Bundesliga-Kommentar Meyer in Not

Frust beim 1. FC Nürnberg: Auch gegen Hansa Rostock blieben die Franken ohne Sieg. Mitten im Abstiegskampf der Bundesliga wirkt selbst Coach Hans Meyer angeschlagen. Dem 64-Jährigen scheinen die passenden Rezepte ausgegangen zu sein.


Was muss Hans Meyer tun, damit er entlassen wird? Diese Frage bekam Michael A. Roth vor sieben Monaten in einem Interview gestellt. Der Präsident des 1. FC Nürnberg grinste maliziös und sagte dann kurz und knapp: "Absteigen".

Eine Antwort, die damals als humorig aufgefasst wurde, schließlich hatte der FCN gerade unter Trainer Meyer die erfolgreichste Saison seit Fangedenken hingelegt, Platz sechs in der Bundesliga und obendrein der Triumph im DFB-Pokal. Eine Saison, die wie der Auftakt einer goldenen Ära daher kam, endlich vorbei sein sollte das leidige Pendeln des Clubs zwischen den Ligen. Der 1. FC Nürnberg schien im Juni 2007 zu Höherem berufen.

Nürnberg-Coach Meyer: "Vielleicht nicht mehr mit mir"
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Nürnberg-Coach Meyer: "Vielleicht nicht mehr mit mir"

Nun, im Februar 2008, stehen die Nürnberger tatsächlich auf einem Abstiegsplatz und das trostlose 1:1 am Samstag gegen Hansa Rostock lässt nicht vermuten, dass sich daran so bald etwas ändern wird. Erschreckend, wie einfallslos sich der Club gegen biedere Gäste um ein druckvolles Angriffsspiel mühte. Alarmierend aber auch, wie schnell sich der anfangs elanvolle FCN nach dem Gegentor von Christian Rahn in der 27. Minute aus dem Konzept bringen ließ. Die technischen Mängel im Spielaufbau ließen sich kaum noch zählen. Hinterher wirkte Trainer Meyer einigermaßen deprimiert. Vor dem Spiel hatte er geunkt, verliere man gegen Rostock und Cottbus, dann steige man ab. So betrachtet, kann der Punkt gegen die Hanseaten beinahe als Erfolg gewertet werden. Dem sonst sehr launigen Meyer ist jedoch schon seit Wochen ein wenig das Scherzen vergangen. Ratlosigkeit dominiert.

Zumal schon die Ursachenforschung schwer fällt. Denn die üblichen Fehler nach großen Erfolgen hat der FCN eigentlich nicht gemacht. Weder wurden Leistungsträger en gros verhökert noch übergeschnappte Saisonziele verkündet. Der Kader wurde weitgehend zusammengehalten und gezielt verstärkt. Und was die Perspektiven anging, durfte allein Meyer vor Saisonbeginn spaßeshalber anmerken: "Für uns zählt nur die Meisterschaft. Und den Uefa-Cup nehmen wir auch gleich mit."

Nein, die Nürnberger erfuhren in dieser Saison den tieferen Sinn der Einlassung des Spruchs von Jürgen Wegmann: erst kein Glück, dann auch noch Pech. Die Verletztenliste wurde im Laufe der Hinserie immer länger, nicht wenige Spiele wurden unglücklich und unverdient verloren, dann erwies sich auch die so gefestigt wirkende Mannschaft als erstaunlich instabil.

Wie geht's nun weiter?, fragt man sich mehr denn je in Nürnberg. Mit Meyer oder ohne Meyer? Kann er noch, will er noch? Dass der Coach die Qualitäten eines sogenannten "Retters" hat, ist unbestritten. 2004 bewahrte er Hertha BSC Berlin vor dem Abstieg, zwei Jahre später wiederholte er das Ganze in Nürnberg. Aber, und das scheint derzeit das größte Problem, Meyer tritt derzeit nicht auf wie einer, der mit schierer Willenskraft und unbändigem Optimimus eine zweifelnde Mannschaft mitreißen kann. Stattdessen kokettiert er schon seit Tagen mit seinem vorzeitigen Abschied, macht zweideutige Anspielungen. "Vielleicht reden wir nach dem Februar über den Charakter der Mannschaft, dann aber vielleicht nicht mehr mit mir", sagte er jüngst.

Nun gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass Trainer nicht über ihre Entlassung sprechen, nicht einmal dann, wenn die Pressekonferenz zur ihrer Verkündung schon einberufen worden ist. Dass Meyer dennoch seine Demission thematisiert, kann manches bedeuten: Vielleicht möchte er sich den üblichen Mechanismen des Geschäfts, den Durchhalteparolen und markigen Forderungen, entziehen. Vielleicht war es auch nur flott dahergeplaudert und bedarf keiner vielschichtigen Erklärung. Wahrscheinlicher aber ist, dass Meyer angesichts der anhaltenden Talfahrt tatsächlich nicht mehr allzu viel einfällt.

Er wird selbst analysieren müssen, ob es Sinn macht, in Nürnberg weiterzuarbeiten. Oder ob der Club möglicherweise einen anderen Coach benötigt. Entlassen wird ihn Präsident Roth, der Meyer noch immer und völlig zurecht für einen Glücksfall hält, nämlich erst, wenn der Club tatsächlich abgestiegen ist. Und das dauert noch ein bisschen.



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