Union Berlin Aufstieg, jetzt!

Union Berlin gibt sich als Klub, der sich dem Erfolgszwang der Branche widersetzt. Aber der erste Bundesliga-Aufstieg über die Relegation gegen Stuttgart wäre elementar für den Verein.
Union-Fans nach dem verpassten direkten Aufstieg in Bochum

Union-Fans nach dem verpassten direkten Aufstieg in Bochum

Foto: Maja Hitij/ Bongarts/ Getty Images

Jeder Verein besteht aus Geschichten. Und bei Union Berlin sind es oft dieselben gewesen. Die, in denen irgendetwas Übermächtiges zu bezwingen war. In denen man sich auflehnen musste, manchmal gegen die Staatssicherheit.

Die großen Erfolge des Zweitligisten aus dem Berliner Osten waren Triumphe gegen die Logik des Geschäfts. So wie 1968, als Union gegen den DDR-Meister Carl Zeiss Jena das FDGB-Pokalendspiel gewann. Oder 2001, als der damalige Drittligist bis ins DFB-Pokalfinale gegen Schalke vordrang. Die "Eisernen", die von Nina Hagen in der Vereinshymne besungen werden ("Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union"), sahen sich schon immer als Unterprivilegierte. Da war es auch okay, wenn sie scheiterten. Und sie scheiterten oft.

Nun aber steht Union Berlin vor dem größten Erfolg der Klubgeschichte. Am Abend beginnt das Relegationshinspiel um den ersten Bundesliga-Aufstieg der Vereinshistorie. Der Zweitligist tritt beim Bundesliga-16. VfB Stuttgart an (20.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, Stream: Eurosport), und die Erzählung vom Kleinen gegen den Großen hat jetzt wieder Konjunktur in Köpenick: "Ich kann mir vorstellen, dass bei den Stuttgartern der Druck ein bisschen größer ist als bei uns", sagt Unions Schweizer Trainer Urs Fischer. "Wir sind der komplette Außenseiter", sagt Kapitän Christopher Trimmel. Stuttgart war fünfmal Deutscher Meister, Union nie besser als der nun erreichte dritte Platz in Liga zwei.

Dass auf dem Weg zu diesem Aufstiegsfinale auch das Scheitern inbegriffen war, als Union am Sonntag beim 2:2 in Bochum nur ein Tor zum direkten Aufstieg fehlte, das passt zum Klub.

Ende der Selbstgenügsamkeit

Aber bei Union hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert - in der Selbstwahrnehmung und den eigenen Ambitionen. Das begann schleichend in der Klubführung, hat aber mittlerweile auch Teile der Fans erreicht. "Es ist Quatsch zu behaupten, dass wir kein normaler Klub sind. Wir spielen nach denselben Regeln wie die anderen, wir haben nur ein paar Eigenheiten", sagt Sebastian Fiebrig.

Der 39-Jährige ist seit vielen Jahren Fan und betreibt den Union-Blog sowie den Union-Podcast "Textilvergehen ". Er hat miterlebt, wie sich der Verein nach der Wende entwickelt hat. Zu DDR-Zeiten war er abgehängt vom Stadtrivalen BFC Dynamo, der - von der Stasi hofiert - zum Rekordmeister aufstieg. Im Kapitalismus nach der Wiedervereinigung fand der Klub seinen Platz als einer, dem das Familiäre oft wichtiger war als der Erfolg. Hier bauten die Fans selbst das Stadion an der Alten Försterei aus dem Jahr 1920 um. Hier spendeten sie Blut, als es dem Verein dreckig ging. "Bluten für Union" hieß die Aktion, die Aufwandsentschädigung für die Spender ging dann direkt an den Verein. Und hier, bei Union, singen sie zu Weihnachten im Stadion gemeinsam "Stille Nacht".

Aus diesem Gemisch aus tradiertem Außenseitertum und einer gewissen Kapitalismuskritik entstand irgendwann eine Selbstgenügsamkeit und ein Trotz, den man vielleicht nur im Osten versteht. Der Rückzug ins Private, das hat hier Geschichte. Und das führte lange zu einer Aufstiegsskepsis bei den eigenen Fans. 2017, als Union plötzlich auf Bundesligakurs lag (und am Ende Vierter wurde), sah man im Union-Block ein ironisches Transparent, das aber die Zerrissenheit des Klubs gut wiedergab: "Scheiße, wir steigen auf."

Das sei heute etwas anders, sagt Blogger Fiebrig. "Dieses Akzeptieren von Mittelmaß ist langsam weg bei uns. Es wäre ein Ignorieren von Fakten, wenn wir sagen: Hauptsache nicht absteigen." Und Fiebrig glaubt, dass die Relegation für den Klub deshalb auch elementar ist: "Der Aufstieg wäre aus vielen Gründen extrem wichtig für Union."

Dar Fall Quattrex

Der Klub will die Alte Försterei von aktuell 22.000 auf 37.000 Plätze ausbauen. Derartige Zuschauerzahlen hatten in der abgelaufenen Zweitligasaison nur der HSV und Köln (je 49.000 im Schnitt). Um 37.000 Plätze zu füllen, braucht es Erstligafußball - zumal in einer Stadt, in der auch Hertha BSC und Erstligisten anderer Sportarten um das Publikum buhlen. 38 Millionen Euro sollen die Baumaßnahmen kosten. Auch das finanziert man besser als Bundesligist. Allein die TV-Einnahmen würden in Liga eins um mindestens zehn Millionen Euro steigen.

Und dann geht es ja auch darum, weiter so rasant zu wachsen wie zuletzt. Noch 2016 hatte Union knapp 14.000 Mitglieder . Heute sind es mehr als 22.000. Union boomt, aber darauf will man sich nicht ausruhen. Im Kapitalismus bedeutet Stillstand einen Rückschritt. Schon 2017 sagte Vereinspräsident Dirk Zingler: "Wir streben den Aufstieg an. Ein sich Zufriedengeben mit der Zweiten Liga kann einen sehr gefährlichen Zustand erzeugen."

Sportlich und finanziell gehört Union in Liga zwei sowieso längst zum obersten Segment. Mit 16,32 Millionen Euro hat man einen der höheren Lizenzspieleretats (der HSV und Köln spielten wirtschaftlich in einer anderen Liga). Vor der Saison gaben nur Köln (16,4 Millionen Euro) und Ingolstadt (7,4) mehr Geld für neue Spieler aus als Union (2,35). Nur Köln und Hamburg hatten einen höheren Kaderwert  als die Berliner.

Die finanziellen Anstrengungen waren auch möglich, weil Union in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt 6,3 Millionen Euro vom Investmentfonds "Quattrex German Opportunities" erhielt, der Fußballklubs mit frischem Geld versorgt und auf Rendite spekuliert, die im Fall von Union an TV-Gelder geknüpft ist. Weil Stuttgarts Präsident Wolfgang Dietrich, der einst das Firmengeflecht um die Quattrex Sports AG und die Quattrex Finance GmbH gründete, nach Recherchen des "Kicker"  finanziell von einem Union-Aufstieg profitieren könnte, geriet der 70-Jährige vor der Relegation des VfB gegen Union in Bedrängnis . Bei Twitter wurde für das Spiel aufgrund des möglichen Interessenkonflikts daher der Begriff "El Quattrexico" entworfen.

Eine neue Geschichte erzählen

Ob Union den bestehenden Kader zusammenhalten kann, wenn der Aufstieg gegen Stuttgart verpasst werden würde, ist durchaus ungewiss. Spieler wie Grischa Prömel im defensiven Mittelfeld oder Florian Hübner im Abwehrzentrum haben ebenso einen Markt wie Angreifer Sebastian Andersson - mit zwölf Saisontreffern Unions gefährlichster Mann.

Aber um nicht an eine Wachstumsgrenze zu stoßen, geht es auch darum, eine neue Geschichte mit dem Verein zu erzählen: "Bisher war es die vom Underdog, der gern mal scheitert, wenn es wichtig wird", sagt Blogger Sebastian Fiebrig. "Mit dem Aufstieg wäre es die von einem Klub, der sich auf eine etwas schräge, ostdeutsche Art dorthin gekämpft hat, wo andere ganz natürlich hingehören."

Stand im Union-Block 2017 noch "Scheiße, wir steigen auf", wird man in Stuttgart und beim Rückspiel am Montag in Berlin nun einige Berliner Anhänger mit den Buchstaben "AJ" auf T-Shirts und Bannern sehen. AJ steht für "Aufstieg, jetzt!"

Verwandte Artikel