Bundesliga-Presseschau "Ein Misstrauensvotum gegen den Bayern-Kader"

Mark van Bommel soll dem FC Bayern zu altem Glanz verhelfen. Ob dies gelingt, darüber ist sich die schreibende Zunft uneinig. Eindeutiger fällt die Bewertung von Peter Neururers Arbeit als Bundesliga-Trainer aus. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.


Aus den Sportseiten vieler deutscher Zeitungen trieft heute Häme gegen Peter Neururer, der Hannover 96 ans Tabellenende der Liga geführt hat. Die ersten zehn Spiele hat das Team unter ihm übrigens nicht verloren – die typische Halbwertzeit Neururerscher Arbeit, findet Jörg Marwedel (SZ): "So wie in Hannover ist es dem streitbaren Coach fast überall ergangen auf seinen mittlerweile dreizehn Trainerstationen. Ein bisschen Euphorie am Anfang, danach ein fataler Absturz und das vorzeitige Ende des Dienstverhältnisses."

Jan Christian Müller (FR) legt dem Clubchef der 96er, Martin Kind, die Entlassung Neururers nahe: "Kind, der als großzügiger Mäzen bereits zwischen fünf und acht Millionen Euro aus seinem Privatvermögen in den Club investiert hat, ärgert es maßlos, dass Neururer und Manager Kaenzig es in ihrer fast zwei Jahren währenden gemeinsamen Dienstzeit nicht annähernd geschafft haben, Vertrauen zueinander aufzubauen. Nur ein solches Miteinander – vorgelebt von den Kollegen Allofs/Schaaf und Beiersdorfer/Doll – wäre aber die Grundlage für ein langfristiges erfolgreiches Arbeiten. Da Kaenzig und Neururer zudem auch im Kreis der Profis nicht über die notwendige Anerkennung verfügen, bliebe Kind bei konsequenter Betrachtung nur die große Lösung: ein Neuanfang mit neuen Leuten."

Achim Lierchert (FAZ) hört Hannovers Spatzen pfeifen: "Der Abschied vom 96-Cheftrainer zögert sich nach den Eindrücken vom Sonntag vielleicht nur um ein paar Tage hinaus."

Bayern kauft Mark van Bommel, und die Journalisten rufen ihnen ein "Sieh an!" entgegen. Im Gedächtnis ist noch die großspurige Ankündigung Uli Hoeneß' und Karl-Heinz Rummenigges, die Lücke Ballack mit eigenen Kräften zu schließen (eine Zeit lang hieß es sogar trotzig: "Welche Lücke?"). Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) zieht die Lehre aus dem 0:0 gegen Nürnberg: "Mit van Bommels Einkauf ist das blauäugige Experiment des FC Bayern, einen dominierenden Mittelfeldchef binnen eines Jahres aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, schnell eingestampft worden.

Dass der Über-Nacht-Transfer die Folge einer verfehlten Personalpolitik war, ist ein Tabuthema beim FC Bayern – auch wenn es nochmals überdeutlich sichtbar geworden ist: In den ersten 45 Minuten brachten die Bayern nichts Fruchtbares zu Wege, erst mit der Einwechslung des fast schon 36-jährigen Mehmet Scholl kam Schwung ins Geschehen." Klaus Hoeltzenbein (SZ) fügt an: "Der Transfer ist auch ein Misstrauensvotum gegen den aktuellen Kader."

Die Qualität des Holländers bewerten die Experten uneinheitlich. "Die Bayern holen den Ersatzspieler des FC Barcelona", wirft Michael Horeni (FAS) süffisant ein: "van Bommel war schon länger der Wunschkandidat der Münchner, die nach den ersten Saisonwochen erkennen mussten, dass das Ballack-Vakuum weit größer war, als sie lange glauben machen wollten. Man wird van Bommel und den Bayern jedoch kaum zu nahe treten, wenn man feststellt, dass die besten Zeiten hinter dem niederländischen Spielmacher liegen." Hoeltzenbein jedoch hält große Dinge auf van Bommel: "Was in Barcelona nicht passt und auch bei Nationaltrainer Marco van Basten nicht in Mode ist, könnte für den FC Bayern eine gute Lösung sein. Der Neue ist eine typische Nummer 8, ein Treibauf im Mittelfeld, einer, der die langen Pässe schlägt, hinterher geht, und sie am liebsten selbst per Kopfball ins Netz stößt."

Florian Haupt (Welt) klagt über das Pharisäertum der Bayern: "Sie tricksen sich durch die Transferperiode, wie es all jene tun, die sie so gern kritisieren: die bösen Italiener und Spanier zum Beispiel. Oder die Engländer von Manchester United, die Owen Hargreaves aus seinem Vertrag bei Bayern kaufen wollen. Nichts anderes machen die Münchner seit Jahren in der Bundesliga. Das ist in Ordnung, so ist das Geschäft. Nur haben all die Italiener, Spanier und Engländer den unschätzbaren Vorteil, dass sie der Öffentlichkeit nicht dauernd mit erhobenem Zeigefinger auf die Nerven gehen."



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