Bundesliga-Kommentar Lass gut sein, liebe DFL, und denk auch mal an die Nationalspieler

Die Saison ist vorbei, und das am 31. Spieltag: Nürnberg, Duisburg und Rostock steigen ab, Cottbus bleibt drin. Und Bielefeld hat noch zweieinhalb Jahre Zeit, sich des Lebens zu freuen. Dann kommt wieder Ernst Middendorp.

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Diese Spielzeit soll nur noch irgendwie zu Ende gehen. Es sind leider immer noch drei Spieltage, aber wenn die Deutsche Fußball-Liga, die DFL, ein Herz für unsere Nationalspieler hätte, würde sie den Spielbetrieb sofort abbrechen und den Elite-Aktiven eine längere EM-Vorbereitung gönnen. Entschieden ist ohnehin das Allermeiste. Die Meisterschaft war es an sich schon nach zwei Spieltagen irgendwann in fernen August-Tagen, als der FC Bayern in Bremen 4:0 gewonnen hatte, und Abstiegsdramatik kann man sich in diesem Jahr jetzt auch komplett abschminken. Nürnberg, Rostock und Duisburg sehen wir in der kommenden Saison im Unterhaus wieder.

Zum Standard von Fußball-Dialogen gehört der Satz: "Von mir aus können Bielefeld, Rostock und Duisburg runter. Nürnberg sollte aber drin bleiben." Wegen Tradition und Hans Meyer und so weiter. Was Unfug ist: Wenn sich ein Team den Abstieg in diesem Jahr wirklich erarbeitet hat, dann ist es der FCN. Wer mit erstklassigem Offensiv-Personal wie Saenko, Koller, Vittek oder Mintal, mit einem Misimovic und einem Peer Kluge dahinter das Klassenziel nicht erreicht, hat es nicht besser verdient. Nürnberg ist der Fall einer Mannschaft und ihres Umfeldes, die bis zuletzt nicht daran geglaubt haben, dass es tatsächlich abwärts gehen kann. Außerdem ist Hans Meyer längst wieder Rosenzüchter. Also runter mit dem Club: In einem Jahr ist er ohnehin zurück in der 1. Liga.

Arminia Bielefeld ist das Gegenbeispiel zu den Franken. Überaus verdienstvoll von den Ostwestfalen, den doofen Ernst Middendorp vor die Tür zu setzen, als es allerdings fast schon zu spät war. Gar nicht mehr viele Worte zu Middendorp, schließlich dürfte er wider jedes besseres Wissen in ungefähr zweieinhalb Jahren wieder mal auf der Arminen-Kommandobrücke stehen und dann wahrscheinlich jeden Journalisten, der schlecht über ihn geschrieben hat, mit einem fürchterlichen Bannfluch belegen. Nur zwei Sätze: Ein Coach, der immer noch glaubt, Härte sei die männlichste aller Tugenden, hat auf einer Bundesliga-Trainerbank nichts mehr zu suchen. Der soll mit Rolf Schafstall eine Selbsthilfegruppe eröffnen und ansonsten Ruhe geben.

Nachfolger Michael Frontzeck hatte anschließend Monate damit zu tun gehabt, gegen eine Stimmung der Antipathie rund um die Alm anzukämpfen. Völlig zu Unrecht. Die Arminia hat zusammen mit Rostock wohl das sportlich limitierteste Personal der Liga. Wichniarek ist das polnische Wort für Harmlosigkeit, Bollmann, Kirch, Schuler, Tesche - samt und sonders kreuzbrave Rackerer ohne weitere Ambitionen. Frontzeck hat das alles begriffen und genau verstanden, dass es so gut wie keine Möglichkeiten gibt, das Team trotzdem zu Erfolgen zu tragen: Freistöße auf den kopfballstarken Mijatovic, Weitschüsse vom Jonas Kamper - und ansonsten auf jeglichen Schnickschnack verzichten, der Fußball ausmachen könnte. So gewinnt man daheim im bestmöglichen Fall 1:0, zuweilen 2:0. In diesem Jahr reicht so etwas offensichtlich, um in der Liga zu bleiben.

Hansa Rostock wäre so ein ähnlicher Fall - mit umgekehrtem Resultat allerdings. Pagelsdorf arbeitet an der Ostsee ähnlich zielgruppenorientiert wie Frontzeck - er hatte allerdings das Pech, seine Führungsfigur Stefan Beinlich durch Verletzung im letzten Saisondrittel zu verlieren. Danach gab es kein Halten mehr. Hansa wird versenkt - Wiederaufstieg mehr als ungewiss.

Mein Lieblingsteam in der Abstiegszone ist allerdings der MSV Duisburg mit seinem unermüdlich arbeitenden Rudi Bommer an der Seitenlinie. Eine Mannschaft, die schon im Herbst komplett abgeschrieben war - vom allmächtigen Präsidenten Walter Hellmich mit Spielern wie Ailton und Roque Junior versehen, die genau das brachten, was man von ihnen erwartet hatte. Nichts natürlich. Dazu noch mit den hässlichsten Trikots aller 18 Vereine geschlagen. Trotzdem hat der MSV niemals aufgegeben - im Unterschied zu Bielefeld oder Rostock hat es Bommer allerdings mit schönem Fußball probiert, mit feinen Technikern wie dem Rumänen Claudiu Niculescu und dem Bulgaren Blagoy Georgiev. Es hat bedauerlicherweise nicht funktioniert, der MSV wird absteigen - aber er hat die Liga bereichert. Den MSV hat man sich lieber angeschaut als Teams wie Dortmund oder Hertha mit ihrem freudlosen Gekicke.

Bleibt noch Energie Cottbus als Kellerkind übrig - hier muss ich eingestehen, mich gewaltig geschnitten zu haben. Nach der Entlassung von Trainer Petrik Sander im Frühstadium der Saison war ich sicher: Diese Mannschaft ist durch nichts und niemanden zu retten. Dieser Nichts und Niemand heißt Bojan Prasnikar. Alle Klischees vom Schlitzohr vom Balkan mögen hier bitte unausgepackt in der Kiste bleiben - aber das Ergebnis, das Prasnikar und der perfekt mit dem Trainer harmonierende Manager Steffen Heidrich herausgearbeitet haben, ist für mich die herausragende Leistung dieser Bundesliga-Spielzeit.

Außerdem hat Cottbus den FC Bayern geschlagen, und Teams von dieser Kategorie brauchen wir in der kommenden Saison dringender denn je. Damit die Saison 2008/2009 nicht noch langweiliger wird. So, und jetzt soll die EM anfangen.



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