Bundesliga-Presseschau "Hertha ist ein Reich der Duckmäuser"

Hertha BSC hat sich von Trainer Falko Götz getrennt, für die Sportpresse in der Hauptstadt ist allerdings ein ganz anderer Schuld an der Krise beim Bundesligisten. Für Gesprächsstoff sorgt auch ein Schiedsrichterpfiff. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.


Michael Kölmel (Berliner Zeitung) erneuert seine Bedenken gegen die Allmacht Dieter Hoeneß' in Berlin: "Die Mannschaft zerfällt in Einzelteile. Und was macht der Hauptstadtverein? Er schaut auf Hoeneß, den Mann, der die Beute der fetten Jahre mit unsinnigen Verpflichtungen verpulverte und Hertha so zu Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 50 Millionen Euro führte. Jenen Mann, der stets Siegermentalität fordert, aber niemanden neben sich duldet. Wahre Helden wären notwendig, um Hoeneß die Stirn zu bieten, aber daran mangelt es. Der Club ist ein Reich der Duckmäuser, die lieber die Gefahr des Abstiegs in Kauf nehmen, als es sich mit dem Allmächtigen zu verscherzen. Brav folgen alle von ganz allein. Und so lange das so ist, hat das Reich Hertha auch nichts Besseres verdient."

Volker Kreisl (SZ) verzichtet angesichts der Spannung und der Unvorhersehbarkeit im Titel- und Abstiegskampf auf die üblichen Prognosen: "Sollte jemand nach dem Restprogramm der Abstiegsgefährdeten suchen, dann kann er gleich aufhören. Das liegt nicht daran, dass die Zeitung keinen Platz hätte für zwölf Mannschaften à sechs Gegner. Es ist eher so, dass das Vergnügen, über die Chancen, den Absturz oder den Durchmarsch irgendwelcher Vereine zu spekulieren, diesmal ausfällt. Es gibt unüberschaubar viele Möglichkeiten und viel zu viele Faktoren, sogar Gladbach könnte ja noch die Klasse halten – man bekäme Kopfweh vom Restprogramm."

Die Szene des Spieltags: Miroslav Klose, auf dem Weg zum Tor, wird von Schiedsrichter Weiners Schlusspfiff gebremst. Holger Gertz (SZ) kann nicht ausschließen, dass es sich um eine Schutzmaßnahme gehandelt haben könnte: "Klose legte am Ende seine Hände um den Kopf des Schiedsrichters, wie man es bei einem Kind macht, das eine Dummheit begangen hat. Regeltechnisch okay war das sicher nicht, aber Weiner ließ es noch mal durchgehen.

Es ist alles eine Frage der Perspektive: Hat jetzt Weiner dem Stürmer durch seinen brutalen Pfiff tatsächlich das Tor geklaut? Oder hat Weiner durch seinen gnädigen Pfiff sogar Schlimmeres verhindert? Dass nämlich Klose mit dem Ball aufs leere Tor zurennt, aber dann nicht trifft, weil er a) ins Stolpern gerät, b) den Ball Frank-Mill-mäßig an den Pfosten tritt oder c) ein Maulwurf sich auf der Torlinie ans Tageslicht buddelt, von dessen Kopf der Ball ins Aus trudelt. Speziell die dritte Möglichkeit scheint, bei Kloses derzeitigem Verhältnis zum Glück, nicht ausgeschlossen."

Oskar Beck (Welt am Sonntag) erkennt in diesem Pfiff den deutschen Amtsschimmel: "Klose ist sich vorgekommen wie ein Autofahrer, dem ein Polizist eröffnet, dass er das Tempolimit um 0,5 Stundenkilometer überschritten hat – und bedauernd einen Strafzettel ausstellt. Weiner ist, wir ahnen es, im richtigen Leben Polizist. Und wie das mit Polizisten in Schiedsrichterkluft nun mal so ist: Sie haben ihre Vorschriften – und kennen weder Verwandte noch den kriselnden Klose, wenn es um die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung geht."

Frank Heike (FAZ) nennt die Stärken des VfB Stuttgart: "Natürlich wissen die Stuttgarter spätestens seit dem 4:1 gegen Werder Bremen, dass sie an guten Tagen das derzeit spielstärkste Team der Liga sind und mit den großen Dreien gut mithalten können. Das 4:2 beim HSV, das ohne Nachlässigkeiten zum Schluss ein 5:0 geworden wäre, unterstrich die Klasse dieses Teams mit seiner guten Mischung aus Jung und Alt. Es ist eine Mannschaft im modernen taktischen Gewand, in der das Umschalten von Abwehr auf Angriff so schnell gelingt, dass der HSV langsam wie eine Altherrentruppe wirkte."

Über die Gefahren der Hamburger Mentalität schreibt er: "In Hamburg ist das so: Zwei Siege nacheinander genügen für große Erwartungen, obwohl doch gerade noch der Abstieg besiegelt schien. Huub Stevens wird sich daran gewöhnen müssen und wie alle Vorgänger den langen Kampf gegen die bekannte Selbstzufriedenheit beim HSV aufnehmen."



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