Bundesliga-Kommentar Nur Schalke kann München herausfordern

Bayern hat sich vor der Saison gleich mit mehreren Topspielern verstärkt und gilt als Titelfavorit. Schalkes Team ist fast dasselbe wie in der vergangenen Saison, könnte aber gerade deswegen am Ende der Saison vor den Münchnern stehen. Schließlich ist die Mannschaft eingespielt.

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Der Ruhrgebietskult hat mich immer komplett kalt gelassen. Sollen sie sich doch hassen, in Dortmund und Gelsenkirchen, von mir aus. Die Kollegen Werner Hansch und Manni Breuckmann mögen sich an dieser Frage abarbeiten, wenn es sie in der Ausübung ihres Berufes glücklicher macht. Mich kümmert es nicht. Dabei bin ich in Westfalen aufgewachsen, einer Region, von der Menschen, die davon keine Ahnung haben, gerne behaupten: Hier gebe es nur die Glaubensfrage Schalke oder BVB. Wo in Wahrheit in Westfalen in den 70ern nur die Glaubensfrage zählte: Katholik oder Heide. Dazwischen gab es nichts.

Schalker Bordon: Bester Brasilianer der Liga
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Schalker Bordon: Bester Brasilianer der Liga

Die einzige Glaubensfrage, die sich in dieser Saison stellt, heißt bekanntlich: Schalke oder Bayern. Meister kann nur einer werden. Warum eigentlich nicht Schalke? Zu den gängigen sportjournalistischen Argumentationsmechanismen vor einer Spielzeit gehört alljährlich, eine Mannschaft eher skeptisch einzustufen, die sich nicht auf mindestens fünf, sechs Positionen namhaft verstärkt hat. Demnach hatte Schalke von Beginn an keine Chance: Mit dem blutjungen Supertalent Ivan Rakitic hat Manager Andreas Müller nur einen Millionenseller getätigt. Also geht das branchenübliche Gemecker los. Ich habe das nie verstanden. Warum soll eine Mannschaft, die schon im Vorjahr nur haarscharf an der Meisterschaft vorbeigeschrammt ist und in dieser Zusammensetzung fast genauso weiterspielt, in dieser Saison schlechter sein?

Im Gegenteil: Alle Spieler, die den verlorenen Titelkampf mitgemacht haben, dürften darauf brennen, das Versäumte jetzt nachzuholen. Seit wann ist ein eingespieltes Team plötzlich ein Wettbewerbsnachteil? Bei Schalke weiß auf dem Platz mittlerweile jeder, was der andere tut. Nur so eine Mannschaft hat eine Chance, die Bayern herauszufordern. Deswegen wird auch nur Schalke im Meisterschaftskampf mit den Bayern mitspielen, niemand sonst. Und dass die Münchener in diesem Duell per se am Ende vorn liegen werden, ist für mich überhaupt noch nicht ausgemacht.

Fabian Ernst wird unter Garantie eine Riesensaison spielen, wenn er seine Frühform nur einigermaßen konserviert. Kevin Kuranyi befindet sich wieder auf der Höhe seiner Schaffenskraft, Peter Lövenkrands ist ein Konterspieler, wie ihn kein anderes Topteam vorzuweisen hat, über Marcelo Bordon, den besten Brasilianer in der Liga, müssen wir sowieso nicht lange reden. Außerdem hat Schalke auch noch den besseren Torwart als die Bayern. Und den lässigeren Trainer obendrauf. Mirko Slomka ist so was wie mein Lieblingstrainer in der Liga. Einer, der selbst an der Seitenlinie immer das unausgesprochene Gefühl verkörpert: Am Ende des Tages gibt es doch noch Wichtigeres als mein Job bei Schalke.

Eine solche Haltung ist unter all den Verbissenen, den Akribischen, den Schlechtgelaunten, den Middendorps, Hitzfelds, Dolls und Funkels an sich tabu. Slomka erlaubt sie sich ausgerechnet bei einem Club, der – siehe oben – sein Tun zu einer quasi religiösen Haltung stilisiert. So etwas ist cool. Wenn Slomka noch 20 Jahre so weitermacht und an seinem Humor feilt, kann er mal ein Hans Meyer werden. Gut, die Aussicht, dass der Titel an ein Team geht, das Gazprom auf der Brust trägt, ist wirklich nicht das, was man sich in süßen Träumen von einer besseren Welt als Erstes vorstellt. Und mit Rudi Assauer, Charly Neumann, Gerhard Schröder und Olaf Thon hat der Club in Vergangenheit und Gegenwart genug Unsympathieträger um sich geschart.

Aber was soll's? Wenn es um Antipathie geht, kann jeder Verein im bezahlten Fußball locker mithalten. Die Bayern sind darin sowieso seit jeher ungeschlagen. Und was die Sache mit dem Trikotsponsor anbetrifft – wenn Bayern Meister würde, würde der Titel in der Allianz-Arena gefeiert. Auch nicht besser. Meine Großmutter hat immer gesagt: "Versicherungen – das sind die größten Halunken." Was im konkreten Fall Allianz natürlich überhaupt nicht stimmen muss. Meine Oma hatte schließlich auch nicht mit allem recht, was sie gesagt hat. Als längst Bodo Illgner das Tor der Nationalelf hütete, hat sie immer noch Sepp Maier zu ihm gesagt.

Noch in der angemessenen Kürze zu Schalkes Gegner, dem so genannten Erzrivalen BVB. Erste Bemerkung: Bei Borussia Dortmund ist jetzt zu hoffen, dass selbst Stadionsprecher Norbert Dickel das Wort Meisterschaft in den kommenden Wochen eher sparsam im Munde führt. Zweite Bemerkung: Es wird mir nie mehr passieren, dass ich drei Schwarz-Gelbe in die Startaufstellung meines Kicker-Managerspiel-Teams hinein nehme. Borussia Dortmund ist der erste erledigte Fall dieser jungen Saison.

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