Bundesliga-Kommentar Wer hat Angst vor Christoph Daum?

Schalke, Hamburg, Dortmund, Köln: Die Liste der potentiellen Arbeitgeber für Christoph Daum ist lang. Dabei müssen die Bewerber einige Bedingungen erfüllen: Neben einem ordentlichen Konzept und Perspektive sollten sie kurzfristig erfolgloser sein als die Konkurrenz.


Die Zeit, da der Nürnberger Stürmer Marek Mintal den schönen Beinamen "Das Phantom" trug, ist längst vorbei. Ein Phantom ist eine "gespenstische Erscheinung", und in den ersten Herbstwochen, in denen Trainer ins Wanken geraten, und Clubführungen den Markt der arbeitslosen Übungsleiter sondieren, trifft diese Umschreibung auf keinen besser zu als auf den unsichtbaren und doch allgegenwärtigen Christoph Daum.

Arbeitsloser Trainer Daum: "Könnte sofort anfangen"
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Arbeitsloser Trainer Daum: "Könnte sofort anfangen"

Der achte Bundesligaspieltag liegt hinter uns, aber Daum, der im Sommer sein Engagement beim türkischen Vizemeister Fenerbahce Istanbul auf eigenen Wunsch beendete, sitzt immer noch daheim in seiner Villa in Köln-Hahnwald. Er wartet, schaut Fernsehen, gelegentlich meldet er sich über seine Hausmedien zu Wort und sagt Dinge wie, "wenn ein Angebot mit einem ordentlichen Konzept vorliegt, dann könnte ich sofort anfangen".

In den kommenden Tagen dürfte die Spannung noch einmal merklich steigen im Hause des 52-Jährigen. Denn erfahrungsgemäß ereignet sich zwischen der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals und dem 17. Spieltag die wildeste Phase des Stühlerückens in der Trainerbranche. Im vergangenen Jahr wechselten während dieser zehn Wochen sieben Fußballlehrer den Arbeitsplatz, doch wie soll das diesmal funktionieren? Es gibt – von Jürgen Klinsmann einmal abgesehen – in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit nur einen Trainer, der zu haben ist: Christoph Daum. Die "Bild"-Zeitung als Hauptbetreiberin von Daums Rückkehr in die Bundesliga fragte schon vor zwei Wochen: "Wer greift als erster zu?"

Das klingt wie eine neue, sonderbare Art des Wettstreites. Das Motto: Nur wer kurzfristig am erfolglosesten ist, hat die Möglichkeit, sich die langfristigen Dienste des "Heilsbringers" zu sichern. Schalkes Manager Andreas Müller erklärte jüngst, "es ist ein Problem, dass die "Bild"-Zeitung Daum gerne wieder in der Bundesliga haben möchte", und noch vorige Woche hörte ich einen befreundeten Schalke-Fan sagen, es schmerze zwar, aber Niederlagen gegen Hannover und am Dienstag beim Pokalspiel in Köln (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seien durchaus wünschenswert. Denn in dieser Saison – mit offenbar schwächelnden Bayern – hätte man nach einer Entlassung Slomkas und mit Daum echte Chancen auf den ganz großen unerfüllten Traum: die Meisterschaft. Was für ein wunderbares Spektakel wäre das auf Schalke, wo sie Aufregung mindestens ebenso dringend brauchen wie die Millionen von Gasprom.

Tiefe Sehnsucht nach Daum

Neben Schalke gilt auch der HSV als Interessent an Daum im Raum. Oder fehlt den Hamburgern etwa das Geld? Stuttgart war in den ersten Wochen auch ein heißer Kandidat, die scheinen sich aber zum Missfallen einiger Fans gefangen zu haben. Mittlerweile wird in Dortmund ebenfalls über Daum diskutiert, und was ist mit Wolfsburg oder Leverkusen? Sogar beim 1. FC Köln, wo Hanspeter Latour nach drei Spielen in Folge ohne Sieg langsam ins Zentrum der Kritik rückt, säuselt man wieder den großen Namen. Natürlich. Nur Mainz und Bochum im Keller der Tabelle haben wohl keine reelle Chance auf den Stuttgarter Meistertrainer von 1992. Dort fehlt die Perspektive, das "ordentliche Konzept".

Zur Person
Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
Daum muss sich sehr seltsam fühlen in dieser Situation, doch geschickt wie er ist, äußert er sich derzeit nicht ausführlich. Nur Bruchstücke des stets gleichen Inhalts sind zu vernehmen: "Ich bin bereit!" Es ist wohl eine einmalige Situation in der Bundesliga, der vermeintliche Supertrainer Daum hat all die üblichen Verdächtigen aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt. Berger, Neururer, Fach oder Köppel existieren kaum noch.

Zwar ist der frühere Leverkusener Daum auch nach seinem publicityträchtigen Engagement als Co-Trainer der Deutschen Nationalmannschaft für Menschen mit Behinderung moralisch nicht über alle Zweifel erhaben, doch die Bundesliga bleibt ein gigantisches Unterhaltungsspektakel, und in diesem Kontext verspüren viele Fans und – nicht zu vergessen – auch Journalisten, eine tiefe Sehnsucht nach Daum. Seinerzeit, am Ende des vergangenen Jahrtausends, hieß es stets, das Fußballgeschäft sei so furchtbar unehrlich, und Daum war mit seiner Kokainaffäre der überdimensionale Beweis für diese Behauptung. Heute trifft die These von der Unehrlichkeit wohl immer noch zu, doch das Schweigen der Protagonisten wurde derart professionalisiert, dass die Grauzonen des Geschäfts immer seltener zu Tage treten.

Das ist die Schwachstelle Daums. Ein gewichtiger Grund dafür, warum viele Sportdirektoren und Manager sich vor diesem Trainer fürchten, ist, dass er viel redet und so die mühsam errichteten Mauern des Schweigens ins Wanken bringen könnte. Einer, der auch nicht immer wieder die Wahrheit sagt, der aber dazu neigt, sich in Widersprüche zu verstricken. Und das ist gefährlich. Zumal Daum als Mann des Boulevard gilt. Andererseits war der Fußball, der unter Daums Regie zur Aufführung gebracht wurde, mit kaum zu glaubender Regelmäßigkeit von schlichter Brillanz. Überall wo er war, spielten seine Mannschaften offensiv, riskant und erfolgreich. Es wird Zeit, dass Daum nicht nur als Phantom zurückkehrt. Er fehlte der Bundesliga sehr. Man muss ihn ja nicht als Menschen mögen, schließlich geht es um das Spiel.

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