Bundesliga-Kommentar Rote Köpfe in der Mixed-Zone

Die erste Saisonniederlage des FC Bayern München sorgt für Unwohlsein an der Säbener Straße. Die Rechnung des Rekordmeisters, beim VfL Wolfsburg im Schongang zum Erfolg zu kommen, um Kräfte für den Champions-League-Auftakt gegen Celtic Glasgow zu sparen, ist nicht aufgegangen.

Von Peter Unfried


Ich weiß ja nicht, ob es fachlich sauber ist, die Intensität der Kopfrötung eines Verantwortlichen des FC Bayern München immer gleich als Gradmesser für die Brisanz oder den Nachrichtenwert einer Sache zu nehmen. Einerseits neigen manche einfach zu einem roten Kopf. Andererseits haben manche Experten vielleicht einfach jahrelange Erfahrungswerte gesammelt.

Als der Vorstandsvorsitzende Kalle Rummenigge in die Mixed-Zone der Arena von Wolfsburg trat, hatte er jedenfalls einen recht roten Kopf. Wie rot? Mittelrot, schätzten die Experten. Er war jedenfalls deutlich röter als der Kopf von Manager Uli Hoeneß, der hinten schnell und blass vorbeihuschte. Der rote Kalle stellte sich derweil in Position und erklärte der Welt, dass die 2:3-Niederlage in Wolfsburg das "Maß voll" gemacht habe.

Celtic Glasgow im Hinterkopf


Letztlich hat Rummenigge in der Sache Recht. Je mehr und bessere Nationalspieler ein Club hat, desto stärker leidet er unter Länderspielen, je weiter Profis zu reisen haben, desto müder sind sie. Bayern hat unter der Woche 14 Nationalspieler abgestellt. Manche davon waren in Wolfsburg sehr müde, und so entstanden Fehler. Deshalb ging ein eigentlich gewonnenes Spiel in den letzten Minuten noch verloren. Und: Jawohl, Fifa-Präsident Blatter "benutzt die Clubs, um seine Kasse im Verband zu füllen." Was denn sonst?

Einen Abstellungs-"Streik" gegenüber den Nationalverbänden kann Rummenigge gerne mal machen. Und wenn sich Deutschland eines Tages entscheiden muss, dann selbstverständlich für den FC Bayern München. Derzeit allerdings sollte Rummenigge wohl besser noch jenen Verband verschonen, für den Rudi Völler arbeitet - sonst gibt es wieder großes Geschrei, und damit ist letztlich ja keinem gedient - außer der Einschaltquote selbstverständlich.

Ehrlich gesagt, ganz so schlimm scheint alles noch nicht zu sein. Als die abgefeimten Reporter Rummenigge locken wollten, mit der Frage nach den "Konsequenzen", antwortete Rummenigge, die Konsequenz müsse sein, am Mittwoch konzentrierter zu spielen. Mittwoch! Darum geht es. Nach zehn Monaten darf der FC Bayern wieder in der Champions League mitmachen. Entsprechend groß ist die Anspannung. Es geht darum, den im Vorjahr verlorenen Boden gutzumachen, die Reputation wiederherzustellen, im Inland, im Ausland, vor allem in den Köpfen der Clubchefs. Das Spiel gegen Celtic Glasgow ist das wichtigste Spiel der Frühsaison. Wird es gewonnen, kann der Club bis Ende Oktober fröhlich arbeiten. Wenn nicht, können die Medien bis auf weiteres fröhlich arbeiten.

So energiesparend wie möglich


Im Hinblick auf Celtic hatte Ottmar Hitzfeld wohl die übliche Vor-Champions-League-Strategie gewählt. Es ist eine komplizierte Rechnung, in der Kräfteaufwand und Kräfteschonung so kalkuliert werden, dass ein möglichst optimales Ergebnis rauskommt - also ein blasses, aber erfolgreich gestaltetes Spiel. So schien es auch zu laufen: Bayern servierte den VfL Wolfsburg scheinbar binnen zehn Minuten nach der Pause so beiläufig und kalten Herzens ab, dass es Team und das Publikum gar nicht richtig mitkriegten, so dermaßen eingefroren hatte Hitzfelds Eisbox-Fußball die ausverkaufte Arena.

Dann aber kamen ganz zum Schluss diese "Fehler im Defensivbereich". Sind sie das große Thema der nächsten Tage? Oder die fehlende "totale Einstellung" oder das Fehlen der "spielerischen Substanz" (Hitzfeld). Mag sein. Vielleicht ist auch Hitzfelds ihm notwendig erscheinender Versuch schlicht nicht aufgegangen, so energiesparend wie möglich zu arbeiten.

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Gut möglich, dass Wolfsburg nur deshalb ins Spiel zurückkam, weil durch zwei nichtkalkulierbare Auswechslungen (der Rot-gefährdete Rau, der zehn Minuten nach dem Einwechseln verletzte Zé Roberto) die richtig müden Spieler (Santa Cruz, Makaay), der lange verletzte Scholl, der angeschlagene Sagnol auf dem Feld bleiben mussten. Die Balance war hin, der nötige Laufaufwand nicht mehr zu gewährleisten. Und dann greift der Torwart auch noch einmal daneben, und es kommt noch so ein frecher, neuer, gar nicht müder Brasilianer namens Baiano, der "Kahn nur aus dem Fernsehen kennt", und Linke oder Kuffour offenbar für Slalomstangen hält - und "dieser Junge", sagt sein Kapitän Stefan Schnoor, "macht sein erstes Spiel gegen Bayern und gleich zwei Tore. Ich warte mein ganzes Leben darauf".

Die Ruhe ist hin, die Unsicherheit zurück


So etwas ist "bitter", da hat Hitzfeld Recht. Aber weniger für Schnoor. Jedenfalls wird die Rückkehr wenigstens einiger der verletzten Bayern-Profis (Ballack, Jeremies, Pizarro, Lizarazu, Deisler) für den Mittwoch jetzt wichtiger - real und psychologisch. Fast hätte Hitzfeld die ideale Situation gehabt. Doch nun ist die Ruhe hin, die Unsicherheit zurück - und das ist allemal schlimmer für die Bayern als die erste Saisonniederlage.

Denn, mal ehrlich: Dass der große FC Bayern ein praktisch gewonnenes Spiel in letzter Minute noch verliert? "Das passiert uns eigentlich sehr selten", sagt Hitzfeld. Und dann noch in Wolfsburg? Man muss sich das mal vorstellen: 18,75 Millionen-Euro-Mann Roy Makaay schießt ein Tor, das nichts wert ist. Am Ende zieht ein eher schüchtern sich gebender, bis Samstag weithin unbekannter Brasilianer namens Baiano im Triumph ein Mützchen mit der Aufschrift "Jesus" aus der Unterhose. Und Karl-Heinz Rummenigge muss letztlich sogar noch froh sein, dass er nicht dran riechen musste. Da kann man schon mal einen roten Kopf kriegen.



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