Ex-Bundesliga-Scout Mrosko Ein Fußball-Verrückter

Lars Mrosko hat in 15 Jahren als Scout und Spielerberater die Bundesliga kennengelernt - mit ihren schönen Seiten und mit ihren Verwerfungen. Seine Geschichte ist das Fußballbuch des Jahres.

Ehemaliger St.Pauli-Scout Mrosko: "Ich stehe zu allem"
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Ehemaliger St.Pauli-Scout Mrosko: "Ich stehe zu allem"

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Lars Mrosko ist Deutscher Meister geworden mit Bayern München, er ist Deutscher Meister geworden mit dem VfL Wolfsburg, er hat mit Felix Magath am Tisch gesessen. So einer müsste eigentlich eine große Nummer im deutschen Fußball sein.

Heute setzt sich Lars Mrosko jeden Morgen in einen Kleinbus, um behinderte Kinder zur Schule zu fahren und sie nachmittags wieder abzuholen.

Mrosko sagt: "Mir geht es zum ersten Mal seit Jahren richtig gut."

Lars Mrosko, geboren in Berlin-Neukölln, hat in seinen 38 Lebensjahren schon viele Sachen gemacht: Talentscout in der Bundesliga, Spielervermittler, Nachwuchscoach, als junger Kerl hat er sich mit dem Verkauf geklauter Spirituosen über Wasser gehalten, er hat mal Dachdecker gelernt. Seit ein paar Monaten ist er jetzt auch die Hauptfigur in einem Buch.

Mehr als 400 Seiten über ein Fußballleben

Der Journalist und Autor Ronald Reng hat den Fußball schon aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln angeguckt. Er hat das Leben von Nationaltorwart Robert Enke nacherzählt, er hat die Geschichte der Bundesliga anhand der Person des Trainers Heinz Höher aufgeschrieben. Wenn es so etwas wie einen Star der Fußballliteratur gibt, dann ist das Ronald Reng.

Ex-Wolfsburg-Star Dzeko: Von Mrosko entdeckt
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Ex-Wolfsburg-Star Dzeko: Von Mrosko entdeckt

Sein neuestes Buch "Mroskos Talente" erzählt das Leben von Lars Mrosko, und das ist so voll, dass es problemlos mehr als 400 Seiten füllt. "Der Stoff hätte noch für zehn weitere Bücher gereicht", sagt Mrosko. Er ist einer, der gerne erzählt. Und es gibt viel zu erzählen.

Lars Mrosko ist keine Berühmtheit im Fußball geworden, die meisten werden seinen Namen tatsächlich nie gehört haben, aber wer seine Geschichte liest, versteht den Fußball etwas besser. Über die Passion zu dem Sport und genauso über die Irrwege, die der Fußball über die Jahre genommen hat. "Mroskos Talente" ist das Fußballbuch des Jahres.

Stellvertretend für das Fußvolk der Branche

Dieser Lars Mrosko steht stellvertretend für die Leute, die den Fußballbetrieb am Laufen halten, auch wenn keiner über sie spricht. Das Fußvolk der Liga, Ordner, Betreuer, Scouts. Die sich für einen vergleichsweise lachhaften Lohn bei Wind und Wetter die Beine auf Fußballplätzen in den Bauch stehen. Den Ruhm ernten dann andere.

Der Berliner hat für den großen FC Bayern ebenso Talente gesucht wie für den FC St. Pauli, er ist sieben Jahre lang für den VfL Wolfsburg kreuz und quer durch Europa gehetzt, um irgendwo junge Spieler zu finden, die dann beim VfL zum Star aufsteigen sollen. So wie er mal einen jungen bosnischen Spieler in Tschechien entdeckt hat. Das unbekannte Talent hieß Edin Dzeko und stieg in Wolfsburg zum europäischen Stürmerstar auf. Dzekos Berater kassieren heute Unsummen, Mrosko hat davon nichts gesehen.

Immer unter Strom, immer im Maximaltempo. 18 Stunden auf der Autobahn, mit Koffeintabletten hat er sich wachgehalten. Abends in Moskau ein Spiel angeschaut, am nächsten Morgen zurück nach Berlin, sichten, was der Hertha-Nachwuchs macht, ab in den Flieger und sofort weiter nach Portugal, um dort zuzugucken. Normal.

"Ich bin nicht stolz auf ein paar Sachen"

Dass er immer Fußvolk geblieben ist, nie wirklich Karriere im Fußball gemacht hat, "das liegt auch daran, dass ich mir gerne selbst im Wege stand". Und dass er seinen Mund nicht halten konnte, wenn Schweigen wirklich mal besser gewesen wäre. Wie beim FC St. Pauli, wo er sich mit dem Präsidenten Corny Littmann anlegte und anschließend gehen durfte.

Oder wie bei der Sache mit Dieter Hoeneß, damals Wolfsburger Manager und einer, der sich für einen der Unverzichtbaren im deutschen Fußball gehalten hat, Widerspruch von Mitarbeitern war bei Hoeneß nicht vorgesehen. Als Mrosko eines Tages sein Büro in Wolfsburg leergeräumt vorfand, wollte er Hoeneß eigentlich nur fragen, was das denn zu bedeuten habe. Am Ende hätten sie sich um ein Haar geprügelt, und Mrosko war wieder einmal einen Job los. "Ich bin nicht stolz auf ein paar Sachen, aber ich stehe zu allem, was ich gemacht habe."

Manager Hoeneß: Mit Mrosko fast geprügelt
Bongarts/Getty Images

Manager Hoeneß: Mit Mrosko fast geprügelt

Als es als Scout nicht mehr klappte, versuchte er sich als Berater. Er kannte da ein paar Jungs aus Neukölln, talentierte junge Spieler mit Verbindungen in die Türkei, Und wieder kreuz und quer durch Europa. Klinkenputzen bei den Vereinen, ein paarmal stand er mit ihnen gar vor dem ganz großen Deal. Geklappt hat es nie. "Das Beratergeschäft habe ich ohne ausreichend Leidenschaft gemacht, und dann wird das auch nichts. Ich war damals noch zu sehr Scout," sagt er heute. Am Ende stand Mrosko wieder mit leeren Händen da, es ist keine Erfolgsstory, die Reng zu erzählen hat.

"Wenn ich egoistischer wäre, wäre ich vielleicht auch erfolgreicher gewesen," sagt Mrosko. Als er Berater war, beschäftigte er zwei Mitarbeiter, obwohl die eigentlich nichts zu tun hatten. Aber er brachte es nicht übers Herz, sie zu entlassen, und zahlte ihnen brav jeden Monat ihr Gehalt. Bis er selbst vor Schulden kaum noch gucken konnte.

Noch immer schwärmt er davon, wie es ist, "an der Seitenlinie zu stehen, den Rasen zu riechen". Der Fußball, in den sich der Junge aus Neukölln gleichermaßen verliebt und in dem er sich verirrt hat, ist "immer noch der Sport, der Menschen auf der ganzen Welt verbindet, mehr als alles andere". Und er hat den Profifußball als etwas kennengelernt, "wo diese Oberflächlichkeit abstoßend ist", sagt er: "Statt dem lieben Gott jeden Tag zu danken, was sie für einen tollen Job haben, sind dort einige arrogant, oberflächlich und abgehoben." Schließlich werde man "dadurch, dass man das Glück hat, in der Bundesliga mitzuwirken, noch nicht zu einem tollen Menschen".

Mrosko träumt trotzdem noch davon, mal "wieder ins Fußballgeschäft zurückzukehren", es lässt ihn nicht los. Seit das Buch im August herausgekommen ist, hat es ein paar lockere Gespräche mit einzelnen Vereinen gegeben. Konkret herausgekommen ist noch nichts, er sei derzeit noch "ein bisschen orientierungslos, welchen Weg ich im Leben gehen soll".

Aber wenn es nichts werden solle mit einer Rückkehr in den Profifußball in irgendeiner Funktion, dann "fahre ich halt bis zur Rente behinderte Kinder zur Schule, das ist auch ein toller Job".

Ronald Reng, Mroskos Talente - das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts. 416 Seiten, Piper Verlag, 2015



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
frank_w._abagnale 03.12.2015
1. Hintergründe.
Vielleicht sollte er mal erzählen, warum er damals den Job in Wolfsburg verloren hat. Dann wird einiges klarer....
lemmepors 03.12.2015
2. @1
Dann erzählen Sie es uns bitte!
aurichter 05.12.2015
3. @ 2
Vermutlich weil ein D.H. nach zwei Paragraphen den Laden dort geführt hat, ähnlich wie bei der Hertha. §1 Der Chef hat immer Recht - §2 Falls der Chef mal nicht Recht hat tritt automatisch §1 in Kraft !! Warum der ehemalige Sportdirektor Herr H. nicht mehr im Geschäft ist, sieht man an den zwei glorreichen Amtsgeschäften in Berlin und Wolfsburg.
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