Bundesliga-Kommentar Plötzlich ist das Projekt Bayern spannend

Der HSV hat geschafft, was der Bundesliga-Konkurrenz bisher versagt war: den Siegeszug der Bayern zu stoppen. Auch dieses Spiel beweist, man kann die Münchner nicht nur lieben oder hassen, sondern auch mit Interesse verfolgen, wie sie sich entwickeln.

Von Peter Unfried


52,73 Prozent der deutschen Fußballinteressierten definieren ihre Beschäftigung mit der Bundesliga primär über eine herzliche Abneigung gegen den FC Bayern München. Dass diese guten Menschen nun ein echtes Problem bekommen, weil die Bayern plötzlich großartig Fußball spielen und sympathisch geworden sind, stand zuletzt in jeder Regionalzeitung. Ich selbst habe es auch schon mehrfach behauptet. Aber stimmt es wirklich? Der Test beim 1:1 der Bayern in Hamburg am Sonntagabend ergab: Nein. Es ist komplizierter geworden. Aber man kann das neue Fußballprojekt FCB gespannt begleiten – und dennoch für den Gegner sein. Der geübte Bayern-Feind kann sicher sogar ihren Fußball goutieren, und sie gleichzeitig dafür hassen, dass sie plötzlich sympathisch daherkommen und ihm mittels schönem Fußball seinen Hass wegnehmen wollen. Menschen sind so. Wobei die Münchner beim HSV aber nicht wirklich als "neue Bayern" glänzten, sondern sich den Punkt eher im Old-School-Stil erarbeiteten. Allerdings war der HSV offenbar auch ein anderes Kaliber als die ersten drei Gegner dieser Saison (drei Siege, 10:0 Tore) und verhinderte mit Huub Stevens' stabiler Defensivformation und großem Laufaufwand etwaigen Münchner Kombinationsfußball bereits im Ansatz.

Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hat ja generell seinen Kalkulationsfußball offensiver anlegt und um eine spannende, nichtkalkulierbare Attraktion namens Franck Ribéry bereichert. In Hamburg war Ribéry aus dem Spiel - und wirkten die Bayern mit einem 4-2-3-1-System schon wieder sehr kalkulierbar. Ihr Treffer durch Klose (70.) fiel nach Podolskis Einwechslung und Umstellung auf zwei Stürmer, aber letztlich aus dem Nichts bzw. nach einer geradezu klassischen Flanke (von Lell) aus dem rechten Halbfeld. Waren das also womöglich wieder die "alten Bayern"?

Dagegen spricht der bizarre HSV-Ausgleich durch den eingewechselten Zidan (87.), Kahns erster Gegentreffer der Saison, der ein Zusammentreffen unglücklichster Umstände gewesen sein kann – oder ein Indiz, dass die neuformierte Innenverteidigung nicht so stabil ist, wie die Bayern es gehofft haben mögen.

Es ist also noch längst nicht alles so klar, wie selbst manche Bundesligatrainer argwöhnen. Trotzdem: Nach vier Spieltagen und bereits dem zweiten richtig schweren Auswärtsspiel (nach dem 4:0 in Bremen), steht das Team aus München zunächst tatsächlich konkurrenzlos da. Die Erfahrung lehrt aber, dass Spannung massentauglicher ist als selbst die größte fußballerische Extraklasse. Um richtig Stimmung in der Bude namens Unterhaltungsbranche Fußball zu haben, brauchte man in der Vergangenheit zweierlei. Hier ein sympathisches, sich bescheiden gebendes, mittelgroßes, im Idealfall neues Fußballprojekt – und dort die Bayern. Und dann ein Duell Gut gegen Böse, das leider am Ende in der Regel ... reden wir nicht darüber. Borussia Dortmund versuchte es ja mal mit einer Innovation und wollte die Bayern an Großkotzigkeit überbieten, aber das ging auch auf dem Emotionsmarkt in die Hose und komplett am Verbraucher vorbei.

So unredlich sich die Kleinkotze auch um Ablösung mühten, das Markenimage wurde einfach zu sehr mit dem Original verbunden. Im Übrigen werden zwei Großkotze einfach nicht gebraucht. Die romantische Sehnsucht wird nie durch den Sieg eines identischen Kulturmodells über das herrschende befriedigt, es braucht immer die Illusion einer Gegenkultur. Das nur als kleiner Hinweis an den FC Schalke 04.

Nein, es braucht ein zweites Projekt, das anders ist und tabellarisch und/oder emotional in einen Wettbewerb mit Bayern treten kann. Aber welches? Die neuen Projekte in Berlin und Wolfsburg sind fachlich so spannend wie der FC Bayern, aber sie sind mittelfristig angelegt und eine Nummer zu klein. Vor allem fehlt ihnen der positive, emotionale Faktor für den nationalen Massenmarkt. Und sonst? Wenn der Hamburger SV sich nicht aufrafft (was nach dem Gesamteindruck der letzten Zeit nicht völlig ausgeschlossen ist), muss man wieder auf Werder Bremen und den FC Schalke hoffen und sich gegebenenfalls von der Nachhaltigkeit dieser Projekte faszinieren lassen.

Was die Sorge über die plötzliche Sympathie für Bayern betrifft, so darf man vielleicht noch mal dran erinnern, dass es nicht eben als "sympathisch" gilt, mit über hundert Millionen (Ablöse und Verträge) zu werfen, um fair erworbenen sportlichen Rückstand auszugleichen. Man sollte auch nicht befürchten, dass Ribérys faszinierende Kunststücke Hoeneß und Kahn dauerhaft lächeln und schweigen lassen. Vor allem ist es ja auch so, dass Übermannschaften gerade deshalb in Krisen geraten, weil sie Übermannschaften sind. Wem das zu vage klingt, der hat recht: Das ist zunächst nur ein inhaltlicher, nicht genauer zu definierender Platzhalter für eine Hoffnung.

Das Neue ist tatsächlich, dass die Bayern in diesem Jahr nicht nur ein Liebes- oder Hassobjekt sind. Sondern das Fußballprojekt, dessen Entwicklung man im Detail verfolgen will. Aber: Bekanntlich ist die erste Frage aller Fußballinteressierten stets: "Und, wie hat Bayern gespielt?" Man stelle sich vor, die Antwort lautete künftig regelmäßig: "Großartig." Wäre das nicht der Horror?

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