Bundesliga-Presseschau Wir sind Italien

Die Bundesliga ist lernfähig. Das ist das Fazit so mancher Zeitung nach der Hinrunde. Weniger Jubel-Fußball, dafür italienisch angehaucht. Dazu Lob für zwei erfolglose Trainer und eine Warnung an das Führungsduo. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in Blätterwald.


Klaus Hoeltzenbein (SZ) erwidert zum Teil die landauf, landab übliche Kritik am Niveau der Bundesliga: "Sie ist gar nicht so doof, diese Liga, sie hat gemerkt, dass der Klinsmann'sche Jubelfußball nicht alltagstauglich ist – kein Verein hat immer nur Heimspiele wie ein Nationalteam bei einer Heim-WM. Weil aber die Bundesliga in Kontrast zum Party-Sommer gesetzt wird, heißt es jetzt, die Hinrunde sei eine Enttäuschung gewesen. Das stimmt, wenn allein Offensivfußball glücklich macht. Das stimmt nicht, wenn auch andere Kriterien zählen. Es hat im Sommer ja zwei Weltmeisterschaften gegeben, die eine der Deutschen, und die andere für den Rest der Welt. Die WM der Restwelt, besonders die von Weltmeister Italien, war emotionsärmer, manchmal zynischer und kalkulierter in der Torverhinderung. Und ausgerechnet von diesem Schwung, der Italien ins Finale führte, scheinen viele Bundesligisten etwas mehr mitgenommen zu haben. Ein Klein-Italien ist in der Liga entstanden, besonders im Mittelbau, dort wo Nürnberg, Hannover, Wolfsburg, Bochum, Frankfurt, Bielefeld oder Cottbus wohnen."

Michael Horeni (FAZ) weist erleichtert darauf hin, dass Thomas Doll und Jürgen Klopp trotz allen Misserfolgs nicht entscheidend an Reputation eingebüßt hätten: "Es ist in beiden Fällen ein nicht geringer Fortschritt, dass Klopps und Dolls Qualitäten in der Liga und in den Medien auch nach düsteren Bilanzen nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen werden, so wie das vor einigen Jahren noch 'Fußball-Professor' Rangnick widerfuhr. In Doll und Klopp sind in der Vorrunde ganz einfach zwei Trainer mit ihren Teams gescheitert – aber nicht mehr Trainer mit neuen Systemen. Das ist ein Zeichen von Normalität, das der Bundesliga nur gut tun kann."

Philipp Selldorf (SZ) berichtet über das Spiel zwischen Aachen und Hamburg mit offenem Mund: "Dieses im Dauerregen ausgetragene, von taktischen Hemmungen befreite Spiel steht unter Verdacht, einen Torrekordversuch angestrengt zu haben, der bloß daran scheiterte, dass die Spieler auf beiden Seiten oft von rasender Hektik befallen wurden, wenn sie sich Richtung Tor aufmachten. Am Ende war das Ergebnis genauso schräg wie das Spiel zuvor: Der ruhmreiche HSV verlor beim Aufsteiger Aachen 3:3.“ Bernd Müllender (FR) leidet mit dem HSV: „Das war wie ein Stich ins Herz des HSV, ein Hohngelächter höherer Mächte. Der HSV als Sisyphos, als tragikomische Spottfigur mit eingebautem Elendsmagneten, ausgeliefert irgendeinem Fußballgott, der dem 43-jährigen Erstligisten noch jede Schmach gönnt."

Nach dem 4:0 in Mainz – Andreas Burkert (SZ) warnt die Tabellenspitze vor den Bayern: "Nun sind die heillos verunsicherten Mainzer ein dankbarer Aufbaugegner gewesen für einen angeblich geistig und physisch matten Meister, und dennoch muss die noch vorauseilende Konkurrenz aus Bremen und Schalke fürchten, dass sich die Münchner vor ihrem Winterschlaf noch ein wertvolles Erweckungserlebnis gegönnt haben. Die Bayern dominierten ihren Gegner wie ein feister Kater, der mit einem flugunfähigem Käfer spielt."

Christof Kneer (SZ) malt das Tosen und Toben der letzten Minuten des Spiels zwischen Nürnberg und Hannover in barockem Stil: "Die Schlussphase sah aus wie ein mittelalterliches Schlachtengemälde, mit dem kleinen Unterschied womöglich, dass ein Ball eher selten durch mittelalterliche Bilder fliegt. In Nürnberg aber flog einer, hoch und weit über die Köpfe von weißen und roten Streitern, die wüst durcheinander rannten. Das einzige, was man sah, waren kämpfende Knäuel, und irgendwann hörte man einen Pfiff. Es war zu Ende. In England, wo mittelalterliche Schlachtengemälde Powerplay heißen, hat man so wilde Spiele häufiger gesehen, in der Bundesliga schon lange nicht mehr. Es war die ironische Schlusspointe eines ironischen Spiels, das selbst den Ironiekenner Hans Meyer überforderte. 'Ich bin ja schon ein paar Jahre dabei', sagte er amüsiert, 'aber ich bin nicht in der Lage zu erklären, was heute los war.' Das muss man erst mal schaffen, als Fußballspiel."

1:0 in Bielefeld – Richard Leipold (FAZ) hat die Schalker wegen ihrer Geduld und Ausdauer auf dem Zettel: "Mit dem späten Siegtor gaben sie sich als Meisterschaftskandidat zu erkennen, der im zweiten Quartal Gewinnphantasien geweckt hat. Schalke zeichnete sich durch Ruhe und Routine, Geduld und Glauben aus. Die Gemeinschaft der glücklichen Gewinner zeigte letztlich auch eine Primärtugend, die den knappen Sieg erklärt: Durchhaltevermögen. Diese Eigenschaft wurde am auffälligsten von einem Spieler verkörpert, der erst elf Minuten vor Schluss den Dienst am Ball aufgenommen hatte. Zlatan Bajramovic hätte allen Grund gehabt, sofort wieder Feierabend zu machen. Doch das wollte er seinen Kollegen nicht antun. Schon bei seinem ersten Sprint hatte er einen Muskelfaserriss in der Wade erlitten. Da eine weitere Auswechslung nicht mehr zulässig war, beschloss er durchzuhalten bis zum glücklichen Ende. Seine Kurzarbeit im Krankenstand verhalf Schalke zum Sieg."



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