Berliner Niederlage in der Bundesliga-Relegation Hilflos BSC

Nach einer erschreckend schwachen Leistung steht Hertha BSC vor dem Bundesligaabstieg. Der HSV-Treffer war dem Niveau der Partie angemessen, die Orakelfähigkeiten von Berlins Trainer Felix Magath besser als seine Spieler.
Hertha BSC steht vor dem Abstieg

Hertha BSC steht vor dem Abstieg

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Szene des Spiels: Nach 57 größtenteils haarsträubenden Minuten fiel ein Tor, wie es dem bisherigen Spiel entsprechend fallen musste. Miro Muheim steckte den Ball auf dem linken Flügel zum startenden Ludovit Reis in die Gasse, dessen Hereingabe wurde länger und länger und changierte noch im Flug von Flanke zu Torschuss, der am zweiten Pfosten einschlug. Der HSV lag in Führung, das Duell war endlich eröffnet.

Ergebnis: Bundesligist Hertha BSC hat das Hinspiel der Relegation 0:1 (0:0) gegen Zweitligist Hamburger SV verloren. Hier geht es zum Spielbericht.

Erste Hälfte: Es war ein Spiel auf Augenhöhe. Also eines, bei dem beide Teams in die Hocke gehen und sich dort in die Augen schauen. Torchancen gab es keine, gelungene Spielzüge nur ganz wenige. Sobald ein Spieler unter Druck geriet, entledigte er sich rustikal des Spielgeräts, die Flanken und Zuspiele im letzten Angriffsdrittel hatten teils Slapstickqualität. Okay, Robert Glatzel köpfte eine Flanke ans Außennetz (40. Minute), das war's. Freundlich ausgedrückt: Die erste von vier Relegationshalbzeiten war dem Kennenlernen gewidmet.

Hand? Ja. Vielleicht. Nein: Nach einem Handspiel von Peter Pekarik forderten die Hamburger Strafstoß, Schiedsrichter Harm Osmers entschied sich nach Ansicht der Videobilder gegen einen Elfmeter, da im Vorfeld der Pekarik-Aktion HSV-Spieler Maximilian Rohr mutmaßlich ebenfalls mit der Hand am Ball war. Eine knifflige Entscheidung, die kein hundertprozentig befriedigendes Ergebnis in sich trug.

Tim Walter mit Torschütze Ludovit Reis

Tim Walter mit Torschütze Ludovit Reis

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Trainer am Anschlag: HSV-Coach Tim Walter glänzte vor der Partie mit »Wir hatten keinen Bock auf vierten Platz, da haben wir uns gedacht: Machen wir es mal anders«-Flapsigkeit, sein Gegenüber Felix Magath schien arg davon ergriffen zu sein, dass sich seine prophezeite Relegationskonstellation wirklich erfüllt hat. Als der Ball rollte, war aber Schluss mit der Feingeisterei, da derwischten beide Trainer in ihrer Coachingzone, klatschten aufmunternd, meckerten, bearbeiteten den Vierten Offiziellen. It's Relegation, Baby.

Zweite Hälfte: Der HSV hatte weiterhin wie erwartet mehr Ballbesitz, agierte gemäß der Trainer-DNA mutig. Aber auch die Hertha kam nach der Hereinnahme von Stevan Jovetić zu einem ersten Abschluss (56.). Dann ging der HSV in Führung (57.), Daniel Heuer Fernandes verhinderte gegen Ishak Belfodil den Ausgleich (61.). Es sollte die einzige Chance der Berliner bleiben, der HSV kontrollierte die Partie gegen einen Gastgeber, der sich völlig von der Rolle präsentierte.

Felix Magath

Felix Magath

Foto: IMAGO/Michael Taeger / IMAGO/Jan Huebner

Legende auf der falschen Seite: Dreimal wurde der Spieler Magath mit dem HSV Deutscher Meister, bei beiden Europapokalsiegen der Hamburger traf er im Finale, er arbeitete als Trainer und Manager für den Klub. Und nun will die 68-jährige Klublegende der einstigen Liebe die Rückkehr ins angestammte Bundesliga-Habitat vermiesen. Es fühlt sich nicht richtig an. Das falsche Gefühl könnte durch Finanzielles abgemildert werden: Angeblich soll der Meistertrainer von 2005, 2006 und 2009 eine siebenstellige Klassenerhaltsprämie erhalten. Auf die Million kommt's bei der Hertha ja auch nicht mehr an.

Dänisches Debüt: Marcel Lotka, der aus der Amateurelf ins Bundesligator gespülte Torhüter der Herthaner, hatte sich gegen den BVB am vergangenen Wochenende einen Nasenbeinbruch und eine Gehirnerschütterung zugezogen. Das brachte dem 19-jährigen Dänen Oliver Christensen sein Debüt im deutschen Profifußball. Pikant: Vor seinem Wechsel nach Berlin hatte sich auch der HSV um ihn bemüht. Rund drei Millionen Euro ließ sich die Hertha den Keeper kosten, der beim Treffer von Reis nicht glücklich aussah. Eine von vielen, vielen Verpflichtungen der Berliner, die sich (noch) nicht ausgezahlt hat.

Oliver Christensen muss der Flanke von Reis hinterherschauen

Oliver Christensen muss der Flanke von Reis hinterherschauen

Foto: IMAGO/Michael Taeger / IMAGO/Jan Huebner

Phlegma und Konzept: Nach dem Gegentreffer wurden den Berlinern die Beine schwerer und schwerer, defensiv lief man viel hinterher. Welchen Plan Magath auch gehabt haben sollte, er ging nicht auf. Der HSV spielte wie gehabt: Bereits in der angelaufenen Zweitligasaison hatten sie mit Abstand den meisten Ballbesitz (62 Prozent) und kassierten dank der hohen Positionierung die wenigsten Gegentore (35) und die wenigsten Niederlagen (sechs).

Entscheidung im Rückspiel: Wer in der Bundesligasaison 2022/2023 den 18. Startplatz einnimmt, entscheidet sich am Montag. Dann treffen die beiden Klubs im Rückspiel aufeinander (20.30 Uhr, TV: Sat.1). Die Statistik spricht für die Hertha: In acht der letzten neun Duelle »Bundesliga gegen zweite Liga« setzte sich das klassenhöhere Team durch. Das Hinspielergebnis spricht für den HSV.