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20. Dezember 2005, 17:43 Uhr

Bundesliga-Rechte

Zittern um die Sportschau

Wochenlang haben TV-Sender und Medienkonzerne um die begehrten Bundesligarechte gepokert. Morgen wird die DFL das Ergebnis der Verhandlungen präsentieren. Sicher ist: die Preise steigen - eventuell auf Kosten der beliebten Sportschau. Die könnte dem Bezahlsender Premiere weichen. Doch auch der muss zittern.

Hamburg - Dabei hat die ARD im Milliarden-Poker um die TV-Rechte an der Fußball-Bundesliga kurz vor der Entscheidung eigentlich gute Karten. Wenn am morgigen Mittwoch Christian Seifert als Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) das Geheimnis lüftet, dann werden den 36 Proficlubs auf einer Vollversammlung in Frankfurt/Main die künftigen Medienpartner präsentiert. Insidern zufolge geht die Tendenz dahin, der Sportschau die Erstverwertung im Free-TV zu belassen.

Soll beim Poker um die Bundesligarechte gute Chancen haben: Die Sportschau
DPA

Soll beim Poker um die Bundesligarechte gute Chancen haben: Die Sportschau

Die ARD, die bislang 60 Millionen Euro zahlte, hat ihr Angebot auf rund 80 Millionen aufgestockt. "Ein dreistelliger Millionenbetrag wäre politisch nicht darstellbar", sagte ein Insider. Mit der Beibehaltung der Sportschau (möglicher Beginn 18.30 statt bisher 18.10 Uhr) favorisiert die DFL das so genannte Modell C.Danach soll ein Spiel am Freitagabend ausgetragen werden, um das sich die ARD allerdings nicht beworben hat. "Wegen der Europapokalspiele bis Donnerstag können die Partien am Freitag keine Topspiele sein. Deshalb sind die Einschaltquoten für das Free-TV uninteressant", sagte ein Insider. Sechs Spiele sollen am Samstag und wie bisher zwei am Sonntag ausgetragen werden.Auch eine zweite Variante ist denkbar. Würden Premiere und das ZDF den Zuschlag erhalten, würden die Spielzusammenfassungen im "Aktuellen Sportstudio" zu später Stunde ausgestrahlt, bei mehr Exklusivität für Premiere. Die ARD-Variante würde die vor allem bei Fans beliebte "Sportschau" mit einer früheren Ausstrahlung der Zusammenfassungen retten. Außerdem geht in den Vereinen die Sorge um, dass die Sponsorengelder nicht mehr so üppig sprudeln, wenn Bundesliga-Fußball nur ab 22 Uhr im Free-TV zu sehen sein sollte.Bis Dienstag gab die DFL vor allem den Pay-TV-Anbietern mit einer Nachfrist die Chance, ihre Angebote noch einmal nachzubessern. Der Abo-Sender Premiere, der bislang 180 Millionen Euro zahlt, hatte andere Modelle bevorzugt, die eine größere Exklusivität gewährleisten sollen.Mit der Deutschen Telekom und den beiden Fernsehkabelkonzernen Kabel Deutschland (KDG) und Unity Media war Premiere aber ernsthafte Konkurrenz erwachsen. Der Bonner Telekommunikationskonzern gab offenbar Angebote für Live-Übertragungen im Internet mittels DSL-Leitung und auch für die Rechte im frei empfangbaren Fernsehen ab. Diese könnte die Telekom an Sublizenznehmer weiter veräußern.

Premiere will alles oder nichts

Premiere hätte es dagegen am liebsten, wenn die ersten Bilder im Free-TV erst nach 22.00 Uhr im Aktuellen Sportstudio des ZDF zu sehen sein würden. In diesem Fall wäre der Pay-TV-Sender, der auch die Champions-League-Rechte für Abo- und Free-TV ab 2006 erworben hatte, zu einer deutlichen Aufstockung seiner Zuwendungen bereit. Angeblich hat Premiere mehr als 250 Millionen Euro pro Jahr angeboten.Premiere zielt darauf ab, mit einer höheren Exklusivität seinen Kundenstamm von derzeit 3,4 Millionen Haushalten deutlich auszubauen. Bei der letzten Auktion der DFL war Premiere noch der einzige Bieter für die Pay-TV-Rechte, die sich der Sender für 180 Millionen Euro pro Jahr sichern konnte. Der Vertrag läuft aber im Sommer kommenden Jahres aus.Matthew Walker, Analyst bei Lehman Brothers, geht davon aus, dass Premiere diesmal zwischen 300 Millionen und 400 Millionen Euro pro Jahr bieten muss, um die anderen Bieter aus dem Rennen zu schlagen. Sicher ist, dass der Bezahlfernsehsender nicht riskieren kann, die Pay-TV-Rechte an der Bundesliga in Gänze zu verlieren. Dies könnte den Wert des Unternehmens um 50 bis 100 Prozent reduzieren, warnt Walker.Bisher zahlt Premiere für die Fußball-Übertragungsrechte deutlich weniger als europäische Mitbewerber. So lässt sich in Großbritannien die British Sky Broadcasting Group ein vergleichbares Rechtepaket an der englischen Premier League rund 343 Millionen Pfund (507 Millionen Euro) kosten. In Frankreich hatte der zu Vivendi Universal gehörende Sender Canal Plus ein Bietergefecht durch Zahlung von 600 Millionen Euro pro Saison für sich entscheiden können. Der Premiere-Chef Kofler hatte stets betont, nur mehr für die Pay-TV-Rechte zahlen zu wollen, wenn er auch mehr Exklusivität bekommt. Und Kofler will die Rechte an der Bundesliga auch niemandem abkaufen, der ihn zuvor ausgestochen hat und dann mit Profit weiterverkaufen will. Diese Aussagen seien nach wie vor gültig, sagte ein Unternehmenssprecher.Um dieses Szenario zu verhindern, war die ARD in die Offensive gegangen, hatte Clubs und Sponsoren mittels einer "Werberoadshow" besucht. Der Werbewert der Sportschau für die jeweiligen Werbepartner der Vereine sei auf Grund der hohen Reichweite zwischen 80 bis 120 Millionen Euro anzusiedeln. Diese Zahl wird wiederum von Premiere angezweifelt. Die DFL scheint aber der Argumentation der ARD zu folgen und will sich offenbar nicht - wie schon bei Kirch-Media - exklusiv an einen Partner binden.

400 Millionen Euro plus X

Schon jetzt dürfte klar sein, dass der Profi-Fußball vom 1. Juli 2006 bis 30. Juni 2009 mit deutlich mehr Geld aus der TV-Vermarktung rechnen kann. Konnten beim letzten Vertragsabschluss auf Grund der Kirch-Krise gerade einmal 300 Millionen Euro pro Jahr erzielt werden, gelten diesmal 400 Millionen Euro plus X als Richtschnur.Insidern zufolge ist sogar das Erreichen der magischen Halbe-Milliarde-Euro-Schallmauer pro Saison keineswegs illusorisch. "Wir haben die begehrtesten Sportrechte in Deutschland zu vergeben. Die Ausschreibung der TV-Rechte ist die wichtigste Refinanzierungsquelle für die Vereine, die wir haben", sagte Liga-Präsident Werner Hackmann.Eines ist auf jeden Fall klar: Die am höchsten dotierte Offerte dürfte kaum den Zuschlag erhalten. "Wir werden alles versuchen, um für Fans, Clubs und Medienpartner zu einer zufrieden stellenden Lösung zu kommen", erklärte Seifert.Am Mittwoch wird auf jeden Fall ein Schlussstrich unter das umfangreichste und komplizierteste Bieterverfahren gezogen, das es bislang in der deutschen Fernsehlandschaft gegeben hatte. Vergeben werden die Rechte an der 1. und 2. Liga, für Live-Spiele, für Zusammenfassungen, für Spiele von Freitag bis Montag, und die Rechte an der Auslandsvermarktung, Dritt- und Viertrechte, für die Internetverwertung und das Handy.In mehr als 1000 Segmente wurden die einzelnen Angebote aufgesplittet. Der besondere Trick bei der Ausschreibung war, dass die Pakete oft nur Häppchen enthalten hatten. Wer ein großes Ganzes will, muss also mehrere Pakete erwerben. Die DFL hatte für die TV-Übertragungen sechs Übertragungs-Varianten ausgeschrieben.

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