Bundesliga-Kommentar Die miesen Manager

Nach der turbulenten Woche in Hamburg und Berlin mit falschen Entscheidungen und seltsamen Vereinbarungen sind die Bundesliga-Manager ins Schussfeld der Öffentlichkeit geraten. Wie Wirtschaftskapitäne geben sie den Kurs vor, doch für Fehler müssen andere den Kopf hinhalten.

Von Peter Unfried


Ist Klaus Toppmöller eigentlich in dieser Sekunde noch Trainer des Hamburger SV? Bitte? Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Das Management dieses Bundesligaunternehmens ist ja inzwischen bekannt dafür, Entscheidungen zu treffen, dann durch Auswertung der Körpersprache des Angestellten festzustellen, dass sie "falsch" sind, und in der Folge umgehend das Gegenteil zu tun. So jedenfalls lief das laut Vorstandvorsitzendem Bernd Hoffmann im Fall des vormaligen Trainers Kurt Jara. Die öffentliche Erklärung, mit ihm in das Schalke-Spiel zu gehen war "keine Lüge", erklärte Hoffmann im Sport-Studio des ZDF, sondern "eine falsche Entscheidung". Daher wurde sie "revidiert."

Das vermeintliche Ultimatum an Trainer Huub Stevens, nach dem 1:0 vom Samstag nun auch das DFB-Pokalspiel in Rostock gewinnen zu müssen oder den Job zu verlieren, ist übrigens auch kein Ultimatum. Im Gegenteil. Es ist eine "Vereinbarung". Sagt Dieter Hoeneß, Chef von "Hoeneß BSC" (Berliner Zeitung). Eine Vereinbarung, die sich Stevens "verdient hat".

Nach allem, was man sagen kann, ist der Zynismus nicht beabsichtigt. Wie alle Bundesligadiskussionen kommt die Moraldiskussion zyklisch; jeden Spätherbst (wenn die ersten fliegen) und jedes Frühjahr (wenn es ernst wird.) Jetzt konstatieren Trainerkollegen, die glauben, es sich leisten zu können" Sittenverfall" (Heynckes), "Perversität" (Neururer) oder gar "geplanten Mord" (Reimann). "Bild" klagt die "Lug-und-Trug-Liga" an, "BamS" protokolliert erschüttert die "Leiden" des Trainers Stevens. Selbst Waldemar Hartmann wirkte erschüttert, als er in Rostock erleben musste: Der Knurrer von Kerkrade weinte! Wenn das nicht geplanter Mord ist.

"Ihr baut wochenlang Druck auf"


Aus Sicht des Fußballmanagers sieht die Sache anders aus. "Ihr", so nennt Dieter Hoeneß ja uns. Die Medien. Also: "Ihr baut wochenlang Druck auf, dann kommen die Vereine ins Überlegen, dann sagt ihr: Ja, wie geht denn ihr mit den Leuten um?" Der Mann hat Recht. So läuft das gnadenlose Geschäft. Aber: Man kann ja schlecht die ganzen Hamburger und Berliner Lokalzeitungen austauschen. (Obwohl...) Oder das ZDF. Oder Bild. Oder den Kicker. Gegen wen denn?

Und genauso verhält es sich letztlich mit dem Manager. Irgendwann streift ja die emotional geleitete Moraldiskussion einen wirklich interessanten rationalen Bereich: Die Verantwortung des Managers. Bisher besteht sie ganz offenbar darin, irgendwann den unfähigen Trainer zu entlassen. Den man selbst verpflichtet hat. Und dem man eine Mannschaft verpflichtet hat. Zu der er nicht passt. Oder die nicht zu ihm passt. Und dem man ein Unternehmensziel vorgegeben hat, das möglicherweise Unsinn ist.

Kann man den Manager wirklich entlassen? Es gibt aber bei allen aktuellen Problemen der Headhunter letztlich doch mehr Trainer in der Heavy Rotation der Liga als Arbeitsplätze. Neue Manager für Topunternehmen gibt es praktisch nicht. Anwärter müssen über Jahre aufgebaut werden (Andreas Rettig, Ilja Kaenzig), Seiteneinsteiger wie Beiersdorfer sind selten, andere landen schnell mal in der Besenkammer (Jürgen Kohler).

Maximale Geldvernichtungsmaschine


Wie im Fall des Trainers ist es schwierig, die Arbeit der Fußballmanager jenseits der Tabelle zu objektivieren. Aber selbstverständlich gibt es auch hier Indizien, die man gegebenenfalls gegen jemanden anführen kann. Etwa: Vorstandvorsitzender Bernd Hoffmann und Sportdirektor Beiersdorfer hatten für den HSV den Vertrag des lange skeptisch beäugten Jara im Sommer fröhlich bis 2005 verlängert. Nun addiert sich eine Millionenabfindung zu den aktuell aufgelaufenen Verlusten. Die addieren sich zum Geschäftsminus des Vorjahrs (undementierte 14,5 Millionen Euro).

Im Falle von Dieter Hoeneß darf man zunächst nicht vergessen, dass es Hoeneß war, der Hertha "aus dem Nichts" fünfmal hintereinander nach Europa geführt hat. Man kann es gar nicht vergessen, weil Hoeneß es ständig erwähnt. Weniger häufig erwähnt er, dass er (nach "Sport-Bild"-Rechnung) in sechs Jahren 44,9 Millionen Euro in neue Spieler investiert hat - und 14,9 Millionen durch Verkäufe eingenommen hat. Wem dieser Haushalt etwas unbalanciert vorkommt, sollte mal rüber nach Schalke schauen, wo Manager Rudi Assauer Maximales geschaffen hat. Ein maximales Stadion, ein maximaler Club, manche sagen auch: eine maximale Geldvernichtungsmaschine. Nur der sportliche Erfolg ist minimal, und deshalb kauft der gewiefte Assauer mit zusammen gepumptem Geld schnell einen weiteren teuren Spieler wie grade den Bremer Ailton. Dann sind die Leute abgelenkt. So hat man das in Italien auch immer gemacht. Früher.

HSV-Bank mit Sportdirekter Beierstdorfer, Co-Trainer Melzer und Chefcoach Toppmöller: Auf der Suche nach besseren Wegen
DDP

HSV-Bank mit Sportdirekter Beierstdorfer, Co-Trainer Melzer und Chefcoach Toppmöller: Auf der Suche nach besseren Wegen

Oja: Deutschland 2003 steckt in vielen Bereichen in einer Krise. Und diese Krise ist nicht die Krise der Abteilungsleiter, sondern der deutschen Groß-Manager. Es kann gar nicht anders sein. Man muss gar nicht auf Bundeskanzler Schröder (SPD) und seinen Ministern (Stolpe, Eichel, Clement, Schmidt), rumhacken - obwohl es sich selbstverständlich anbietet. Bei genauerem Betrachten wird man sehen, dass es nur einen Manager gibt: Den Kanzler. Die Minister sind die Trainer. Und entsprechend häufig werden sie ausgetauscht. Nämlich immer dann, wenn die Verantwortung für Misserfolg nicht am Chef hängen bleiben darf.

"Unter den gegebenen Umständen super gehandelt"


In diesem Zusammenhang darf man auch Unternehmen wie die IG Metall nennen, diverse Verlage und Automobil-Großkonzerne, die irgendwann eine grundsätzlich problematische Entscheidung getroffen haben. Es war sicher kein Abteilungsleiter, der entschied, dass Daimler Chrysler gekauft hat. Interessant ist auch der Fall des Super-Managers Hartmut Mehdorn: Er hatte eine Vision. Die Bahn wollte dem Flugzeug Konkurrenz machen. Er ließ dafür ein diversifiziertes Preissystem kreieren. Tja. Es ging schief, tausende Bahn-Angestellte verlieren ihre Arbeitsplätze, und Mehdorn zog knallhart die Konsequenzen. Er entließ die Leute, die für ihn das Preissystem entwickelt hatten. Sein Vertrag wurde derweil vorzeitig verlängert.

So gesehen kann eigentlich nur der relativ unerfahrene Seiteneinsteiger und erklärte Teamplayer Beiersdorfer Probleme bekommen. Der arbeitet seinen ersten Befreiungsschlag skrupulös und in Ansätzen selbstkritisch auf - auf der Suche nach neuen, besseren Wegen. Fatal. Wie es richtig gemacht wird, zeigt der gelernte Autokrat Dieter Hoeneß. Der redet auf die Frage nach "eigenen Fehlern" über die gelungene Saisonvorbereitung. Ob er morgen Stevens rausschmeißt oder nicht - "wir haben", sagt Hoeneß im Pluralis majestatis, "unter den gegebenen Umständen super gehandelt".



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.