Bundesliga-Rückrunde Ballacks Tränen, zwei Slomkas und ein armer Teufel

Wo spielt Michael Ballack in der kommenden Saison? Und welche Clubs bestimmen die Rückrunde der Fußball-Bundesliga? SPIEGEL ONLINE hat in die Zukunft geschaut - und überraschende Antworten gefunden. Die Hauptdarsteller: Zwei Trainer mit tragischem Schicksal und ein Maskottchen auf Abwegen.

Von


Die Hinrunde hatte eine deutliche Sprache gesprochen. Ganz laut sagte sie: Meister wird Bayern, der Rest wird sich fügen. Einige Überraschungsteams wurden noch verkündet, darunter der Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt. Ansonsten war Schweigen. Daran hielt sich auch die Rückrunde erstmal, doch dann begann auch sie zu reden.

Bayern-Star Ballack: Ausgetrickst beim Vertragspoker
Getty Images

Bayern-Star Ballack: Ausgetrickst beim Vertragspoker

Die erste verblüffende Mitteilung im Februar: Der MSV Duisburg ist das Überraschungsteam der ersten Spiele. Die Mannschaft von Neutrainer Jürgen Kohler ("Mourinho kannte vorher auch keiner") gewinnt vier Partien in Folge, nähert sich den Uefa-Cup-Plätzen und überzeugt dabei vor allem mit seiner Betonabwehr. Kohler ("Der Libero ist die Zukunft") lässt mit einem neuartigen 8-1-1 spielen, an dem nacheinander Stuttgart, Kaiserslautern, Dortmund und auch Mönchengladbach verzweifeln. Die Serie von "Trainerfuchs Kohler" ("Kicker") endet erst mit einem 0:0 bei seinem früheren Arbeitgeber Bayer Leverkusen.

Auf Schalke ist man ähnlich angetan vom neuen Übungsleiter. Mirko Slomka überzeugt sogar Neu-Präsident Rudi Assauer, der von einer Verpflichtung des Coaches ("Auf Slomka wäre ich nicht gekommen") ursprünglich nicht begeistert war. Schalke gewinnt fünf Spiele in Serie, dann wird der Erfolgstrainer ("In der Szene bin ich ein Begriff") ins "Aktuelle Sportstudio" eingeladen. Nach dem Interview mit Katrin Müller-Hohenstein kennt ihn das ganze Land. Die Neu-Moderatorin stolpert zwar nicht über das legendäre "Schalke 05", spricht den Gast jedoch mit "Marietta Slomka" an.

März - Legenden mit Weißbier

In Kaiserslautern geht es drunter und drüber. Nach der 0:4-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund gibt es bei den Pfälzern schon die zweite Trainerentlassung der Saison. Vorstandsvorsitzer René C. Jäggi wirft Wolfgang Wolf raus - nicht ohne gleichzeitig seine eigene Demission zu verkünden. Der Hinweis eines lokalen Reporters, das habe er doch bereits bei der Entlassung von Michael Henke im Oktober erklärt, wird mit dem Satz "Es geht jetzt um das Wohl des Gesamtvereins und nicht um Einzelschicksale" abgebügelt.

Einen Tag später die Überraschung: Jäggi will doch bis Saisonende weitermachen - und präsentiert auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz gleich den Nachfolger. Oder besser: die. Das Duo Ciriaco Sforza ("Es geht jetzt um das Wohl des Gesamtvereins") und Mario Basler ("Mein Einzelschicksal ist mir schon wichtig") sollen es richten. Nur die Rollenverteilung der beiden ist noch nicht ganz klar. Im Training werden deshalb vorerst nur Ecken und Freistöße geübt. Im Anschluss gibt's Weißbier.



Auch in Leverkusen geht es um die Rollenverteilung. Der Verein ist in einer Zwickmühle: Michael Skibbes Team ist mit sieben Unentschieden in die Rückrunde gestartet - und damit schon seit neun Spielen ungeschlagen. Doch der ehemalige Vorzeigeverein hat auch seit 13 Spielen nicht mehr gewonnen und dümpelt im Tabellenkeller herum. Was tun? Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wählt den Mittelweg. Skibbe bleibt Trainer, bekommt aber Rudi Völler ("Wir hatten beim DFB eine gute Zeit") als Teamchef vorgesetzt. Der erste Auftritt (4:1 in Mainz) wird zum Triumphzug für das neue alte Traumduo: Am Bruchweg jubeln selbst die Mainzer Fans über jede gelungene Aktion der Gäste.

April - Tränen in München

Es ist das Bild des Jahres: Michael Ballack auf der Seite 1 der "Bild"-Zeitung, mit Tränen in den Augen und drei weißen Blättern in der Hand. Daneben die Überschrift: "Ballack: Jetzt rede ich!" Was ist passiert? In einem offenen Brief an "alle meine tollen Fans" schreibt sich der Nationalmannschaftskapitän den Frust von der Seele. Inhalt des erschütternden Dokuments: Wie Ballack zum Verbleib in München gezwungen wurde. Einen Tag zuvor hatte Bayern-Manager Uli Hoeneß - ebenfalls via "Bild" - verkündet, Ballack bleibe weitere acht Jahre bei Bayern, sogar eine Reduzierung des Gehaltes habe der Mittelfeldmann klaglos akzeptiert. Ballack selbst schildert nun, wie es wirklich zu seiner Unterschrift kam.

Real Madrid habe ihm schon im Januar ein "sehr tolles Angebot" gemacht. Danach habe er noch mal mit Uli Hoeneß verhandeln wollen ("Ich wollte ihn aber nicht hochtreiben, ehrlich!"), sei aber vertröstet worden. Dann habe er dem Bayern-Manager den unterschriftsreifen Real-Vertrag gezeigt. Hoeneß habe ihn kurz rausgebeten, dann wieder rein. "Und dann sagte er, ich könne gehen. Er hätte aber noch einen Werbevertrag mit Alpecin, den müsste ich nur unterschreiben." Er habe unterschrieben, "aber es war stattdessen ein neuer Vertrag mit dem FC Bayern! Wie sollte ich das wissen?" rauft Ballack sich die Haare.

Der 1. FC Kaiserslautern trennt sich unterdessen von Sforza und Basler. Zwar hat das Team fünf Freistoßtore in sieben Spielen erzielt, aber leider nur einen Punkt geholt. Abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz liegend richtet Jäggi ("Wir brauchen jetzt einen harten Hund") eine Anfrage an alle noch lebenden Trainerurgesteine. Es hagelt Absagen von Karl-Heinz Feldkamp ("Will mir nicht meinen guten Namen kaputtmachen"), Klaus Schlappner ("Ich ziehe den Hut vor der Tradition des Vereins, aber ich habe keine Lust") und Udo Lattek ("Was Sie da mit dem Mario gemacht haben, war nicht in Ordnung"). Rolf Schafstall und Rudi Gutendorf sind unbekannt verzogen.

In seiner Verzweiflung schreibt Jäggi die Trainerstelle im Vereinsheim aus. Doch nur einer bewirbt sich: das Maskottchen der Pfälzer. Die Argumente des Roten Teufels ("In der Szene bin ich ein Begriff und Mourinho kannte vorher auch keiner") überzeugen Jäggi. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga wird ein Maskottchen Trainer. Im englischen Hartlepool hatte es eines sogar mal zum Bürgermeister geschafft. Erster Erfolg des neuen Coaches: Beim 4:7 in Mönchengladbach schießt der FCK erstmals seit dem 2. Spieltag (5:3 gegen Duisburg) wieder mehr als drei Tore.

Mai - Schicksale

Die meisten Entscheidungen sind gefallen. Bayern wird schon am fünftletzten Spieltag Deutscher Meister, Torschützenkönig ist Lauterns Freistoßspezialist Halil Altintop ("Mein Einzelschicksal führt mich nach Schalke"), und auch die Absteiger stehen fest. Letzter wird Kaiserslautern, das mit dem Roten Teufel auf der Bank immerhin beim VfL Wolfsburg 2:1 gewinnt. Jäggi ("Wir gehen mit dem Trainer in die Zweite Liga") tritt wie erwartet zurück und wird Manager bei Pokalsieger FC St. Pauli. Als 17. steigt der MSV Duisburg ab, der den verletzungsbedingten Ausfall von Libero Dirk Lottner nicht verkraftet. Trainer Kohler ("Jetzt bin ich in der Szene ein Begriff") wird Maskottchen bei Bayer Leverkusen. Auch der 1. FC Köln muss den Gang in die Zweite Liga antreten. Real Madrid verpflichtet daraufhin Matthias Scherz als Ballack-Ersatz.

Jubel stattdessen in Hamburg: Am letzten Spieltag sichert sich der HSV mit einem Sieg gegen Werder Bremen den zweiten Tabellenplatz - und damit die direkte Qualifikation für die Champions League. Das Spiel wird zur großen Show des Ailton, der zwei Minuten vor dem Ende sein erstes Tor für die Hamburger erzielt. Trainer Thomas Doll ("Ich habe immer an ihn geglaubt") hatte ihn kurz zuvor eingewechselt. Gästetrainer Thomas Schaaf und Werder-Manager Klaus Allofs ("Da haben wir wohl verwachst"), die als Tabellenvierte mit dem Uefa-Cup vorlieb nehmen müssen, machen die schlechten Platzverhältnisse für die Niederlage verantwortlich.

Und Mirko Slomka? Der muss leider gehen. Der Trainer hat Schalke auf den dritten Platz geführt mit der Chance auf die Champions League - nur durch Ailtons Tor gegen Bremen wurde die direkte Qualifikation für die Königsklasse verhindert. Aber das Erreichte ist zuwenig für die hohen Erwartungen beim Vizemeister. Slomkas Entlassung wird von Assauer mit einem lapidaren Satz ("Wir haben uns um einen Platz verschlechtert") begründet - und im "Heute-Journal" exklusiv vermeldet.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.