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26. November 2006, 10:11 Uhr

Bundesliga-Kommentar

Graue Maus in schwarz-gelb

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Schalke Tabellenführer, Bielefeld auf Platz sechs: Es sind schlechte Zeiten für Borussia Dortmund. Die Rivalen liegen vor dem einstigen Revierplatzhirsch - dabei hat der BVB den Namen nach ein großes Team. Doch die teure Sturmreihe enttäuscht und der Trainer sorgt für Unmut.

Selbst mein alter Freund Wolfgang ist müde geworden. Wolfgang war einer der heißblütigsten BVB-Fans, die man sich vorstellen kann. Seit der Zeit, als es ihn Ende der Achtziger zum Studieren nach Dortmund verschlagen hat. Damals kickten Günther Breitzke und Murdo MacLeod. Sergej Gorlukowitsch, Kobra Wegmann, unvergessen, und Horschtl Köppel war ihr Trainer. Es war leicht, Borussen-Fan zu werden. Wolfgangs Kinder mussten, kaum der Sprache mächtig, Worte wie "Chappi" oder "Kutte" brabbeln lernen. Irgendwann später kamen dann "Papa" und "Mama" dazu. Der Soundtrack seiner Wohnung: Olé, hier kommt der BVB. Das Leben – ein einziger Borsigplatz. Nostalgie, alles vorbei. Als ich Wolfgang das letzte Mal sprach, hatte er keine rechte Lust mehr, über den BVB zu reden. Borussia Dortmund im Herbst 2006 – das macht nur schlechte Laune.

Dortmunder Angreifer Frei (l.), Valdez: Stattliche Sturmreihe
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Dortmunder Angreifer Frei (l.), Valdez: Stattliche Sturmreihe

Borussia Dortmund – der große Rivale der Bayern, Champions League-Sieger, Kalle Riedle, Ricken, ach, je, alles keine zehn Jahre her. Heute ist der BVB Mittelmaß in einer mittelmäßigen Liga. Nichts hätte das deutlicher machen können als das farblose 1:1 bei Eintracht Frankfurt. Blutleer, irgendwie einen Punkt geholt, man weiß selbst nicht, wie, freudlos. Dortmund ist die graue Maus der Liga geworden, grauer als Bochum und Hannover, für die reicht es wenigstens zu einem veritablen Abstiegskampf, während der BVB im Niemandsland der Tabelle versumpft.

Der Verein ist mittlerweile wie die Stadt, in der er beheimatet ist. Eine Bierstadt eben mit allem, was man damit assoziiert. Schal, abgestanden. Ab und an sieht man in dieser Stadt mal einen Farbtupfer, schließlich wird allenthalben beschworen, wie grün das Ruhrgebiet sei, der vorherrschende Ton heißt trotzdem Tristesse, von den überregionalen Sportmedien wird der BVB nur noch am Rande wahrgenommen. Wenn man nicht aufpasst, verliert man zum Ende der Saison selbst das Rennen um die Westfalenmeisterschaft an Arminia Bielefeld. Oder noch schlimmer: An Schalke.

Am Geld liegt es nicht

Woran liegt es? Finanzkrise, ja, ja. Alte Kamellen. Wird stets gerne als Ausrede genommen, taugt dafür aber nicht. Wer pleite ist, verpflichtet nicht eine so stattliche Sturmreihe wie die, die der BVB in dieser Saison sein eigen nennt. Frei, Valdez, Smolarek – drei WM-Teilnehmer, ein Angriffstrio, nach dem sich Clubs wie die andere Bundesliga-Borussia aus Gladbach alle zehn Finger lecken würde. Dahinter Tinga aus Brasilien, Pienaar, Südafrikaner von Ajax Amsterdam, auf dem Papier alle Topleute, die weiß Gott nicht billig sind. Am Geld liegt es wahrlich nicht, dass der BVB auch in diesem Jahr so medioker herumkraucht, wie er es zuletzt immer getan hat.

Weidenfeller im Kasten, davor Wörns, theoretisch auch Metzelder, der aber nach dem Gesetz der Serie wohl erst zum nächsten großen Turnier der Nationalmannschaft wieder fit sein dürfte, dann gibt es noch den ebenfalls rekonvaleszenten Sebastian Kehl – das klingt, wenn man pures Name-Dropping betreibt, durchaus beeindruckend, aber all das ergibt keine Einheit. Der BVB von heute – das ist die Summe seiner Einzelteile. Mehr nicht.

Also landet man zwangsläufig bei der Trainerfrage. Man hat eine gewisse Beißhemmung, Bert van Marwijk eine Mitschuld an der schwarz-gelben Misere zuzuschieben. Der Mann ist intelligent, sieht gut aus und hat im großen Krisenjahr 2005 eine geradezu beispiellose Leidensfähigkeit bewiesen, die ihn bei vielen Fans unsterblich gemacht hat. Trotzdem: Van Marwijk hat den Draht zu Teilen der Mannschaft verloren, zwar nicht unwiederbringlich, aber seine kühle Art hat bei einigen Spielern Narben hinterlassen. Der Holländer ist kein Herbergsvater a la Hans Meyer, sondern ein kalkulierender Erfolgscoach. Wer nicht spurt, bekommt den Liebesentzug zu spüren. Auch öffentlich. Das funktioniert, wenn der Erfolg da ist. Es funktioniert im Moment nicht.

Das Bayer Leverkusen Westfalens

Unter den gegenwärtigen Bedingungen muss sich Dortmund darauf einstellen, auf Sicht ein Mitläufer der Bundesliga zu bleiben, mit Ausreißern nach oben und nach unten, mit überraschenden Siegen in Bremen und torlosen Remis daheim gegen Alemannia Aachen. Ein Verein, der aber letztlich in den Schlagzeilen der Liga keine Rolle spielt. Ein klassischer Tabellensiebter, uninteressant, das Bayer Leverkusen Westfalens.

Für das selbstzufriedene Publikum in Dortmund, das sich seit je her für das beste der Welt hält, mag das ein schwerer Schlag sein. Aber es wird es überleben, da die wahre Empathie ohnehin seit Jahren nicht mehr auf den Tribünen zu Hause ist. Die Zuschauer im Westfalenstadion haben sich selbst zum Mythos verklärt, obwohl sie das bei Licht betrachtet längst nicht mehr sind. Dortmund hat im Grunde mittlerweile ein Opernpublikum, schnell unzufrieden, wenn es nicht läuft, letztlich ohne die Mit-Leidenschaft, die es nötig macht, einen Club wirklich als Teil des eigenen Daseins zu akzeptieren. Das ist der wahre Unterschied zum FC Schalke – und deswegen ist die Feindschaft vielleicht auch so groß. Alles nur Neid auf die wahre Fußball-Passion. Die ist in Gelsenkirchen zu Hause, egal was kommt, in Dortmund nicht mehr. Für Wolfgang tut's mir leid.

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