Bundesliga-Kommentar Die Rückkehr des Plastik-Clubs

Als Bayer Leverkusen noch mit dem Geld des Pharmakonzerns gefüttert wurde, regierte dort großer Sport. Doch ohne diese Alimente wird es schwieriger. Zudem blamiert sich die Vereinsführung bei der Trainersuche. Geschäftsführer Holzhäuser wehrt sich nun gegen Kritik.

Es war im Frühjahr 2001 als Volker Finke sich bemüßigt fühlte, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Er sinnierte über die Bundesliga und überlegte, welche Clubs einmal welche Rolle spielen werden. Als Bayer Leverkusen an der Reihe war, lag wenig Optimismus in seiner Prognose. Christoph Daum war damals nach seiner Kokain-Affäre abgetaucht, Berti Vogts saß auf der Trainerbank und Finke prophezeite, der Club werde bald irgendwo ins Bundesliga-Mittelmaß versinken. Dort, wo er einst hergekommen war, in der Nische des langweiligen Betriebssportclubs.

Und das schlimmste anzunehmende Schicksal wäre eine Parallele zum früheren Bayer und heutigen KFC Uerdingen, der ebenfalls lange vom Konzern gefüttert wurde. Als diese Zuschüsse ausblieben, erlebte der zweite Werksverein einen rasanten Abstieg - bis in die Oberliga.

Was Finke damals nicht wusste: Bayer Leverkusen war gedopt bis über beide Ohren. Gedopt mit üppigen Geldern des Bayer-Konzerns. Derart aufgepeppt schaffte es eine fantastisch aufspielende Leverkusener Mannschaft gut ein Jahr später ins Champions-League-Finale, Trainer Klaus Toppmöller weinte nach der Niederlage gegen Madrid, und die Mannschaft erreichte die Herzen des internationalen Fußballpublikums.

Gut drei Jahre später ist man geneigt, dem Club erneut eine düstere Zukunft zu prophezeien. Die hübsche Sammlung an "Vizetiteln" war mit 200 Millionen Euro, die Manager Reiner Calmund neben dem offiziellen Etat in den letzten Jahren seiner Amtszeit verpulvern durfte, teuer erkauft. Calmund ist mittlerweile in den Ruhestand gelobt worden, und der Konzern hat den Hahn zugedreht, aus dem einst das Geld floss, mit dem man Lucio, Ballack, Zé Roberto und so ziemlich jeden als talentiert geltenden Jugendnationalspieler kaufen konnte.

Bayer Leverkusen ist nur noch ein kleiner Fisch im großen Bundesliga-Teich. Eine Erkenntnis, die sich nur langsam durchsetzen will im deutschen Fußballweltbild. Die Fans verweigern sich dieser Einsicht beharrlich, sie protestieren seit Wochen mit großer Wut gegen Calmund-Nachfolger Wolfgang Holzhäuser. Am Samstag, nach dem tristen 1:1 gegen Arminia Bielefeld, flogen in der BayArena Bierbecher, und der Anhang sang, "Bayer Banana", "Scheiß Millionäre" und forderten inbrünstig "Holzhäuser raus".

Der Beschimpfte hatte vor der Saison "Platz eins bis drei" als realistisches Saisonziel ausgerufen, spricht immer noch davon, dass er "ein absolutes Spitzenteam aufbauen" wolle, und beharrt im "Kölner Stadtanzeiger" darauf, dass lediglich "die Bayern und vielleicht Schalke und Werder personell besser besetzt" seien.

Welch bemerkenswerte Leistung Trainer Klaus Augenthaler mit den Plätzen drei und sechs in den vergangenen beiden Jahren vollbracht hat, haben weder Holzhäuser noch sein Sportdirektor Rudi Völler erkannt. Augenthaler wurde nach vier Spieltagen dieser Saison entlassen, nach einem Nachfolger sucht der Club bislang vergeblich. Völler sagt dennoch: "Die Augenthaler-Entlassung war richtig. Ich habe sie mitgetroffen."

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8. Bundesliga-Spieltag: Angst, Wut und voller Einsatz

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Möglicherweise sehen Matthias Sammer oder Ottmar Hitzfeld, die beide kein Interesse an einem Trainerjob in Leverkusen haben, die Perspektive des Vereins realistischer als die Verantwortlichen. "Wir sind nach wie vor ein interessanter Club für viele Trainer", sagt Völler, von den Übungsleitern der internationalen Spitzenkategorie gelten aber nur noch Morten Olsen und Otto Rehhagel als mögliche Bewerber.

Aber die rechte Überzeugung lassen beide noch vermissen. Lothar Matthäus scheint - wie immer wenn ein Bundesligatrainer gesucht wird - zugeneigt, Bernd Schuster (derzeit überaus erfolgreich beim spanischen FC Getafe) bewirbt sich ebenfalls. Die Verpflichtung einer dieser beiden hätte aber den Charakter eines Experiments. Wer hat denn nun die besten Chancen auf die Stelle? "Namen kommentiere ich nicht", sagt Völler. Wenn aber sogar immer öfter auch der Name Peter Neururer (zuletzt VfL Bochum) genannt wird, dann ist das ein eindeutiges Indiz, dass der Club langsam dort eingeordnet werden muss, wo er wahrscheinlich mittelfristig hingehört: ins Mittelmaß.

Denn Bayer Leverkusen ist ohne die außerordentlichen Pharma-Millionen und den auf diese Weise teuer erkauften Glanz eben doch ein wenig aufregender Werksclub ohne Charme. Völler spricht zwar weiterhin nur von einer "Ergebniskrise", und hält an dem Ziel fest, "unter die ersten sechs zu kommen", doch ob die Substanz dazu reicht, ist zweifelhaft.

Das Stadion gehört zu den kleinsten der Liga, die Fangemeinde ist im Vergleich zu den aufstrebenden Riesen aus Köln, Mönchengladbach, Berlin oder Hamburg ebenfalls eher mickrig, ganz zu schweigen von den wirklich Großen wie Bremen, Bayern oder Schalke. Der Ruhm des begeisternd spielenden Champions-League-Finalisten ist schneller verblasst als es gemeinhin für möglich gehalten wurde.

Vielleicht wird aus Leverkusen sehr bald wieder jener Plastik-Club, als der er die Fußballnation in den achtziger Jahren langweilte - trotz des Uefa-Cup-Gewinns 1988. Aus der glorreichen Zeit des neuen Jahrtausends sind neben der Erinnerung jedenfalls nur noch Fragmente übrig. Fünf, sechs überdurchschnittlich gute Spieler wie Bernd Schneider, Dimitar Berbatov, die Brasilianer Roque Junior und Juan. Oder Jens Nowotny. Doch der ist seit Wochen verletzt.

Dann kommen schon Leute wie Jacek Krzynowek, Carsten Ramelow oder Andrej Woronin - gute Bundesligaspieler, aber keine Kandidaten, von denen man einen souveränen Champions-League-Einzug erwarten kann. Dass Holzhäuser genau diese Erwartung immer noch schürt, ist ein Indiz dafür, dass auch er nur ein mäßiger Fachmann im Bundesligageschäft ist. Zwar sagt der ehemalige DFB-Funktionär, er habe "eine Menge über Fußball dazugelernt".

Doch die Lektion, dass man sich den eigenen Fans in Krisenzeiten stellen sollte, hat er offenkundig nicht gelernt. Noch während des Spiels gegen Bielefeld verließ er seinen Platz unter den gellenden "Holzhäuser raus"-Rufen, Calmund wäre ein solcher Fauxpas nie passiert. Trotzdem gibt sich der Geschäftsführer kämpferisch und sagte dem "Kölner Express": "Ich gebe nicht beim kleinsten Gegenwind auf." Rücktritt ist also ausgeschlossen.

Zudem philosophierte Holzhäuser mitten in der Phase der Suche nach Augenthalers Nachfolger, Trainer seien im Allgemeinen "eine temporäre Erscheinung". Der Bund Deutscher Fußball-Lehrer schimpfte diese Bemerkung als menschverachtend. Den offenkundig unwilligen Völler erhob Holzhäuser fast schon aggressiv zum Wunschkandidaten - das waren eklatante Fehler. Jeder Augenthaler-Nachfolger weiß nun mit Sicherheit, er ist bestenfalls zweite Wahl und kann damit rechnen, in absehbarer Zeit gefeuert zu werden. Es scheint, als hätte Finke sich bei seinem Blick in die Kristallkugel nur um ein paar Jahre vertan.

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