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29. April 2018, 09:31 Uhr

Bundesliga-Rekordsieg vor 40 Jahren

Auf die Zwölf

Genau vor 40 Jahren schlug Borussia Mönchengladbach Borussia Dortmund 12:0, es ist bis heute der höchste Sieg der Bundesligageschichte. Peter Ahrens erinnert sich an einen Nachmittag mit dem Kofferradio.

Der Kirschbaum im Garten war meine Fußballkindheit. Genauer gesagt war der Kirschbaum irgendwann nur noch vor allem ein Torpfosten, weil wir Kinder so oft mit dem Gummiball in seine Krone geschossen hatten, dass er kaum noch Früchte trug. Auf den gelben Ball hatten wir krakelige Fußballer-Unterschriften gekritzelt, Grabowski, Hoeneß, Bonhof. So dass es so aussah, als hätten die Weltmeister von 1974 eigenhändig auf unserem Gummiball ihre Autogramme verewigt.

Am 29. April 1978 lag ein zwölfjähriger Junge auf einer Decke unter diesem Kirschbaum, der Frühling in Ostwestfalen spielte Sommer, und das Transistorradio, das wir mal bei Ilja Richter gewonnen hatten, spielte die WDR-Bundesliga-Konferenz. Letzter Spieltag, der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach punktgleich an der Spitze. Was umso brisanter war, als die Kölner vom mythischen Gladbacher Meistermacher Hennes Weisweiler trainiert wurden. Bei der Borussia hatte der Münchner Erfolgstrainer Udo Lattek Weisweiler abgelöst. Lattek gegen Weisweiler, das Trainerduell des Jahrzehnts. Beide hatten die Vereine gewechselt, aber der Zweikampf ging weiter.

Köln und die Borussia hatten sich seit Wochen gejagt, gehetzt, es war eine Rückrunde, die mir unvergessen bleiben wird. Gladbach war der Titelträger der vergangenen drei Spielzeiten, ich kann mir das heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich als Anhänger der Borussia ein echter Erfolgsfan war. Das Team lag in dieser Saison jedoch meistens in der Verfolgerrolle, aber je länger die Saison dauerte, desto besser kam die Borussia in Schuss. Acht Spieltage vor Schluss schlug die Lattek-Elf Fortuna Düsseldorf nach 0:2 noch 3:2, das Hochgefühl nach dem Siegtor von Jupp Heynckes kann ich noch heute problemlos abrufen. Am vorletzten Spieltag siegte Borussia beim HSV 6:2. Köln wurde nervös, und ich wurde noch nervöser.

Zehn Treffer Vorsprung in der Tordifferenz

Der FC lag in der Tordifferenz vor dem 34. Spieltag allerdings deutlich vorne, er war um zehn Tore besser. Eigentlich unmöglich aufzuholen. Alles war gerichtet für die Kölner Meisterparty, der FC hatte beim schon abgestiegenen Tabellenletzten FC St. Pauli anzutreten, Gladbach hatte Borussia Dortmund zu Gast. Für den BVB ging es um nichts mehr, er war zu jener Zeit ein grauer Mittelfeldklub, vor zwei Jahren erst wieder aufgestiegen. Auf der Trainerbank saß ein noch recht unerfahrener Jungtrainer, er hieß Otto Rehhagel. 90 Minuten später sollte er einen neuen Spitznamen erhalten.

Die Sonne schien, Schiedsrichter Ferdinand Biwersi bat die Spieler aus den Rasen, die kleinen Orte, aus denen die Bundesligaschiedsrichter kamen, vergisst man ja auch nicht mehr. Biwersi aus Bliesransbach, Dieter Niebergall aus Rammelsbach. Biwersi pfiff also an, und 40 Sekunden später verkündete Heribert Fassbender in meinem Kofferradio bereits: "Tor in Düsseldorf!"

Die Gladbacher spielten ihre Heimpartien seit Wochen im Düsseldorfer Rheinstadion, der heimische Bökelberg wurde umgebaut, die Borussia hatte umzuziehen aus der engen eignen Fußballarena in die unendliche Weite des Rheinstadions mit seiner Leichtathletiklaufbahn. Zum Saisonfinale kamen 38.000 Zuschauer, 55.000 hätte reingepasst. Das Parallelspiel der Kölner fand im Hamburger Volksparkstadion statt, dort verloren sich 25.000 Zuschauer, um den wahrscheinlichen neuen Deutschen Meister zu sehen. Dass die Bundesligastadien nicht ausverkauft waren, war vollkommen normal.

Aber diese 38.000 Besucher im Rheinstadion erlebten einen Nachmittag, der ihnen in Erinnerung bleiben würde. Ihren Lebtag lang. Jupp Heynckes traf in der 1. Minute, und so ging es in einem fort. Nach 13 Minuten stand es 3:0, nach einer halben Stunde 5:0, zur Pause 6:0. Über die Dortmunder brach es herein wie alle biblischen Plagen zugleich. Im BVB-Tor stand der arme Peter Endrulat, ein junger Kerl, der bis dahin lediglich sechs Bundesliga-Einsätze hatte und einen Ball nach dem nächsten aus dem Netz fischen durfte.

"Tor in Düsseldorf!"

Je öfter Fassbender schrie: "Tor in Düsseldorf", desto hibbeliger wurde ich unterm Kirschbaum. Köln führte in Hamburg zur Pause nur 1:0, andererseits hatte sich der Vorsprung des Spitzenreiters bisher lediglich halbiert. Und es konnte beim Borussen-Duell ja auch nicht so weitergehen.

Es ging so weiter.

9:0 stand es nach 69 Minuten, und die Kölner hatten in Hamburg erst einen zweiten Treffer erzielt. Plötzlich schien alles möglich, die Borussia stürmte weiter, heute würde man sagen, als gäbe es kein Morgen. Am Ende stand es 12:0, bis jetzt gab es keinen höheren Bundesligasieg. Heynckes hatte fünf Tore erzielt. Aber der FC rettete sich durch ein 5:0 über die Ziellinie. Mit drei Treffern Vorsprung in der Tabelle.

Der BVB hatte sich in die komplette Wehrlosigkeit ergeben, Gladbachs Torwart Wolfgang Kleff, den alle nur Otto nannten, weil er eine gewisse Ähnlichkeit mit Otto Waalkes aufwies, hatte in der zweiten Halbzeit bei einem Ordner sogar nach einem Klappstuhl verlangt, weil er nichts zu tun hatte. Rehhagel hieß danach nur noch "Otto Torhagel", Endrulat bekam beim BVB keinen neuen Vertrag mehr und machte nie wieder ein Bundesligaspiel. In Köln gibt es viele, die behaupten bis heute, an diesem Nachmittag sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Belege dafür gibt es keine.

Aufstellung auswendig im Kopf

Der berühmte Walter Jens hat mal gesagt, er könne den Sturm des ETV Eimsbüttel noch auswendig aus dem Kopf nennen, wenn er das letzte Goethe-Zitat bereits vergessen hätte. So geht es mir mit jener Gladbacher Mannschaft, die am 29. April 1978 den höchsten Sieg der Ligageschichte herausschoss. Kleff im Tor, dann Berti Vogts, der Arbeiter Hans-Jürgen Wittkamp, Winnie Hannes, auf einem Auge blind, der lässige Christian Kulik, Dauerrenner Herbert Wimmer, der coole Horst Wohlers, Kalle del Haye, der weiße Hai gerufen, die beiden Dänen Carsten Nielsen, Allan Simonsen, Jupp Heynckes. Rainer Bonhof, der bis dahin alle 33 Ligaspiele mitgemacht hatte, saß verletzt draußen.

Jupp Heynckes hörte nach diesem Spiel auf, Wimmer und Wittkamp auch, Kleff wurde aussortiert, Bonhof wechselte nach Spanien. Es war der Schluss- und Höhepunkt einer Ära, Gladbach war nie mehr so nah an einer Meisterschaft, all die folgenden 40 Jahre nicht. Den Bökelberg gibt es nicht mehr, das Rheinstadion auch nicht. Beide abgerissen.

Vor fünf Jahren, 35 Jahre später, hat ein WELT-Reporter all die alten Helden von 1978 besucht. Es ist ein sentimentaler, wunderbarer Beriht geworden. Der Reporter Dirk Peitz hat mit Wittkamp Kaffee getrunken, er hat bei dem Bayerntrainer Heynckes in der Pressekonferenz gehockt, er hat mit Kleff über Alter und Krankheit philosophiert, er hat bei Christian Kulik im Garten auf der Terrasse gesessen und über das 12:0 nachgedacht. Ich nehme an, sie haben auf einen Kirschbaum geschaut.

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