Bundesliga-Kommentar Sylvie auf Linksaußen

Die drei Tabus des Jahres: Warum man sich in dieser Bundesligasaison auf keinen Fall mit Giovanni Trapattoni, Sylvie van der Vaart und dem FC Bayern München beschäftigen sollte.

Von Peter Unfried


Frau van der Vaart im Stadion: Was hat das mit Fußball zu tun?
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Frau van der Vaart im Stadion: Was hat das mit Fußball zu tun?

Drei Vorbemerkungen. 1. Das Mäkeln über die Fußball-Bundesliga und das Bitte-nicht-Mäkeln hat sich in den Grundsatzkommentaren zur neuen Saison in etwa die Waage gehalten. Es ist grundsätzlich nicht einfach: Zum einen ist Fußball selbstverständlich zum Rumnörgeln zwar nicht offiziell erfunden, trotzdem wie geschaffen dafür. Andererseits ist im nächsten Jahr Weltmeisterschaft, und aus multiplen Gründen wächst der Druck auf Medien und Bevölkerung, das gefälligst super zu finden. Was man tun kann. Nur: Die WM-Begeisterung in den Trailern der Rechteinhaber etwa ist jetzt schon nur schwer auszuhalten.

2. Es stimmt, dass die Bundesliga in der Spitze der internationalen Wettbewerbe nicht mehr mithalten kann. Grund ist primär die fehlende Wirtschaftskraft. Jene hängt erstens mit den vergleichsweise geringen Erlösen aus der TV-Verwertung zusammen und zweitens - man muss es zugeben - mit deren relativ solidarischer Verteilung.

Insofern wird das wichtigste Ziel des Bayern-Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge nicht die Titelverteidigung sein, sondern die Steigerung der TV-Erlöse von 300 auf mindestens 500 Millionen Euro sowie deren unsolidarische Umverteilung auf das Bayern-Konto.

3. Was ich eigentlich sagen will: Ich ging am Samstag ins Stadion, sah erstens ein mäßiges Spiel zweier mutmaßlich mittelklassiger Teams - und finde dennoch, dass die 43. Bundesligasaison eine sehr lohnenswerte werden kann. Wenn man ein paar essenzielle Tipps berücksichtigt. Vor allem die Unterscheidung von Inhalt und Oberfläche, von Fußball und Unterhaltung. Zum Beispiel könnte man...

1. Tipp: Giovanni Trapattoni differenziert betrachten.

Trapattoni, 66, seit kurzem Trainer des VfB Stuttgart, ist dem Anschein nach ein überaus sympathischer Mensch. Nachdenklich, witzig, charismatisch. Kein Fußballtrainer der Liga hat in 42 Jahren das Medium Fernsehen so sehr verstanden, so sehr bedient, aber auch benutzt wie Trapattoni. "Gute Tag, ich schon wieder da", sagte er zur Vorstellung in Stuttgart. Wer seinen Fußball kennt, weiß, dass das eine Drohung war. Aber die meisten Leute lieben ihn. Mindestens so sehr, wie er seine Frau liebt. Also nicht ganz so sehr wie Fußball.

Am Samstag hat ihn Premiere mit Wolfsburgs Manager Thomas Strunz zusammengeschaltet, einen ehemaligen Profi, der in der kollektiven Erinnerung hauptsächlich durch Trapattonis Wutrede gegen den moralisch und fachlich indiskutablen Fußballprofi ("Was erlauben Strunz?") weiterlebt. Strunz geht professionell lächelnd mit dem Thema um. Vielleicht ahnt er, dass er sonst überhaupt nicht erinnert würde, weil die Unterhaltung so viel stärker ist als das Sportliche.

Trapattoni lächelt auch und sagt: "Thomas war eine super gute Spieler." Er spricht jetzt überhaupt wunderbares Trapattoni-Deutsch, und ob sein Fußball isse scheiße, wissen und schmerzt letztlich nur die Leute, die ins Stadion gehen, um Fußball zu sehen. Marcel Reif etwa. Den "zynischsten Offensivvernichter aller Trainer", nannte ihn der Fernsehkommentator in einer Zeitungskolumne.

2. Tipp: Sylvie van der Vaart differenziert betrachten.

Sylvie van der Vaart, geborene Meis, nach Medienangaben 27, ist Niederländerin und die Frau des neuen HSV-Profis Rafael van der Vaart, 22. Das nur, falls jemand in den vergangenen Wochen auf dem Mond gelebt haben sollte. Die Begeisterung über van der Vaart (ich meine: Sylvie van der Vaart) reicht bis Harald Schmidt und ist nur noch mit jener über Trapattoni zu vergleichen. Zwar hat van der Vaart (ich meine: Sylvie van der Vaart) bisher nie eine Wutrede gehalten, zumindest nicht öffentlich, dafür ist sie blond und trägt eine Sonnenbrille.

Trainer Trapattoni: Das Medium Fernsehen gut bedient
AP

Trainer Trapattoni: Das Medium Fernsehen gut bedient

Wer jetzt fragt: Ja, Gott, was hat das mit Fußball zu tun? Der hat Recht, greift aber zu kurz. Sylvie van der Vaart ist Pop, ist Unterhaltung, ist Projektions- oder was auch immer -fläche. Und womöglich eine großartige Frau. Ein Fernsehkommentator sagte sinngemäß über ihren Mann: "Wenn er so gut spielt, wie sie aussieht, können wir uns freuen."

Erstens: Seit wann leben wir in einer Diktatur, in der alle langhaarige, nordische Blondinen gut finden müssen?

Zweitens: Selbst falls sie im Fernsehen "gut rüber kommt", wie die Kollegen sagen, bringt das den Fußball im Stadion nicht wirklich voran. Knallhart gesagt: Wäre Sylvie van der Vaart ein linker Bahnenspieler und könnte sämtliche Probleme des jeweiligen Lieblingsclubs lösen, würde sie der Fußballfreund interessant finden und bei entsprechenden Leistungen sicher auch lieben. Aber so?

3. Tipp: Die Überlegenheit des FC Bayern differenziert betrachten.

Es gibt den klassischen Irrtum, Spannung als Qualität misszuverstehen. Insofern, hieß es, sei die vorige Saison schlecht gewesen. Dabei war nur die Meisterschaftsfrage früh entschieden. Unsinn: Spannung gibt es auch in der Kreisliga B - wenn alle Teams gleich schlecht sind. Nein: Ein nationales Scheitern des FC Bayern wäre sicher ein Unterhaltungsspektakel, ist aber nicht nötig, um Fußballinteressierte zu beschäftigen.

Die Frage ist nicht, ob der FCB Meister wird (ja) oder die Champions League gewinnt (nein). Die interessanteste Frage ist, wie und wie erfolgreich Schalke Fußball spielt, in dem ersten Jahr, in dem Ralf Rangnick Einfluss auf die Personalplanung genommen hat.

Das Fazit: Ich werde in den kommenden Wochen jenseits der oberflächlichen Unterhaltung konsequent erörtern, wer in der Liga einen vernünftigen linken Bahnenspieler hat - und ob speziell Schalke noch einen bekommt oder bekommen sollte. Zur Klärung dieser fachlich dringend zu beantwortenden Frage beantrage ich ein Experten-Interview. Hm. Falls das hinhaut - mit Sylvie van der Vaart.



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