Hertha-Trainer Jos Luhukay Der Berlin-Erzieher

Der Erstliga-Aufstieg von Hertha BSC hängt eng mit der Person des Trainers Jos Luhukay zusammen. Der Niederländer hat dem Verein und seinem Umfeld Bescheidenheit beigebracht. Auch jetzt macht der 50-Jährige klar, dass es nur um den Klassenverbleib geht.

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In Berlin wird derzeit mal wieder gefeiert. Das gehört zu den Dingen, die die Stadt am allerbesten kann. Der Anlass diesmal: Herthinho feiert Geburtstag. Das etwas täppische Maskottchen von Hertha BSC wird 14 Jahre alt, und das ist dem Verein eine eigene Pressemitteilung wert, verbunden mit dem Hinweis, dass Herthinho 2003 und 2004 die deutsche Maskottchen-Meisterschaft erringen konnte.

Es sind die einzigen Titel, die der Club seitdem geholt hat. Auch wenn sich das in absehbarer Zeit möglicherweise nicht ändert, da Hertha als Aufsteiger naturgemäß den Blick eher nach unten zu richten hat: In Berlin hat sich einiges getan seit dem vergangenen Jahr. Und verbunden ist das mit einem Mann, dem man gar nicht ansieht, wie viel er im Verein schon bewegt hat. Trainer Jos Luhukay gehört zu den unauffälligeren Vertretern seiner Zunft. Und er ist dennoch der starke Mann bei Hertha BSC.

Als Luhukay im Juli des Vorjahres sein Amt antrat, fand er einen Verein vor, der von tiefster Verunsicherung geprägt war. Eine katastrophale Saison lag hinter Hertha BSC, ein kabarettreifes Jahr mit den Bühnendarstellern Markus Babbel, Michael Skibbe, Otto Rehhagel und Michael Preetz, gipfelnd in der Relegation, als Fortuna Düsseldorf die Berliner in die Zweitklassigkeit schickte und der Platzsturm von Düsseldorf die Sportgerichte wochenlang vom Sommerurlaub abhielt.

"Lernen, dass Niederlagen dazugehören"

Ein Jahr später sitzt Jos Luhukay vor der Presse, am Samstag spielt das Team nach einem Rekordjahr in der zweiten Liga wieder im Fußball-Oberhaus, gegen Eintracht Frankfurt (Samstag 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist das Olympiastadion vermutlich mit mehr als 50.000 Zuschauern prächtig gefüllt, es gäbe allen Anlass zum Jubeln, und der Trainer sagt: "Es muss ein Umdenken stattfinden. Alle müssen lernen, dass Niederlagen wieder dazugehören."

Luhukay ist der Mann, der dem Hauptstadt-Club Bescheidenheit verordnet. Das hört man allerorten. Selbst der Manager Michael Preetz, bei dem man sich manchmal wundert, dass er all die Stürme der Vergangenheit im Amt überstanden hat, ist in den Hintergrund getreten. Luhukay ist der Mann der Stunde in Berlin.

Der 50-jährige Niederländer ist so etwas wie der Anti-Guardiola. Änderungen nimmt er mit Vorsicht vor, er ist keiner, der als erstes vieles umwirft, um dem Club zu beweisen, dass ein neuer Trainer auch alles neu machen muss. Luhukay wirkt eher nach innen. Er ist dabei allerdings ebenso durchsetzungsstark wie so mancher Kollege, der das auf offener Bühne austrägt.

In der Presse heißt er "der sanfte Diktator"

Die Kapitänsfrage hat er vor dem Saisonstart neu geregelt. Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger trägt jetzt die Binde. Dem arrivierten Peter Niemeyer, der in der Zweitliga-Saison das Team aufs Feld führte, hat er damit wehtun müssen. Aber wenn Luhukay von einer Maßnahme überzeugt ist, dann wird sie auch durchgezogen. "Der sanfte Diktator" ist er schon einmal in einer "Berliner Zeitung" genannt worden.

"Der Fußball wird nicht neu erfunden", hat der Trainer gesagt. Und man kann das bei ihm durchaus als programmatischen Satz verstehen. Experimentierfreudigkeit ist sicherlich nicht die erste Tugend, die einem im Zusammenhang mit Luhukay einfallen würde. Er arbeitet am liebsten mit Leuten zusammen, die er schon lange kennt, von denen er weiß, was er von ihnen erwarten kann.

Im Sommer verpflichtete er Alexander Baumjohann, Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh und Hajime Hosogai. Alle vier Akteure haben bei anderen Vereinen schon unter Luhukay trainiert. Sein Assistent Markus Gellhaus hat Luhukay mittlerweile bei vier verschiedenen Vereinen begleitet. Verlässlichkeit ist ein wichtiges Wort.

Mit dieser Art ist der Mann, der aus dem grenznahen Venlo stammt und schon als Kind seinen Blick auf den deutschen Fußball geworfen hatte, bisher gut gefahren. Borussia Mönchengladbach führte er in die Bundesliga zurück, mit dem FC Augsburg gelang ihm dasselbe, und mit Hertha BSC hat er jetzt seinen dritten Erstliga-Aufstieg hinter sich. In Augsburg hat er zudem seine Bundesliga-Tauglichkeit bewiesen, als er das limitierte Team dank einer starken Rückrunde zum Klassenverbleib führte.

Ähnliches hat er bei der Hertha vor - auch wenn einigen in Berlin das Ziel "Abstieg verhindern" schon wieder als zu gering vorkommt. Luhukay hat damit kein Problem. Die Politik der kleinen Schritte ist sein Prinzip. Dieses Jahr die Klasse erhalten, sich im nächsten Jahr dann in der Liga etablieren, im dritten Jahr lässt sich dann mal über Höheres nachdenken.

Geduld - das hat man in Berlin nie gelernt. Luhukay ist dabei, es dem Verein beizubringen.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
D_v_T 10.08.2013
1.
Zitat von sysopBongarts/Getty ImagesDer Erstliga-Aufstieg von Hertha BSC hängt eng mit der Person des Trainers Jos Luhukay zusammen. Der Niederländer hat dem Verein und seinem Umfeld Bescheidenheit beigebracht. Auch jetzt macht der 50-Jährige klar, dass es nur um den Klassenverbleib geht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-luhukay-ist-der-starke-mann-bei-hertha-bsc-a-915656.html
Das stimmt nicht ganz, denn sie sind Meister der 2. Bundesliga 2011 und 2013. Das sind zwar nur Alibi-Titel, wenn man bedenkt, dass davor der Abstieg stand, aber es sind doch Titel, und eine Schale gibt es auch!
WhereIsMyMoney 10.08.2013
2. optional
Witzig ist, dass Babbel gehen musste, während so ein Dilettant wie Preetz weiterhin bleiben darf. Die Berliner hatten ja jahrelang den Hoeneß am Hals, und jetzt also Preetz. Ich mag Luhukay, ich mag seine Art. Die Politik der langsamen Schritte ist der richtige Weg. Überraschend finde ich dass die Hertha in Berlin immer noch nicht sonderlich beliebt ist. 50.000 beim Eröffnungsspiel nach einem Jahr in der zweiten Liga erscheint mir zu wenig. Gerade bei so einer Großstadt wie Berlin.
2idane 10.08.2013
3. Wenn es in Berlin eine Konstante...
...gibt, dann ist es die Unerziehbarkeit dieses Vereins samt seines Umfeldes. Auch Luhukay wird das früher oder später merken müssen - er fängt ja gerade erst an mit seinen erzieherischen Bemühungen... Sobald die ersten 10 Punkte auf dem Konto sind, träumen gleich alle wieder von der CL.
tanzschule 10.08.2013
4.
Zitat von 2idane...gibt, dann ist es die Unerziehbarkeit dieses Vereins samt seines Umfeldes. Auch Luhukay wird das früher oder später merken müssen - er fängt ja gerade erst an mit seinen erzieherischen Bemühungen... Sobald die ersten 10 Punkte auf dem Konto sind, träumen gleich alle wieder von der CL.
die ersten 3 punkte sind eingefahren ,tabellenführer , cl . grüße aus berlin.
Mimimat 10.08.2013
5. ...
Zitat von D_v_TDas stimmt nicht ganz, denn sie sind Meister der 2. Bundesliga 2011 und 2013. Das sind zwar nur Alibi-Titel, wenn man bedenkt, dass davor der Abstieg stand, aber es sind doch Titel, und eine Schale gibt es auch!
Und den Ligapokal nicht zu vergessen, den sie vor einigen Jahren mal geholt haben. BTW.: Wenn es um richtig wichtige Titel geht, dann war da nix. In diesen Fällen wird regelmäßig buchstäblich versagt. Ich sage nur: DFB-Pokal
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