Bundesliga-Kommentar Die Stars sitzen auf der Bank

Die Hinrunde hat gezeigt, dass die Trainergeneration um Bruno Labbadia und Jürgen Klopp nicht nur tollen Offensivfußball spielen lassen kann, sondern auch mit den Medien bestens zurechtkommt. Altgediente Übungsleiter fallen kaum auf, auch wenn ihre Taktik von manchem Novizen übernommen wird.

Landauf, landab wird es verkündet: Die Stars dieser so gut wie verflossenen Hinrunde saßen auf der Bank - und dabei ist nicht von Lukas Podolski die Rede. Sondern von den Übungsleitern der Branche. Tatsächlich ist die Zahl der vermeintlich medialen Langeweiler an der Seitenlinie übersichtlich geworden. Funkel, Hecking, Koller, Frontzeck, Ede Becker - die tun einfach ihre Arbeit, ohne Salto, doppelten Boden und großes Hallo - und dementsprechend sehen ihre Vereine in der Außendarstellung auch aus. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gehört ihnen höchstens dann, wenn sie mal wieder kurz vor der Entlassung stehen. Was in der Rückrunde noch allen Genannten blühen könnte. Die Anderen sind inzwischen in der Mehrheit. Daum. Klopp! Klinsmann!! Rangnick!!! So viel ist selten über die Trainer geschrieben worden wie in dieser Hinserie.

Über Hoffenheim und Rangnick können wir es kurz machen. Dazu ist alles gesagt und geschrieben, sogar noch mehr als das. Zu Rangnick, wahlweise Supertrainer oder Besserwisser genannt, was beides ungefähr dasselbe meint, nur so viel: Bekanntlich, das wissen wir jetzt aus sämtlichen Medienpublikationen, waren bisher immer die Anderen schuld, wenn er bei Bundesliga-Clubs gescheitert ist. Assauer in Schalke, Balakov in Stuttgart, Das Aktuelle Sport-Studio in Ulm, das schlechte Wetter in Hannover. Da könnte es doch zumindest theoretisch möglich sein, dass jetzt auch andere (Hopp) schuld sind, dass es so unverschämt gut läuft, dort unten auf dem Lande. Aber wahrscheinlich erfüllt dieser Verdacht schon irgendeinen Strafbestand der Sportgerichtsbarkeit und bringt DFB-Boss Theo Zwanziger an den Rand der Rücktrittsdrohung, deshalb schnell weiter.

Beim nächsten Trainerheld reichen noch ein paar Worte weniger. Über den Bayern-Trainer wissen wir ja mittlerweile, dass er immer noch Hitzfeld heißt, obwohl Klinsmann draufsteht und er wie Klinsmann aussieht. Weil Deutschlands Premiumclub mittlerweile wieder so spielt, wie er es auch im vergangenen Jahr unterm alten Coach getan hat. Zé Roberto und Franck Ribéry machen ihr Ding und Toni das wichtige Tor. Mit Bayern Meister zu werden, ist keine Kunst. Die Kunst ist es, mit Bayern nicht Meister zu werden. Klinsmann traue ich immer noch zu, dass er das schafft.

Von Klinsmann zu Magath. Der Wolfsburger Alles-in-einer-Person ist zwar ein Top-Trainer, aber nur ein Top-Hometrainer. Daheim in der kuscheligen VW-Stadt schlägt Wolfsburg alles, was so kommt. Auswärts hat es dagegen gerade Mal zu vier mickrigen Pünktchen gereicht. Das ist eine Bilanz, die ist schlechter als die von Cottbus und Gladbach. Wolfsburg bleibt der gefühlteste Spitzenclub der Liga.

Gegenbild Jürgen Klopp: Auch nach 17 Spieltagen weigert sich der gesunde Menschenverstand, Borussia Dortmund als Spitzenmannschaft anzuerkennen. Dazu ist noch zu viel Valdez im Team. Aber Klopp hat es geschafft, die Mannschaft an- und aufzuheizen, ihr eine Aggressivität zu verleihen, die bis an die Grenze des Erlaubten geht, sie aber nur in Ausnahmefällen überschreitet. Klopp ist ein Glücksfall für Dortmund gewesen - und dass er selbst in 17 Spielen nur einmal ein bisschen am Spielfeldrand ausgerastet ist, grenzt schon an unglaubliche Selbstdisziplin des Mannes.

Wir sind also langsam bei den für mich wahren Trainer-Supermännern der Hinrunde angelangt. Zum Beispiel Bruno Labbadia, Bruno Ballermann - wie habe ich es gehasst, wenn er und Kompagnon Stefan Kuntz als Spieler ihre Lauterer Macho-Pistolero-Gesten nach Toren hingelegt haben. Dass der heutige gleichzeitig besonnene wie topmotivierte Bayer-Trainer derselbe Labbadia sein soll, den man als Spieler ganz anders kannte, ist fast nur noch am Teint erkennbar. Labbadia formt in Leverkusen ein Top-Team - er ist noch ein Neuling im Bundesliga-Trainergeschäft, und seine Mannschaft auch noch nicht reif für einen Titel. Aber lange dauern kann das nicht mehr.

Der Trainer von Hertha BSC Berlin, Lucien Favre, ist ein kultivierter, leiser und höflicher Mensch. Das muss möglicherweise noch einmal betont werden - denn wer sich anguckt, was bei der Hertha in den vergangenen Wochen und Monaten so los war, mag das eigentlich nicht glauben. Favre hat im zweiten Jahr seines Schaffens eine Atmosphäre verbreitet, die man positiv gedeutet als Reizklima nur unzureichend schwach umschreibt. Vielleicht könnte man diese Arbeitsweise den "Berliner Stil" nennen, denn knuffen, meckern und mobben sind schließlich die Markenzeichen des Umgangs in dieser Stadt. Chahed gegen Cicero, Simunic gegen Favre, Favre gegen Pantelic - das sowieso - Pantelic gegen den Rest der Welt und so weiter.

Die Vereinsspitze will da nicht zurückstehen und rangelt in Person von Manager Hoeneß und Präsident Gegenbauer eifrig mit. Journalistisch hege ich für einen gewissen Krawallstil durchaus Sympathien, aber auch im Fußballalltag scheint er Früchte zu tragen. Wer jedenfalls bisher der Ansicht war, ein harmonisches Klima sei Voraussetzung für Erfolg, der muss das noch mal überdenken. Hertha ist nach 17 Spielen unglaublicher Dritter, und Favre dürfte demnächst als Referent bei Manager-Seminaren auftreten - "Konflikte schüren als Motivationshilfe".

Aber erst mal wird ihm das Etikett "Trainer des Jahres" verliehen.

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