Bundesliga-Kommentar Die neuen Bayern aus Berlin

Ein Gespenst geht um in der Bundesliga: Spätestens nach dem Sieg über den FC Bayern muss sich die Fußballnation mit dem Gedanken anfreunden, dass Hertha BSC Meister werden könnte. Denn Berlin spielt so wie einst München - nicht immer schön, aber effizient und erfolgreich.


Nun ist die globale Krise endgültig in der Fußball-Bundesliga angekommen. An diesem hoch konservativen Ort, an dem man Leuten ein Kompliment macht, wenn man sie mit dem Begriff "Stallgeruch" in Verbindung bringt, galt es bereits als Zumutung, den sagenhaften Aufstieg der TSG Hoffenheim zu ertragen. Doch die spielten ja immerhin schönen Fußball.

Berliner Fans: Meisterträume
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Berliner Fans: Meisterträume

Was jetzt passiert, ist viel, viel schlimmer: Hertha BSC Berlin hat die Tabellenführung erobert. Spätestens seit diesem 20. Spieltag muss die Fußballnation sich ernsthaft mit der unvorstellbaren Möglichkeit auseinandersetzen, dass dieser Club tatsächlich Deutscher Meister werden könnte. Es führt kein Weg daran vorbei, diese Hertha ernst zu nehmen.

Die Mannschaft spielt nicht euphorisch, sie spielt keinen vom Funktionieren sensibler Feinheiten abhängigen Tempofußball, sie verkraftet problemlos den Ausfall ihres besten Spielers. Dieser Tabellenführer agiert als gut organisiertes Kollektiv. "Wir standen gut, waren kompakt, haben wenig zugelassen und ein bisschen Glück gehabt", sagte Doppeltorschütze Andrej Woronin nach dem 2:1-Sieg gegen Bayern München und nannte damit exakt jene Ingredienzien, die nötig sind, um im Mai mit der Meisterschale auf dem Rathausbalkon herumzuhüpfen.

"Wir haben vor eineinhalb Jahren begonnen, den Charakter der Mannschaft zu ändern, das trägt jetzt Früchte", sagte Dieter Hoeneß zuletzt immer wieder. Ein ernsthafter Titelkandidat, sei die Hertha aber nicht, versicherte der Manager nach dem denkwürdigen Sieg gegen den FC Bayern.

Dabei erfüllen sie die wichtigsten Voraussetzungen für den ganz großen Coup: Wer Meister werden will, muss die knappen Spiele gewinnen und die direkten Konkurrenten schlagen, heißt es. Hertha BSC hat Bayern, Leverkusen, Hoffenheim und Hamburg besiegt und insgesamt neun Spiele mit einem Tor Differenz gewonnen. Nachdem die Bayern ihre Prioritäten unter Jürgen Klinsmann neu justiert haben, weg aus der Effizienzecke, hin zu höherer spielerischer Qualität sowie größerer Risikobereitschaft, hat Hertha BSC Berlin einfach die alte Bayern-Rolle übernommen. Die Manager sind schließlich Brüder. Bayerns Uli Hoeneß hat zur Titelfrage vorsorglich schon einmal angemerkt: "Wenn ich es einem gönne, dann Dieter."

Diese Meinung teilt er allerdings nicht mit der Mehrheit dieser Fußballnation. Jedenfalls könnte man diese These aus der Tatsache ableiten, dass das Berliner Olympiastadion so gut wie nie ausverkauft ist - das Spiel gegen die Bayern war eine Ausnahme. Und Hertha-Fans trifft man selbst in Berlin nicht überall. In Deutschlands mit Abstand größter Stadt sind die Menschen nie so recht warm geworden mit ihrem Bundesligaclub. Die Hertha ist nicht schick, nicht hip, nicht retro, und einen Vater, der einen schon als Kind mit ins Olympiastadion schleifte, hat auch kaum einer. Spannend war dieser Club höchstens, wenn er mal wieder gegen Groclin Grodizk oder Metalist Kharkov aus dem Uefa-Cup geflogen war.

Und noch nicht einmal besonders harmonisch geht es bei diesem Tabellenführer zu. Ständig schwelen Gerüchte um den exzentrischen Torjäger Marco Pantelic, und manchmal dringen Geschichten über Differenzen in der Clubführung nach außen. Dennoch ist es der Hertha gelungen, die derzeit so wunderbar unbesetzte Nische des Effizienzmeisters von den Münchnern zu übernehmen, die in der laufenden Saison im Gegensatz zu Hoffenheim, Leverkusen, Hamburg und eben Berlin nie Tabellenführer waren.

An diesem Spieltag haben sie zum wiederholten Male die Chance verpasst, die Spitze zu erklimmen. "Ich denke, die Mannschaft hat selbst gemerkt, dass der letzte Funke gefehlt hat, die Tore selbst zu machen und nicht dem Gegner die Konter zu überlassen", sagte Trainer Jürgen Klinsmann. Die Bayern haben im Jahr 2009 nur drei Punkte aus drei Partien geholt, was fehlt ist die Effizienz. Aber die Saison ist ja noch lang.

Bei aller Gefahr, dass Hertha BSC vielleicht wirklich Meister werden könnte, sei den Berlinern an diesen Februarwochenende daher auch ein wenig Dank übermittelt: Gemeinsam mit den in Hoffenheim siegreichen Leverkusenern haben sie eine erstaunliche Verdichtung der Tabellenspitze bewerkstelligt. Fünf Teams liegen innerhalb einer Distanz von vier Punkten, und bevor irgendwelche Titel vergeben werden, geht es doch vor allem um eins: die Spannung.



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