Bundesliga-Kommentar Peterchens Talfahrt

Drei Niederlagen in Folge, ohne Punkt am Tabellenende: Trainer Peter Neururer steht bei Hannover 96 kurz vor dem Rauswurf. Was wieder einmal beweist: Der Mann mit dem Schnauzbart und den großen Sprüchen ist ein Coach für den Kampf gegen den Abstieg - mehr aber nicht.


Peter Neururer hat viele Talente. Er kann passabel tanzen, Motorrad fahren und ist herausragend im Klopfen flotter Sprüche. Vor allem aber kann Neururer unnachahmlich deprimiert aus der Wäsche schauen. Dann hängt der Schnauzbart trist nach unten, die Schultern sind eingefallen und die Augen werden kugelrund wie sonst nur bei Bambi auf der Waldlichtung.

Neururer hatte in den vergangenen Wochen oft Gelegenheit, deprimiert zu gucken. Denn Hannover 96, wo Neururer seit acht Monaten als Trainer beschäftigt ist, hat nicht nur die ersten drei Saisonspiele verloren, sondern sich obendrein am Wochenende vom Aufsteiger Alemannia Aachen 0:3 auseinandernehmen lassen. Kein Zweifel: Seit Samstag ist Neururer nur noch ein Trainer auf Abruf. Auch wenn Manager Ilja Kaenzig sogleich die üblichen Floskeln bemühte: "Der Trainer hat nichts zu befürchten. Er ist derjenige, der den Karren aus dem Dreck zieht". Dabei wird hinter den Kulissen längst schon über Rausschmiss und mögliche Nachfolger debattiert. Es muss doch irgendwo ein Coach zu finden sein, der Hannover 96 in die obere Tabellenhälfte führt.

Den Noch-Trainer wird die Trennung nicht überraschen. Ob bei Hertha BSC Berlin, in Köln, Saarbrücken, bei Fortuna Düsseldorf, Kickers Offenbach oder LR Ahlen – bei fast keiner seiner dreizehn Stationen blieb er länger als zwei Jahre. Seine Trainerkarriere verläuft seit Ewigkeiten nach dem Schema P.N.: Er übernimmt eine abstiegsgefährdete, verunsicherte Mannschaft ohne Fortune. Binnen Tagen gelingt es ihm, psychische Blockaden zu lösen, aus zerstrittenen Grüppchen ein Team zu formen, plötzlich wird im Training wieder gelacht und in Serie gewonnen. Kaum ist der Klassenverbleib jedoch gesichert, ist es vorbei mit der Harmonie, der Erfolg bleibt aus, Neururer klopft unverdrossen kesse Sprüche, am Ende steht der Rausschmiss. Ein halbes Jahr später darf Neururer die nächste abstiegsgefährdete, verunsicherte Mannschaft übernehmen.

Wie Neururer befinden sich auch andere Trainer in diesem Teufelskreis kurzfristiger Engagements. Früher galten Rolf Schafstall und Jörg Berger als Prototypen des Feuerwehrmanns, heute wird schnell nach Ewald Lienen oder Wolfgang Wolf gerufen. Sie alle werden als Helfer in der Not geschätzt, nur selten bekommen sie allerdings die Gelegenheit, sich im Aufbau einer neuen Mannschaft zu versuchen. Daran sind nicht immer nur die Trainer schuld, sondern oft auch das Umfeld. Hannover 96 ist dafür das beste Beispiel. Der Club kämpft seit Jahren mit der Kluft zwischen hohen Ansprüchen und deprimierender Realität, eine wachsende Ungeduld der Anhänger ist die Folge. Hinzu gesellen sich seit Jahren offen ausgetragene Streitigkeiten zwischen Trainer, Manager, Aufsichtsrat und Vorstand, zudem fehlt der Mannschaft nach den Trainerwechseln der vergangenen Jahre von Ralf Rangnick zu Lienen zu Neururer jede belastbare Struktur.

All das muss man wissen, um Neururers Arbeit in Hannover fair beurteilen zu können. Aber auch eingedenk dieser Erschwernisse bleibt doch die Erkenntnis, dass Neururer für eine längerfristige Beschäftigung offenbar auch nach so vielen Jahren das nötige Rüstzeug fehlt. Denn so schnell er eine desolate Mannschaft wieder konkurrenzfähig machen kann, so offensichtlich fehlt ihm die Geduld für all die mühsamen kleinen Schritte hin zum Aufbau einer Mannschaft, die mehr ist als nur der übliche Zweckverbund auf Zeit. Den Alltag als Coach einer mittelmäßigen Mannschaft hält Neururer nicht lange aus, er setzt dann selbst die Reize und klopft Sprüche. In Hannover zeigten sich schon Ende der letzten Saison die ersten Abnutzungserscheinungen, nach gerade einmal vier Monaten.

Diese Arbeitsweise ist sattsam bekannt. Wer sich nun fragt, warum Neururer dennoch immer wieder verpflichtet wird, unterschätzt das Kalkül der Vereine. Kein Clubvorstand engagiert Neururer, um ihn eine neue Mannschaft aufbauen zu lassen. Er wird eingekauft, um in höchster Not den Klassenerhalt zu sichern. Anschließend geht es - hart formuliert - oft nur noch darum, ihn möglichst fix wieder loszuwerden. Hannover 96 ist auf dem Weg dorthin. Gesucht wird ein Trainer, der die Mannschaft möglichst rasch auf Vordermann bringt.

Das große Pech für Peter Neururer ist, dass er derzeit bei Hannover 96 unter Vertrag steht. Er wäre sonst der ideale Kandidat für den Posten.

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