Leipzigs Péter Gulácsi Einer der besten Torhüter Europas - und niemand merkt's

Péter Gulácsi steigerte sich in Leipzig von Jahr zu Jahr zu einem absoluten Toptorwart. Öffentliche Anerkennung bekam der Ungar trotzdem kaum. Zeit, das zu ändern - und die richtigen Statistiken zu verwenden.
Stoßgebete benötigt Péter Gulácsi in der Regel nicht: Er ist einer der besten Torhüter Europas

Stoßgebete benötigt Péter Gulácsi in der Regel nicht: Er ist einer der besten Torhüter Europas

Foto: UWE ANSPACH/ AFP

Es ist fast ironisch, dass Péter Gulácsi in der breiten Öffentlichkeit erst durch eine Aktion wahrgenommen wurde, die gar nicht zu seinen Stärken zählt. Gegen den 1. FC Köln bereitete der Leipziger Torhüter durch einen weiten Abschlag bereits das zweite Tor in dieser Saison vor, als er Timo Werner nach einer abgefangenen Freistoßflanke mit einem weiten Abschlag aus der Hand bediente.

Plötzlich war Gulácsi der Vorbereiter, der ultramoderne Torhüter, der bei Bundesliga-Assists sogar das DFB-Aushängeschild Manuel Neuer abhängt. Dabei machen ihn, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, andere Fähigkeiten zum vielleicht besten Torhüter der Bundesliga - auch in dieser Saison.

Die Fachwelt hat der Ungar längst auf seiner Seite. DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke bezeichnete ihn im "Kicker" einmal als den "am meisten unterschätzten Torwart der Bundesliga". Eine Redaktionsauswahl des britischen "FourFourTwo"-Magazins  führt Gulácsi auf Rang sechs der weltbesten Torhüter, zwei Plätze vor Neuer.

Das Problem der Statistik

Gulácsi hatte bisher das Problem, dass sich Fans und Journalisten mit rohen Statistiken behelfen, wenn sie mit einer gewissen Disziplin wie dem Torwartspiel nicht vertraut sind. Die Zahlen von Torhütern sind aber sehr oft nicht repräsentativ, meist wird sich auf prozentual gehaltene Bälle beschränkt. So kann ein Keeper drei schwache, zentrale Schüsse parieren und weist die gleichen Werte auf wie ein Torhüter, der drei Eins-gegen-eins-Situationen spektakulär abwehrt. Sogar auf der offiziellen Website der Bundesliga ist lediglich die Torhüterstatistik der absolut gehaltenen Bälle aufgeführt. Gulácsi liegt hier auf Rang acht, hinter Torhütern wie Werders Jiri Pavlenka oder Paderborns Leopold Zingerle, die zusammen fast viermal so viele Tore kassierten.

Ungarische Flugstunde: Péter Gulácsi hat fast keine Schwächen

Ungarische Flugstunde: Péter Gulácsi hat fast keine Schwächen

Foto:

SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Dass Gulácsi zu wenig Beachtung erhält, liegt aber auch daran, dass er die Antithese zum Leipziger System ist. Anders als die meisten seiner Teamkollegen kam er nicht als junges Supertalent nach Leipzig. Früh in seiner Karriere wechselte Gulácsi aus Budapest zum FC Liverpool, dort blieb er ohne Pflichtspiel und wurde stattdessen nach Hereford, Tranmere und Hull verliehen. Der längere Anlauf in die europäischen Topligen führte ihn über Leipzigs Schwesterklub in Salzburg, von wo er 2015 zu Leipzig in die zweite Liga wechselte.

Eine halbjährige Eingewöhnungsphase brauchte Gulácsi, seitdem ist er Stammtorhüter bei RB. Dort, wo das größte Transferminus der Liga zu Hause ist und Red Bull en passant hundert Millionen Euro Schulden erlässt. Wo Geld also weniger ein Problem ist.

Die Leipziger haben versucht, Gulácsi durch einen jungen, hochveranlagten Torhüter zu ersetzen. Mit Marius Müller und Yvon Mvogo verpflichtete der Klub nach dem Bundesliga-Aufstieg zwei Junioren-Nationalspieler für Millionenbeträge, doch im Tor blieb stets Gulácsi. Müller ist inzwischen weitergezogen, Mvogo will wohl im Sommer gehen.

Ein Chamäleon im Tor

Das Problem der beiden: Gulácsi ähnelt einem Chamäleon. Der 30-Jährige passt sich seiner Umgebung jedes Jahr meisterhaft an: an das höhere Niveau der neuen, hochtalentierten Spieler seines Teams. Immer wirkt es so, als sei er ein natürlicher Teil des Ganzen.

Gulácsis Entwicklung in den vergangenen Jahren ist herausragend, sukzessiv änderte er Details seines Spiels, die ihn in der Bundesliga immer weiter nach oben in der Rangliste der Besten brachten. Besonders Gulácsis Leistungssprung von der Saison 2017/2018 zur Saison 2018/2019 ist bemerkenswert: Die Gegentoranzahl der Leipziger halbierte sich fast von 53 auf 29. Dabei ist vor allem die Statistik der sogenannten Expected Goals aussagekräftig.

Diese Statistik zeigt anhand von historischen Daten auf, wie wahrscheinlich ein Torerfolg aus der jeweiligen Abschlussposition ist. 2017/2018 lag die Zahl der kassierten Expected Goals bei den Leipzigern bei rund 47, also um fünf niedriger als die tatsächliche Gegentorzahl. 2018/2019 lag die Zahl der kassierten Expected Goals hingegen bei knapp 40, demnach verhinderte Leipzig mehr als zehn statistische Gegentore. Gulácsi spielte eine herausragende Saison.

In nahezu jeder torwartspezifischen Disziplin verbesserte er sich seit seinem Bundesliga-Debüt im Jahr 2016:

  • Das hatte unter anderem Auswirkungen auf sein Auftreten in Eins-gegen-eins-Situationen: Bei einem allein auf das Tor zulaufenden Spieler neigen Torhüter dazu, dem Gegenspieler offensiv entgegenzugehen. Dadurch wird der Stürmer zwar zu einer schnelleren Entscheidung gezwungen und unter großen Druck gesetzt, es macht die Torhüter aber dafür auch anfällig, umlaufen zu werden. Stürmer können den Ball relativ einfach vorbeilegen, weil zwischen Torhüter und Torlinie ausreichend Raum ist. In seinen ersten Jahren in der Bundesliga stürmte Gulácsi oft selbstbewusst, aber teilweise etwas ungestüm aus seinem Tor. Inzwischen agiert er klüger, lässt sich in direkten Duellen situativ fallen, um bei einem Abschluss eine möglichst große Distanz zum Schützen zu erreichen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er einen Schussversuch pariert.

  • Auch Gulácsis Stellungsspiel änderte sich mit den Jahren. Früher stapfte er in kritischen Situationen mit dem gesamten Fuß auf dem Rasen, dadurch bedingt war eine passive Grundstellung. Inzwischen tänzelt Gulácsi vor gegnerischen Abschlüssen auf den Fußballen, als trüge er High Heels. Dadurch ist der Abstand zwischen den kleinen Sprüngen auf der Stelle deutlich kürzer, vor einem Abschluss erreicht er schneller die Grundposition, die sein Körper für einen Reflex benötigt.

  • Trotz einer Körpergröße von 1,90 Metern hatte Gulácsi in der Strafraumbeherrschung zu Beginn seiner Zeit in der Bundesliga noch Probleme. Teilweise benötigte er zu viel Zeit für die Entscheidungsfindung und blieb dann meist auf der Linie, statt einen Ball durch den Fünfmeterraum abzuwehren. Inzwischen ist er aber sowohl bei hohen Bällen in den Strafraum als auch beim Herauslaufen couragiert und auch sicher. Gulácsi ist sehr spielintelligent, nur äußerst selten geht er ein zu großes Risiko ein. Sein Timing ist hervorragend.

Zwar verbesserte Gulácsi zudem sein Spiel mit dem Fuß, seine Stärken hat er aber woanders. Bei seiner Torvorbereitung im Spiel gegen Köln zeigte er lediglich, wie schnell er im Kopf ist: Weil die Kölner nicht gegen den furchtbar schnellen Werner absicherten, schlug Gulácsi den Ball wenig anspruchsvoll, aber umso effektiver in die gegnerische Hälfte.

Gulácsi hat in der Strafraumbeherrschung ein starkes Timing

Gulácsi hat in der Strafraumbeherrschung ein starkes Timing

Foto: R.Petzsche/ imago images / Picture Point LE

Nur Alisson und Szczesny besser

Gulácsi deswegen zu einem halben Marc-André ter Stegen zu stilisieren, der neben Ederson von Manchester City der beste mitspielende Torhüter Europas ist, wäre falsch. Wohl aber darf man Gulácsis restliche Torwartfähigkeiten auf einem ähnlichen Niveau verorten.

In einem Versuch, Torhüterstatistiken objektiver darzustellen, analysierte das Portal "Stats Perform"  bis zur Coronakrise die Leistungen der Spieler anhand der Expected Goals. Das Portal wandte die Daten auf abgewehrte Bälle an und bewertete die Torhüter dahingehend anhand der sogenannten Prevented Expected Goals, also der verhinderten erwartbaren Tore.

Gulácsi führte diese Statistik in der Bundesliga vor Yann Sommer von Borussia Mönchengladbach an, übrigens tat er das auch schon zum Ende der vergangenen Saison. Europaweit waren vor der Corona-Pause nur zwei Torhüter besser: Liverpools Alisson Becker und Wojciech Szczesny von Juventus.

Péter Gulácsi ist zu einem der besten Torhüter Europas geworden. Und kaum jemand hat es mitbekommen.

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