Heidenheim in der Bundesliga-Relegation Regionale Spezialitäten

Vor zwölf Jahren noch Oberliga, am Abend in die Bundesliga? Heidenheim hofft vor dem Relegationsrückspiel auf den Sprung ins Oberhaus. Über einen Profifußball-Standort, der anders ist als alle anderen.
Abflug in die Bundesliga? Niklas Dorsch und Heidenheim stehen vor dem großen Coup

Abflug in die Bundesliga? Niklas Dorsch und Heidenheim stehen vor dem großen Coup

Foto:

Sebastian Widmann/ dpa

Der Fußweg zur Heimstätte des 1. FC Heidenheim führt hinauf auf den Schlossberg. Ein mühevolles, steiles Unterfangen, bei der Ankunft kann man schon aus der Puste sein. Man muss etwas erbringen, will man nach oben. Das zumindest könnte die Botschaft hinter dem Aufstieg zum Stadion sein.

Und sie passt auch zum Verein. Mit vielen kleinen Schritten geht es für die Mannschaft des gebürtigen Heidenheimers Frank Schmidt stetig voran. In 13 Jahren führte der 46-Jährige, der dienstälteste Cheftrainer im deutschen Profifußball, den FCH von der Oberliga in die Zweitklassigkeit. Am Abend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; Stream: Amazon Prime, Dazn) spielt der Klub aus der 50.000-Einwohner-Stadt um den ersten Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte.

Gegner Werder Bremen, mit einer Historie von 55 Saisons und vier Meistertiteln in Liga eins, war im Hinspiel keine Klasse besser. Die Partie im Weserstadion endete 0:0.

Dienstältester Coach im deutschen Profifußball: Seit 13 Jahren arbeitet Frank Schmidt als Cheftrainer für Heidenheim

Dienstältester Coach im deutschen Profifußball: Seit 13 Jahren arbeitet Frank Schmidt als Cheftrainer für Heidenheim

Foto: Tom Weller/ dpa

Nun folgt das Rückspiel in der Kreisstadt Heidenheim, 80 Kilometer östlich von Stuttgart an der Autobahn 7 gelegen. Die Voith-Arena ist mit 555 Meter über dem Meeresspiegel das höchstgelegene Stadion Deutschlands - und mit 15.000 Plätzen das kleinste bei einem Bundesliga-Aufstieg. Auf Sicht wäre ein Ausbau auf 25.000 Plätze machbar, sodass theoretisch jeder zweite Heidenheimer einen Platz finden würde, wenn irgendwann mal wieder Zuschauer im Stadion erlaubt sind.

Ein FCH-Starterset für jedes Baby

Um den alten Kiosk auf der Gegengerade, eine Erinnerung an einstige Amateuerzeiten, wurde das Stadion herumgebaut. Am Saisonende feiern die Fans an der Kultstätte auch schon mal gemeinsam mit dem Team. Ohnehin wird den Heidenheimern der Verein quasi in die Wiege gelegt. Im Krankenhaus, in dem auch Schmidt geboren wurde, erhält jedes neugeborene Baby ein FCH-Starterset. 

"Den FC Heidenheim zeichnet ein familiärer Umgang, aber auch ein hoher Anspruch an sich selbst aus. Er hat es verstanden, auch in die Infrastruktur zu investieren und gleichzeitig in schwächeren Phasen, bei Rückschlägen, die Nerven zu bewahren", sagt Jürgen Neff. Der 48 Jahre alte Autor veröffentlicht im kommenden Frühjahr einen Kriminalroman namens "Blutgrätsche", der von der Heidenheimer Fanszene inspiriert wurde. Neff hat miterlebt, wie sich der Verein hoch bis an die Schwelle zur Bundesliga gearbeitet hat.

Ohne Mäzen und Investoren

Heidenheim wäre nicht der erste Klub in der jüngeren Vergangenheit, dem ein Durchmarsch aus der Unterklassigkeit bis in die Bundesliga gelingt. Anders als die TSG Hoffenheim oder RB Leipzig arbeitet der Klub jedoch ohne Mäzen oder Investoren. Und im Vergleich zu diesen Projekten geht es in Heidenheim auch nicht ganz so schnell voran, aktuell ist der Verein in seinem sechsten Zweitliga-Jahr.

Die Grundlage beim FCH bildet der Mittelstand: Ein Netz aus 500 regionalen und inzwi­schen auch über­re­gio­nalen Sponsoren hat der Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald um den FCH gespannt. Als Sanwald 1994 anfing, verfügte der Klub über einen Etat von 80.000 D‑Mark. Inzwischen kommt laut "transfermarkt.de " der fünftwertvollste Kader der 2. Bundesliga aus Heidenheim.

Chefscout Hans-Peter Baamann stand früher selbst für Heidenheim auf dem Platz, Zuverlässigkeit und Sprachkenntnisse gelten für mögliche Zugänge so viel wie sportliche Qualität. Der Klub schaut sich gern in der erweiterten Region um, viele Spieler wechseln aus Freiburg, Ingolstadt, Ulm an die Brenz.

Niklas Dorsch, 22 Jahre, ist einer der spannendsten Heidenheimer Spieler

Niklas Dorsch, 22 Jahre, ist einer der spannendsten Heidenheimer Spieler

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Inzwischen ergänzen immer mehr Talente das Gerüst aus regional gescouteten Spielern, die im zweiten Anlauf den Sprung aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten in den Profibereich schaffen wollen. Mittelfeldspieler Niklas Dorsch wurde in der Jugend des FC Bayern ausgebildet, Abwehrchef Patrick Mainka kam vom BVB, Rechtsverteidiger Marnon Busch stand bei Werder unter Vertrag.

Auch Robert Andrich passt in die Heidenheimer Strategie. Andrich nutzte die Ostalb als Sprungbrett zu Union Berlin in die Bundesliga. Zuvor wurde er bei Hertha BSC ausgebildet, empfahl sich über die dritte Liga für den FCH. Dort lernte er seine eigene Vielseitigkeit als Spieler kennen - und die von Trainer Schmidt: "Heidenheim ist mehr als nur 4-4-2 und gut stehen", sagt Andrich. "Man macht sich gegen jeden Gegner Gedanken, wie man anders spielen kann."

Ein starkes Kollektiv - und ein Werder-Spezialist

Das Hinspiel gegen Werder war dafür bestes Beispiel: Schmidt stellte seine Mannschaft im ungewohnten 3-5-2 auf. Spielten die Bremer ihre Außenverteidiger an, begaben sich Heidenheims dynamische Flügelspieler sofort auf die Jagd nach dem Ball. Versuchte Werder es durch die Mitte, klebten ihnen die drei Zentrumsspieler sofort an den Hacken. Dank ihrer defensiven Disziplin stellte Heidenheim in der vergangenen Saison die zweitbeste Abwehr der Zweiten Bundesliga.

Schmidts Waffe saß in dieser Saison immer öfter auf der Bank: Kapitän Marc Schnatterer ist kein Stammspieler mehr, aber immer noch Heidenheims bester Vorlagengeber. Zwölf seiner 34 Lebensjahre verbrachte Schnatterer im Verein, der Karlsruher SC hatte ihn damals aussortiert. Für ihn könnte es die letzte Chance sein, es als Spieler in die Bundesliga zu schaffen. Die Erinnerungen an Werder sind gut: Beim bislang einzigen Bremer Gastspiel auf der Ostalb, in der ersten DFB-Pokal-Runde 2011, setzte sich Heidenheim 2:1 durch. Siegtorschütze: Marc Schnatterer.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.