Bundesliga-Neustart bei Sky Mit Mundschutz, aber unterm Kinn

Berichterstatter und Verkäufer - der TV-Sender Sky ist beim Neustart der Bundesliga in einer Doppelrolle. So wird die Liveübertragung zu einer heiklen Angelegenheit.
Interviews mit Abstand - auch das ist neu bei Sky

Interviews mit Abstand - auch das ist neu bei Sky

Foto: Jan Woitas/ dpa

Mittendrin in diesem stundenlangen Fußballfernsehnachmittag, zwischen den Werbeclips für die Wettanbieter und den Trailern dazu, dass es jetzt wieder losgeht mit der Bundesliga, sagte Dietmar Hamann den Satz: "Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge." Das Bild ist ein klein bisschen schief, eigentlich müsste es "ein Ritt auf der Rasierklinge" heißen - aber davon abgesehen beschrieb der TV-Experte des Fußballfernsehsenders Sky die Situation damit ganz treffend.

Die Situation des Bundesliga-Neustarts, aber auch die Situation, wie Hamanns Sender Sky damit umgeht.

Schließlich war dieser Bundesligaspieltag ein ganz besonderer, ein heikler, ein Spieltag in der Corona-Zeit, ohne Publikum, mit Akteuren, die von der DFL wie in Watte gepackt sind, damit ihnen bloß nichts passiert. Ein Spieltag des Absonderlichen, für eine TV-Berichterstattung eigentlich ein gefundenes Fressen.

Konferenz als Tag der offenen Tür

Gleichzeitig jedoch ist die Bundesliga für Sky als Rechteinhaber eine Ware, eine sehr teure und wichtige dazu, so wertvoll, dass die Liga alle erdenklichen Verrenkungen unternommen hat, um als Gegenleistung für die Fernsehgelder den Spielbetrieb irgendwie wieder zum Laufen zu bringen. Eine Ware, die es daher gilt, möglichst bunt und schön zu verkaufen. Es ist der von Hamann angesprochene Tanz auf der Rasierklinge, den auch der Sender an diesem Samstag zu absolvieren hat.

Was schon damit anfängt, dass Sky seine Samstagskonferenz - das Herzstück seiner Berichterstattung - diesmal frei zugänglich fürs gesamte Fernsehvolk öffnete. Sonst sind Wolff-Christoph Fuss, Frank Buschmann und Kai Dittmann nur einem zahlenden Publikum zugänglich. Aber das hätte das Risiko erhöht, dass sich die Fußballgucker in Gruppen verabreden bei denjenigen, die über einen Sky-Account verfügen oder in den frisch wieder geöffneten Gaststätten vor der Fußballleinwand zusammengetroffen wären - das wäre in der Zeit des Kontaktverbots gar nicht gut angekommen.

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Die Geister, die der Fußball rief

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Also machte Sky die Konferenz zum Tag der offenen Tür. Im Vorfeld hatte man bereits als vermeintliches Schmankerl angekündigt, man werde eine Extratonspur anbieten, auf der Fangesänge und Jubelgeräusche über die Livebilder eingespielt werden könnten. Fangesänge hatte man auch von Sky selbst bereits vernommen: Der Sender hatte die Fortschritte der Gespräche zwischen Politik und DFL zum Neustart vor Wochen schon mit einer ganzseitigen Anzeige in der "Bild"-Zeitung begleitet, in der nur ein einziges Wort zu lesen gewesen war: ein lang gezogenes Jaaaaaaaaaaaaaaaaa. All das ließ nicht unbedingt Gutes erwarten.

Risiken werden nicht verschwiegen

Aber so schlimm kam es dann nicht. Natürlich, das eine oder andere "Endlich wieder Fußball" konnten sich Studiomoderator Michael Leopold und die Livekommentatoren nicht verkneifen, und die gesamte Sendung hatte man unter das Motto gestellt: "Welcome back", bebildert mit einem jubelnden Fußballer. Auch Kritikpunkte am Hygienekonzept der DFL wurden eher im Flüsterton angesprochen, und Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke durfte unwidersprochen poltern, dass "Politiker der zweiten und dritten Reihe sich am Fußball abgearbeitet haben".

DER SPIEGEL

Aber die Risiken, das Tönerne eines solchen Re-Start-Experiments, die Widerstände in der Bevölkerung - all das wurde zumindest nicht totgeschwiegen. Was beim Blick in die gähnend leeren Stadien allerdings auch nur schwer möglich gewesen wäre. Und eine solche Geschichte wie die des Augsburger Trainers Heiko Herrlich, der mit seinem leichtfertigen Gang in den Supermarkt zum Erwerb von Kosmetika mal eben das Quarantänekonzept über den Haufen wirft, ist einfach eine zu gute Story, als dass Sky sie sich entgehen lassen würde.

Wenn die Watzkes, Reuters und Labbadias beim Live-Interview vor dem Anpfiff nichts Eiligeres zu tun hatten, als ihre Mundschutzmasken loszuwerden oder wie Watzke unters Kinn zu klemmen, dann sah das nicht nur unfreiwillig komisch aus, sondern machte auch das Ambivalente der gesamten Vorsorgemaßnahmen visuell sehr hübsch deutlich. Eigentlich kann man die Liveübertragungen mit diesem Bild genauso beschreiben: mit Mundschutz, aber unterm Kinn.

Zudem gab es pointierte Sätze von Freiburgs Trainer Christian Streich: "Für mich ist das heute eines der erfreulichsten Bundesligaspiele meiner Karriere, da wir ganz unerwartet jetzt schon wieder unserem Job nachgehen können." So kann man es auch sehen.

"Auf dem Planet Corona"

Die Fan-Tonspur, wer so kühn war, sie auszuprobieren, war tatsächlich albern - wenn beim Stand von 0:3 im Revierderby noch "Schalke, Schalke"-Rufe eingespielt wurden. So werden Fußballspiele ohne Publikum - "hier im Stadion hallt es gerade ganz massiv" - erst recht zu einem Theaterstück. Im Sinne von Samuel Beckett.

Was aber nicht heißt, dass sich im Lauf des Nachmittags nicht auch die Momente des Normalen einschlichen. Wenn Wolff Fuss gleich in der ersten Minute der Kommentierung seine Wortkavalkaden raushaute - "Willkommen auf dem Planet Corona", "das Spiel kehrt zurück zu seiner ursprünglichen Form, auf einer grünen Wiese", "heute wird Bundesligageschichte geschrieben" - und Jürgen Klopp als omnipräsentes Werbegesicht durch die Einblendungen geisterte, dann hatte selbst dieser merkwürdige Spieltag seine Augenblicke des Bewährten. Das, was man von Sky kennt.

Nach dem Abpfiff wird Schalke-Boss Clemens Tönnies live zugeschaltet. Noch acht Spieltage.

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