Bundesliga-Kommentar Münchner Anachronismen

1860 steigt wohl ab, der FC Bayern ist schon abgestiegen. Der große Verlierer der Bundesliga-Saison heißt München. Schuld ist in beiden Fällen die Weigerung, etwas zu verändern.

Von Peter Unfried


 Bauherren mit Schwierigkeiten: Ex-"Löwen"-Boss Wildmoser (l.) und Bayern-Manager Hoeneß am neuen Stadion
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Bauherren mit Schwierigkeiten: Ex-"Löwen"-Boss Wildmoser (l.) und Bayern-Manager Hoeneß am neuen Stadion

Vielleicht hat es der eine oder andere gar nicht mehr parat, aber die einzige Stadt, die dauerhaft zwei Bundesligaclubs etablieren konnte, ist München. Es existierten zweimal über einen längeren Zeitraum nebeneinander zwei Vereine - von 1965 bis 1970 und von 1994 bis heute. Wie es aussieht, ist es ab kommenden Samstag damit vorbei. Wie tief der Fall des TSV 1860 wirklich sein wird, ist derzeit schwer abzusehen.

Vergifteter Apfel namens Auer

Schon heute als einzigartig gelten darf die Art und Weise, mit der der wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetretene Präsident Karl-Heinz Wildmoser den Club mit in den Abgrund gerissen hat. Falls sich jemand gewundert hat, warum es mit Diktator Wildmoser zehn Jahre einigermaßen lief und sofort nach seiner Demission alles zusammenbrach? Nach dem unschönen Motto: Wenn ich untergehe, sollen alle untergehen, zwang er 1860 zum Abschied, einen vergifteten Apfel zu schlucken, seinen Nachfolger Karl Auer. So verhinderte er die zeitige Erneuerung der Unternehmensstruktur und vor allem auch -kultur. Stattdessen führte man den Verein im "Geiste Wildmosers", wie das der Wildmoserianer und Sportdirektor Dirk Dufner genannt hat. Der Geist war freilich ein Zombie. Ob in 1860 noch mal Leben zurückkehrt, wird man sehen müssen.

1860-Führungskrise: Clubchef Auer (l.), Ex-Vize Zehetmair
AP

1860-Führungskrise: Clubchef Auer (l.), Ex-Vize Zehetmair

So hat München ein Jahr vor dem Umzug ins gelobte kapitalistische Paradies Fröttmaning zweierlei verloren: Einen Bundesligisten - und einen europäischen Spitzenclub. Es sind einige Lektionen zusammengekommen, die der FC Bayern München in diesem Jahr erhalten hat. Derzeit sieht es nicht so aus, als sei die Unternehmensführung bereit, sie auch nur als solche zu identifizieren. Es erinnert ein bisschen an den DaimlerChrysler-Manager Jürgen Schrempp, wie die Bayern-Chefs trotz offensichtlich grundsätzlichen Bedarfs einer Überholung der Unternehmensstrategie und -kultur bloß wieder ihren Sündenbock austauschen wollen - um dann so weitermachen zu können wie bisher.

Schwerer Verlust der Weltfußballfirmen

Wenn nicht jetzt, wann ist es dann Zeit grundsätzliche Fragen zu stellen? Etwa: Was bedeutet es, dass die großen europäischen Weltfußballfirmen dieses Jahr so schwer verloren haben? Real Madrid, Manchester United, Juventus Turin, FC Bayern - alle nicht nur in der Champions League abgehängt, sondern auch in der nationalen Meisterschaft. Was ist mit dem Champions-League-Finalisten FC Porto, was mit dem neuen spanischen Meister und Uefa-Cup-Finalisten FC Valencia?

Zumindest für dieses Jahr haben die Global Player in ihrem Bestreben, noch globaler zu werden, verloren. Für dieses Jahr kann man eine spektakuläre Renaissance der mittleren Fußballunternehmen konstatieren. Standorte, die während der späten Neunziger wegen Kapitalmangels an die Peripherie abgedrängt worden waren, definieren plötzlich das Niveau des Fußballs. Dort arbeiten relativ junge Trainer ohne eine lange Liste von Titeln in ihrem Lebenslauf: Jose Mourinho, 41, in Porto, Rafael Benitez, 44, in Valencia, Didier Deschamps, 38, in Monaco, Thomas Schaaf, 43, in Bremen. Interessant ist, dass diese Teams bei allen Unterschieden doch etwas eint: Man arbeitet mit deutlich flacheren Hierarchien und deutlich geringerem Heilsanspruch an "Galaktische", das sind jene überdurchschnittlich spielenden, überdurchschnittlich bezahlten oder wenigstens überdurchschnittlich Trikots verkaufenden Fußballprofis, die den Erfolg der Global Player garantieren sollten - aber nicht konnten.

Hoeneß' Mund gestopft

Vorbild Bremen: Manager Allofs, Trainer Schaaf
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Vorbild Bremen: Manager Allofs, Trainer Schaaf

Ob das erst der Anfang ist oder alles schnell zu Ende, wenn Chelsea Mourinho gekauft hat, Morientes zurück zu Real muss, Werder Bremen ohne Ailton spielt - das muss man sehen. Klar ist, dass bei Werder die Kultur stimmt und bei Bayern nicht. Es ist sicher richtig, zu sagen, dass Bayern-Manager Uli Hoeneß mit seinen Ausfällen dafür verantwortlich ist, Liga und Publikum eine gewisse Spannung und Freude erhalten zu haben. Es war die Freude, seinen großen Mund gestopft zu sehen. Letztlich - und darüber muss man nachdenken - ist die große Figur dieser Saison das genaue Gegenteil von Hoeneß: Klaus Allofs, der Werder-Sportdirektor. Und eben nicht mehr Willi Lemke, der letztlich ein Hoeneß in Grünweiß war, nur ohne dessen Fachwissen.

Allofs hat Fachwissen, Gespür für neue Wege und auch in seiner Außendarstellung kann man den Fortschritt in Bremen bemessen. Übrigens auch im Unterschied zwischen dem Ottokraten Rehhagel und seinem Schüler Schaaf. Dem ganzen Geschrei und der Fokussierung auf Heil bringende Führungskräfte und Führungsspieler haben Allofs und Schaaf etwas entgegengesetzt: Sie haben flach geführt - und das Team und jeden Spieler gelehrt, dass moderner Fußball Übernahme von Verantwortung durch alle Spieler braucht. Im Spiel. Nicht danach - und schon gar nicht im Partykeller.

Routiniert runtergespielte Krisen?

Torjäger Makaay: Zweitspannendste Neuerung
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Torjäger Makaay: Zweitspannendste Neuerung

Bayern? Hoeneß ist Hoeneß. Und bleibt Hoeneß. Dito Rummenigge und Beckenbauer. War gut. Ist heute gut. Und morgen gut genug? Selbst die Krisenmechanismen in München sind erstarrt und werden routiniert runtergespielt wie ein Heimspiel gegen Rostock. Das Spannendste, was die Bayern in den letzten Jahren gemacht haben, war das Ersetzen des begnadeten Chef-Darstellers Stefan Effenberg durch Michael Ballack. Das Zweitspannendste war der Einkauf von Roy Makaay. Damit ist bewiesen, dass Bayern eigentlich weiß, woher der Wind weht. Dass Heldendarsteller Oliver Kahn ("Dieser unglaubliche Druck!") ein Anachronismus ist, hat die Saison auch dem letzten vor Augen geführt. Aber was passiert? Unentwegt wird geklagt, über vermeintliche Führungsschwäche. Viel von den auch reflexhaft reagierenden Medien.

Aber auch die Bayern-Chefs haben es versäumt klarzumachen, dass der moderne Führungsspieler Ballack eine Zukunft ist: Weniger Führungsgequatsche, mehr Verantwortung für alle, aber das gewisse zusätzliche Etwas im Team. Frings ist übrigens auch so einer. So ist die tröstliche Botschaft. Man kann aus den Bayern schon etwas machen. Aber dafür muss man Grundlegendes ändern. So ist die Frage weniger, ob Felix Magath der richtige neue Trainer ist. Die Frage ist, ob man ihn tatsächlich etwas Neues machen lässt.



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