Bundesliga-Kommentar Viel Drang, aber kein Sturm

Der Karlsruher SC betreibt ein gefährliches Spiel. Im gefürchteten zweiten Bundesligajahr will der Club bislang ohne teure Verstärkungen und ohne echte Angreifer überleben. Jetzt ist man in schwerer Bedrängnis - und gewinnt überraschend gegen Bremen. Nur ein Versehen?

Von Rainer Schäfer


Vermutlich hat Karlsruhes Trainer Edmund Becker nicht mehr damit gerechnet, dass auf der Anzeigentafel im Wildparkstadion ein Tor angezeigt wird. Zumindest keines, das man seiner Mannschaft gut schreiben könnte. Denn Beckers KSC ist – neben Cottbus - der einzige Bundesligist, der Wochenende für Wochenende darauf verzichtet, eine wettbewerbsfähige Offensive aufzubieten. Allein Sebastian Freis wird dem Attribut Stürmer und dem damit verbundenen Anspruch gerecht, mit bislang fünf erzielten Treffern.

Die anderen Kollegen, die der KSC in der Sparte Angriff führt, sind motorisch begabte Profis, die keinen Laufweg scheuen. Aber Tore zu erzielen, zählt eben nicht zu ihren Stärken: Alexander Iashvili erzielte einen Saisontreffer, Christian Timm, Edmond Kapllani und Joshua Kennedy dagegen noch keinen. Der KSC hat in 16 Spielen gerade mal 15 Tore erzielt, nur sechs davon durch offensive Fachkräfte: Ein Qualitätsproblem, das auch nicht dadurch kompensiert werden kann, dass die KSC-Stürmer im modernen Fußball-Verständnis andere Aufgaben übernehmen, um das Spielsystem zu stabilisieren.

Als Timo Staffeldt, das Spiel neigte sich schon langsam dem Ende zu, den Ball scharf nach innen passte, war es mit Stefan Buck auch ein Abwehrspieler ohne größere Spielpraxis, der in der 83. Minute das entscheidende Tor gegen Werder Bremen erzielte. 1:0, und Ede Becker hat im Nebenwettbewerb auch noch das Duell der größten Stoiker unter den Bundesligatrainern gegen Thomas Schaaf gewonnen: Mit größtmöglichem Gleichmut stemmen sich die beiden Kahlköpfe gegen die Aufgeregtheiten der Liga. Aber während Becker mit minimalistischen Gesten auskam, verwandelte die dürftige Darbietung seines Teams Schaaf immer mal wieder in einen wütenden Eiferer. Becker dagegen nahm das regelmäßige Scheitern seiner Stürmer Freis und Kapllani routiniert zur Kenntnis: Hier mal ein leichtes Senken der Mundwinkel, da mal ein flüchtiger Griff an die Nase. Gelegentlich ein kurzes Schürfen am bartschattigen Kinn.

Nach nur einem Punkt aus den letzten neun Spielen hat der KSC mal wieder drei Zähler eingefahren und sich damit erst einmal aus den Abstiegsrängen geschoben. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Karlsruhe ein gefährliches Spiel betreibt: Es zeugt von einer gehörigen Portion Dickfelligkeit und einer masochistischen Veranlagung, auch in diesem Jahr auf einen Kader zu vertrauen, der nur bedingt bundesligatauglich ist.

In der vergangenen Saison noch zählte Aufsteiger KSC zu den angenehmen Überraschungen der Liga. Platz elf, von einer Überdosis Euphorie getragen, die vorhandene fußballerische Schwächen wettmachen konnte. Der angenehm unaufgeregte Ede Becker wurde als "Biotop-Trainer" bejubelt, ein Mann im Hinterland der Bundesliga, der aus wenigen Möglichkeiten viel herauskitzelt, solange man ihm freie Hand lässt. Becker ist Karlsruhe, so wie Schaaf Bremen ist, Jürgen Klopp früher Mainz und Volker Finke einmal Freiburg war. Und, nicht zu vergessen, lange Jahre war der KSC Winfried Schäfer und umgekehrt - durchaus ein Erfolgsmodell.

Becker ist im Gegensatz zum wuseligen Schäfer aber der sachliche Gestalter eines Teams, das ganz im Kollektivgedanken aufgeht und von viel Adrenalin lebt. Das Team hat keine Stars, der prominenteste Spieler ist Maik Franz - und der ist wegen seiner ruppigen Art, Fußball zu praktizieren, ein Anti-Star. Aber auch in Karlsruhe kennt man die zehn ungeschriebenen Gebote der Bundesliga. Eines lautet: Man muss im zweiten Bundesliga-Jahr noch wachsamer sein als im ersten, noch mehr Reizpunkte setzen, um Leistung zu stimulieren. Vor allem: Man darf sich keine groben Fehler leisten.

Dem KSC aber ist ein gravierender unterlaufen: Der Kader wurde kaum verändert, die Abgänge der Führungskräfte Tamás Hajnal und Mario Eggimann nicht gleichwertig ausgeglichen. Die Karlsruher Transferpolitik bleibt rätselhaft, auch wenn man um die begrenzten finanziellen Mittel weiß: Ausgerechnet vom verhassten Konkurrenten Stuttgart wurde Antonio da Silva als Hajnal-Ersatz verpflichtet. Der Brasilianer wurde bis vor kurzem von gegnerischen Fans freundlicher empfangen als von den eigenen. Man kann es fahrlässig finden, dass der KSC mit diesem Kader in die Saison gegangen ist. Der fehlende Konkurrenzkampf ist ein Dilemma, das Ede Becker jedes Wochenende spürt, das er aber nicht wegtrainieren kann.

Gegen Werder Bremen betrieb der KSC einen enormen Aufwand, oft fehlte im Abspiel die Präzision, im Abschluss die entscheidende Qualität. Aber das System KSC funktioniert noch, auch wenn das Biotop etwas aus dem ökologischen Gleichgewicht geraten ist. Es arbeitet antizyklisch gegen die Gesetzmäßigkeiten der Branche, so ist es Ede Becker und Manager Rolf Dohmen erst gelungen, den in die Regionalliga abgestürzten Club wieder nach oben zu katapultieren. Auch in der Krise arbeitet das Duo geräuschlos an Lösungen. In der Winterpause soll der Kader verstärkt werden, in der Rückrunde verteidigt wieder der verletzte Kapitän Maik Franz, ohne den zuletzt zwölf Gegentore gefallen sind. Es würde nicht verwundern, wenn der KSC in der Rückserie ein Lehrstück aufführte, wie man Fehler korrigiert und die Krise des zweiten Bundesliga-Jahrs meistert.

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