Bundesliga-Presseschau "Nie war Kuranyi so gut wie heute"

Der unbeschwert aufspielende VfB Stuttgart sorgt weiter für Gesprächsstoff in den deutschen Gazetten - ebenso ein groß aufspielender Schalker Stürmer. Gestaunt wird über die hängenden Köpfe in Mainz. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.


Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) schildert den Statusgewinn Kevin Kuranyis und seine Bedeutung für Schalkes Aufschwung: "In Schalke ist der jahrelang nicht erwartbare Zustand eingetreten, dass Kuranyi unersetzlich geworden ist, was nicht nur daran liegt, daß er regelmäßig die wichtigen Tore schießt. Nie war Kuranyi so gut wie heute, das steht fest. Aber es hat auch noch nie einen Kuranyi wie den heutigen gegeben: Sein Wert bemisst sich nicht nur in seinen Toren (bisher 15) und Torvorlagen (11), sondern ebenso in seinem inspirierenden Engagement als kämpferischer Spieler (und Ballräuber) und seiner moralischen Wirkung als verbaler Antreiber. Kuranyi war wegen seines Charmes immer schon beliebt in seinen Teams, aber nie haben seine Mitspieler und Vorgesetzten mit so viel Achtung von ihm gesprochen."

Torschütze Kuranyi: Moralische Wirkung als verbaler Antreiber
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Torschütze Kuranyi: Moralische Wirkung als verbaler Antreiber

Oliver Trust (Tagesspiegel) nennt die Schlüssel des Stuttgarter Erfolgs: "Anders als bei Bayern oder Werder muß sich in Stuttgart keiner um den Betriebsfrieden sorgen. Keine der Stammkräfte will weg, die Verträge der Schlüsselspieler sind verlängert. Und schließlich ließ es sich bislang mit Leidenschaft und Tempofußball prächtig leben im Windschatten der Platzhirsche. Eine Mischung aus Spiellust, Konzentration, Selbstvertrauen und Unbekümmertheit entfaltet die Kraft der Mannschaft." Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) beschreibt eine blühende Fußballlandschaft: "Der VfB ist der Tip im Roulette um die deutsche Meisterschaft. Nach einer WM, die von schwäbischer Innovation geprägt war, erscheint die neue schwäbische Fußballherrlichkeit wie eine nationale Entsprechung. Und ist es mit Ralf Rangnick nicht auch ein Schwabe, der jetzt die TSG Hoffenheim aus dem Kraichgau in die Zweite Bundesliga geführt hat? Die Mission begann im Kriechgang. Rangnick war in der Frühphase der Saison ähnlich kritisch gemustert worden wie Armin Veh. Wir können alles außer Hochdeutsch, heißt es in der Werbekampagne des Musterländles. Wir können auch deutscher Meister werden, könnte es demnächst heißen."

"Wenn die Spieler die ganze Woche lesen, dass sie fehl am Platze sind, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn nicht bis zum letzten Blutstropfen gekämpft wird." Dieser Satz von Uli Hoeneß bewegt Klaus Hoeltzenbein (SZ) zu einem verärgerten Vergleich zwischen Fußball und Bühnenkunst: "Es wäre am Residenztheater kaum vorstellbar, dass sich nach Spielende der Intendant vor den Vorhang schiebt: Nun gut, verehrtes Publikum, Sie werden's gemerkt haben, unsere Magd war fahrig, sie ist in Gedanken schon am Thalia in Hamburg; der Bauer hat gestottert, aber, ich sag's Ihnen im Vertrauen, er wechselt an die Volksbühne Berlin; und unser Großknecht, der Wastl, bitte, haben Sie Verständnis: Trennungsschmerz, sehr unentschlossen, der Gute, ob Düsseldorf, Bochum, oder doch lieber das Ausland, Zürich, vielleicht ... Nur Buhs, keine Bravos – und die Kritiker würden mit ihren Spiralblöcken auf den Intendanten zielen. Sehr wohl lassen sich Theater und Fußball vergleichen. Beide wetteifern um die Gunst des Publikums, nur lässt sich dieses im Fußball mehr gefallen."

Jan Christian Müller (FR) schaut sich zwei Stars aus Frankfurt und Aachen genauer an: "Aachen verlor in Frankfurt 0:4. Albert Streit hatte gewonnen – und Jan Schlaudraff hatte gewonnen. Denn jeder hatte gesehen, dass der bis Mitte der Rückrunde zwischenzeitlich erreichte Tabellenplatz dieses Unterdurchschnittsteams weit weg von den Abstiegsrängen vor allem dank seines außergewöhnlichen individuellen Könnens erreicht worden war. Schlaudraff wird nächste Saison mit den Bayern um den Titel spielen, Streit bei Schalke 04. Aachens Trainer Michael Frontzeck aber muss seine Demission trotz laufenden Vertrags auch für die zweite Liga noch viel mehr ins Kalkül ziehen als Friedhelm Funkel selbst im Fall des Klassenerhalts."

Christof Kneer (SZ) staunt enttäuscht über die hängenden Köpfe in Mainz: "Abgestiegen sind die Mainzer noch nicht, aber es kommt ihnen so vor. 'Wir stellen uns schon mal darauf ein, dass wir in die zweite Liga gehen', sagt Präsident Strutz, der einen 'gefühlten Abstieg' diagnostiziert. Das klingt einerseits realistisch und andererseits doch erstaunlich für einen Klub, der sich in den letzten drei Jahren einen Sport daraus gemacht hatte, das Schicksal auf Linie zu zwingen. Jene Chance, die sie nie hatten, haben die Mainzer von Anfang an eindrucksvoll genutzt, sie haben den Besserverdienern ihre Überzeugung und ein schlaues Spielsystem entgegengehalten – am Ende des dritten Erstligajahres aber wird man das Gefühl nicht los, als sei Klopps Glaubensgemeinschaft vom Glauben abgefallen. Die Überzeugungstäter haben ihre Überzeugung verloren."



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