Bundesliga-Kommentar Schwarz-gelbe Hybris

53 Gegentore, peinliche Pleiten in Serie: Borussia Dortmund kickt eine desaströse Saison. Dass der Club das Pokalfinale erreicht hat, beflügelt Wunschträume von baldigem Ruhm - und übertüncht die erschreckende Konzeptlosigkeit beim BVB. Trainer Doll fehlt es an Profil.


Das Anlegermagazin hatte hoffnungsfrohe Nachrichten für alle Aktionäre des Bundesligisten Borussia Dortmund. Die BVB-Aktie sei der "Chart der Woche", vermeldete "Der Aktionär" am 12. März. Das Papier habe kürzlich die 38-Tage-Linie nach oben durchbrochen, nun sei ein Kursanstieg bis 2,30 Euro möglich. Der Stand der BVB-Aktie gut vier Wochen später: 1,50 Euro.

Spiel aus, Köpfe unten: Die Borussia ging auch gegen Hannover unter
DDP

Spiel aus, Köpfe unten: Die Borussia ging auch gegen Hannover unter

Nicht sehr wahrscheinlich, dass die BVB-Aktie nach der peinlichen 1:3 (0:2)-Heimniederlage gegen Hannover 96 verbessert gehandelt wird. Ein chancenreiches Investment für risikofreudige Anleger wird aus dem Papier vorerst wohl nicht. Denn wie jedes Papier eines Sportvereins wird auch die Aktie von Borussia Dortmund an den sportlichen Perspektiven gemessen. Und eben diese sind auch nach eineinhalb Jahren Thomas Doll noch immer neblig-trüb.

Dazu braucht es nicht einmal den Blick auf die Tabelle. Der ist zwar deprimierend, weil der BVB mit schnöden 34 Punkten im unteren Drittel dahinvegetiert und sich derzeit sogar vom VfL Bochum eine lange Nase zeigen lassen muss. Aber weil sich die Borussia mit Glück und Verstand ins DFB-Pokalfinale geschlichen hat und auch bei einer Niederlage gegen den designierten deutschen Meister Bayern München ziemlich sicher in den Uefa-Cup einzieht, muss der BVB eigentlich nur aufpassen, dass es bei den derzeit noch beruhigenden sieben Punkten bis zum Abstiegsplatz 16 bleibt. Ligaspitze ist Dortmund nur bei den Gegentoren - 53 an der Zahl.

Dass derzeit unter den Anhängern darüber diskutiert wird, ob Doll trotz des jüngst unterschriebenen Zweijahresvertrages der richtige Mann auf der BVB-Bank ist, entzündet sich aber vor allem an der Tatsache, dass der Coach in dieser Saison noch nicht einmal ansatzweise gezeigt hat, wohin er mit dieser Mannschaft eigentlich will. Soll sie mit frischem Offensivfußball begeistern, wie es der Hamburger SV anno 2005 unter Dolls Ägide getan hat? Oder setzt Doll auf größtmögliche Kontrolle des Geschehens und auf technische Perfektion?

Nichts von alledem war im Laufe der Saison und auch im Spiel gegen Hannover erkennbar. Die Mannschaft offenbart immer wieder erstaunliche taktische Mängel. Viel zu behäbig schalten die Spieler von Abwehr auf Attacke um, auch in der Rückwärtsbewegung agiert das Team bisweilen amateurhaft. Und in der Zeit, in der ein in der Defensive eroberter Ball den Weg in die Dortmunder Spitze gefunden hat, gehen manche Zuschauer auf der Südtribüne zweimal Bier holen.

Wer sich spätestens nach der 0:5-Klatsche in München klärende Worte von Trainer Doll erhofft hatte, sah sich abermals enttäuscht. Statt auch nur zu versuchen, den spielerischen und kämpferischen Offenbarungseid seiner Mannschaft zu erklären, flüchtete sich Doll in Floskeln, die Rolf Schafstall Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätten. "Es geht auch um Stolz und Ehre" erklärte er allen Ernstes. Hohles Pathos, auch angesichts der folgenden Niederlage. Diesmal sprach Doll selbstredend davon, dass sein Team die Niederlage in München "noch nicht verarbeitet" habe.

Vielleicht noch besorgniserregender als die Konzeptlosigkeit des Trainerstabes erscheint allerdings der Umstand, dass die sportliche Situation in der Führungsetage des BVB derzeit nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Ob durch Clubpräsident Reinhard Rauball oder den Vorsitzenden der Geschäftsführung Hans-Joachim Watzke - stets werden glänzende Perspektiven, große Chancen beschworen. Doch der Optimismus der Führung speist sich derzeit allein aus den wirtschaftlichen Kennziffern.

Glaube an die Allmacht des Geldes

Nicht ganz zufällig hatte Sportdirektor Michael Zorc schon anlässlich der Doll'schen Vertragsverlängerung verkündet: "Ab 2009 werden sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Jahr für Jahr deutlich verbessern" und dann hinzugefügt: "Wir führen den BVB bald wieder da hin, wo er angesiedelt sein sollte."

Da paarten sich zwei alte Bekannte. Die Hybris, dass die Borussia eigentlich qua Naturgesetz in die nationale Spitze gehört. Und der unerschütterliche Glaube an die Allmacht des Geldes. Dass gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen zwar den Alltag enorm erleichtern, aber nie ein funktionierendes sportliches Konzept ersetzen können, dazu haben sich die BVB-Verantwortlichen bisher noch nicht durchringen können.

Nun können die Dortmunder so weitermachen. Ein Pokalsieg würde ihnen dabei sicher helfen. Oder es stellt tatsächlich mal jemand die Frage nach einem stimmigen sportlichen Konzept. Das wäre etwas ganz Neues. Und sicher gar nicht so schlecht für die BVB-Aktie.

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