangene Woche hat der Aufsichtsrat dieser Firma beschlossen: Schluss jetzt. Es ist nämlich kein Verdienst der Vereinsführung, dass der untragbar gewordene Trainer Dick Advocaat seinen Rückzug antreten musste - die Fans haben dafür gesorgt. Was will man auch mit einem Coach, der sich ein Fußballteam zusammenstellt, das an Größe an ein Footballteam erinnert, der sportlich nichts bewegt und gegenüber der Öffentlichkeit autistische Züge hat?

Ein Präsident wie Königs sollte gemerkt haben, dass er den Anhang nicht zur zahlenden Kundschaft degradieren kann. Gerade in einem Traditionsverein wie der Borussia wird eben der Begriff Tradition verkörpert durch die Fans und ihre überdurchschnittlich starke Bindung zu diesem Verein. Wer das verkennt, sollte das ehrenwerte Etikett "Traditionsverein" vorsichtig benutzen.

Legendärer Gladbach-Manager Grashoff (1987): Vorreiter der Fanarbeit
DPA

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Das gilt auch für den 1. FC Kaiserslautern. Beim FCK haben sie hinter vorgehaltener Hand getuschelt, dass Trainer Kurt Jara nie in der Stadt einen Kaffee getrunken, dass er so gut wie nie die Spiele der Amateure und der A-Jugend besucht habe. So viel Unnahbarkeit geht in der Provinz nicht. Jara wurde durch den Pfälzer Lokalpatrioten (und Amateurtrainer) Hans-Werner Moser ersetzt. Sportlich hat das nicht viel gebracht - Lautern verlor in drei Spielen unter dem Neu-Coach zweimal - aber die Stimmung ist besser geworden. In Mönchengladbach (auch keine Metropole) folgte auf den international bekannten Advocaat Horst Köppel, der in den Siebzigern in Mönchengladbach zur Stürmerlegende geworden war.

Und spätestens seit der Vorrunde, als der eigentliche Borussen-Amateurcoach aushilfsweise die erste Mannschaft zu einem 2:0-Sieg gegen die Bayern führte, ist Köppel der Trainer der Herzen am Niederrhein. Nun ist er wieder da, sieht immer mehr aus wie der Schauspieler Gene Hackman, redet mit allen freundlich - und erkämpft sich ein 0:0 in Nürnberg, was den ersten Auswärtspunkt der Borussia seit zwei Monaten markiert.

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Fußball als Big Business? Eben nicht. Wo die Fans von Traditionsvereinen immer mehr ihrer identitätsstiftenden Elemente beraubt werden, wächst die Sehnsucht nach Wiedererkennung. Köppel und Moser sind notwendige Entschleuniger in der hysterischen Fußballwelt, die jenseits der Metropolen zudem noch anders tickt. Christian Hochstätter hat das zu spät erkannt, sein Sturz als Borussen-Sportdirektor trübt seine Bilanz als langgedienter Spieler des Vereins erheblich.

Gladbacher Fans: Der identitätsstiftenden Elemente beraubt
AP

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Zur Vermeidung ähnlicher Fehler sollte sich Hochstätters Nachfolger Peter Pander entsprechend informieren. Das Gladbacher Fanprojekt ehrte Managerlegende Grashoff nach dessen Tod 1997 als "Vorreiter und Verfechter der Fanarbeit durch Fußballfans". Nur wenn sich Pander und Königs darauf besinnen, wird bei der Borussia die sportliche Bilanz mit der wirtschaftlichen Schritt halten.

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