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02. Juni 2015, 14:53 Uhr

KSC gegen HSV

Schafft die Relegation ab!

Ein Kommentar von

Jubel, Trauer, Klassenerhalt in der letzten Minute: Das Drama des Spiels Karlsruhe gegen den HSV zeigt, welche irren Wendungen im Fußball möglich sind. Toll, finden Sie? Nein, pervers. Und höchste Zeit, die Relegation abzuschaffen.

Der Dino lebt, die Uhr tickt, was für ein Chaosspiel, das ist ja wirklich unglaublich, ha!, endlich der KSC vorn, Yaaaaboo, oh neiiin, Freistoß, JAAAAAAAAAAA!, was? Ausgleich, letzte Minute?, Wahnsinn, die waren doch schon tot, das kann doch alles nicht wahr sein, irre, GEIL!!!!!, so muss das, nurderHSV, unabsteigbar, mein Gott, das kann nur der Fußball, Gräfe die Sau, verpfiffen worden, "Bruno kriegt ein Denkmal!".

Es war ein wirklich dramatisches Relegationsrückspiel am Montag in Karlsruhe, als sich der Hamburger Sportverein dank eines späten Freistoßtreffers erst in die Verlängerung rettete und dort dann seine Existenz sicherte. Man kann sich gut vorstellen, wie es währenddessen und danach in deutschen Wohnzimmern aussah, Jubel, Trauer, Kopfschütteln, viel Bier, Kraftausdrücke, Fäuste und Flüche. Irre Geschichte, so alles in allem, das kann eben nur der Fußball, heißt es dann gern. Und von den vielen bewegten Fußballromantikern: Davon werd ich noch meinen Enkeln erzählen.

Ganz ehrlich? Die vielen ungeborenen Enkel tun mir jetzt schon leid. Sie werden dereinst pathostriefende Erzählungen von Opas hören, die entweder tief getroffen waren an jenem Abend oder elektrisiert, aber in jedem Fall völlig befangen. Sie werden die Mär von der Großartigkeit der Relegation hören, wo sich das Schicksal Bahn bricht und große Bundesligaklubs von kleinen Zweitligisten gefordert werden, wo sich die Zukunft von Vereinen und Mitarbeitern in epischen Duellen entscheidet. Wo die "Kleinen" im Rückspiel Heimrecht haben, "das ist fair, Junge!".

So ein Quatsch.

Was ist großartig daran, wenn ein Erstligist 28 Spieltage lang rumwurstelt, drei Trainer rauswirft, um sich dann mit dem vierten auf den drittletzten Platz zu retten, und dann in zwei Spielen eine ganze Saison retten darf? Was ist großartig daran, wenn ein Zweitligist 34 Spieltage lang eine Liga mitbestimmt, kurz davor ist, für jahrelange Aufbauarbeit belohnt zu werden, und dann in zwei Spielen eine ganze Saison verlieren kann? Das ist nicht großartig, das ist pervers.

Zwischen 1982 und 1991 gab es die Relegation schon einmal, 2009 wurde sie wieder eingeführt. Der damalige DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus nannte das "die Rückkehr eines Spannungsfaktors", aber natürlich war es vor allem ein Instrument zum Schutz der Erstligisten, von denen seither nur noch zwei direkt absteigen; der Spannungsfaktor lag im Wesentlichen in dem Thrill, noch später die neue Saison planen zu können.

In 17 Jahren setzte sich fünfmal der Zweitligist durch, seit 2009 schaffte es der Unterklassige zwei Mal. Einmal gegen einen wirtschaftlich schwachen Erstligisten (Cottbus), einmal nach einem Spiel, das heute einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat: Düsseldorf gegen Hertha BSC. Ansonsten triumphierte immer die größere wirtschaftliche Macht. Das Establishment.

Die Wahrheit ist: Wer eine Saison vergeigt, verdient den Abstieg. Wer eine Saison überzeugt, verdient den Aufstieg. Aber die Relegation verdreht die Wahrheit, sie ist eine zweite Chance für die da oben, und eine zweite Hürde für die da unten. Sie ist die Betonierung der bestehenden Ordnung, ein zusätzliches Schloss an der Tür zur Bundesliga. Das kann man so machen, aber man sollte dann nicht mit Spannung und Emotionen kommen.

Ich persönlich würde meinen Enkeln später gern von dem Spiel in Karlsruhe erzählen. Aber was ich gern sagen würde, ist das: Es war das letzte Relegationsspiel. Das Allerletzte.

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